2. Jan. 2015Erdnusspuren in vielen Lebensmitteln

Mit oraler Immuntherapie die Erdnussallergie kontrollieren?

Mehrere kleinere Studien deuteten bereits darauf hin, dass eine orale Immuntherapie Erdnussallergien wirksam unterdrücken kann. Eine erste Phase- II-Studie stützt nun diese These.

Eine Schale mit verschiedenen Nüsse
iStock/margouillatphotos

Etwa 0,5–1,4 % aller Kinder in Industrieländern leiden an einer Erdnussallergie
einer akzidentellen Aufnahme. Allergische Reaktionen sind mit jährlich 14–55 % daher keine Seltenheit.

Erdnusspuren in vielen Lebensmitteln

Das Team um Dr. Katherine Anagnostou vom Department for Medicine an der University of Cambridge untersuchte die Wirksamkeit einer aktiven oralen Immuntherapie (OIT) an 99 allergischen Patienten.1 49 von ihnen erhielten in ansteigenden Dosen (Maximum 800 mg/Tag) über 26 Wochen pulverisiertes Erdnussprotein.

Nach Abschluss der ersten Phase waren 62 % der aktiv Behandelten desensibilisiert, d.h., sie tolerierten eine kumulative Dosis von 1400 mg Erdnussprotein (entspricht zehn der Hülsenfrüchte).

Ein Therapie- erfolg ist möglich, aber der Preis dafür ist hoch Die Wirksamkeit einer oralen Immun- therapie konnte schon mehrfach belegt werden. Gerade was die Desensibilisier- ung bei Erdnuss-allergien angeht, ist aber weiterhin Vorsicht geboten, mahnt Dr. Katharina Blümchen von der Klinik für Pädiatrie der Charité in Berlin, Campus Virchow-Klinikum.

Ein Großteil der Kinder mit überwiegend moderaten Nebenwirkungen spricht sehr gut darauf an, während andere sehr heftig reagieren. Dieses Muster findet sich in allen Untersuchungen wieder. „Wir wissen, dass wir vielen kleinen Patienten etwas Gutes damit tun können, es lässt sich aber nach wie vor nicht einschätzen, wer genau davon profitiert oder wem wir damit scha-den“, betont die Kollegin im Gespräch mit Medical Tribune.

Die Datenlage ist ohnehin sehr dünn. Es liegen bislang nur zwei kontrollierte – eine davon placebokontrolliert – Studien vor, der Rest sind Pilotstudien.

"Wir wissen nicht genau wer davon profitiert und wem wir schaden."

Und bei einer Gesamtzahl von 364 Nahrungsmittel-Allergikern, die mit oraler oder sublingualer Immuntherapie behandelt wurden, brauchten ca. 10 % wegen schwerer Nebenwirkungen Adrenalin intramuskulär.

Man zahlt also einen recht hohen Preis für eine möglicherweise wirksame Therapie. Zudem lässt sich nicht sicher vorhersa-

gen, welche Kinder besonders gefährdet sind. „Einige Faktoren kristal-lisieren sich langsam heraus, so hat ein niedriges IgE positiv prädiktiven Wert für den Behandlungserfolg“, berichtet die Kollegin. Die Ergebnisse einer derzeit in Deutschland laufenden multizentrischen und placebokontrollierten Studie mit 63 Patienten könnten vielleicht mehr Klarheit bringen.

Auf jeden Fall darf eine OIT bei Erdnuss-allergikern nur unter strengem Monitoring und in klinischen Studien erfolgen und die Gefahr schwerer Nebenwirkungen muss immer im Bewusstsein bleiben.

Milde Nebenwirkung: Juckreiz und Übelkeit

84 % vertrugen 800 mg (5 Nüsse). In der Kontrollgruppe war erwartungsgemäß niemand desensibilisiert. Danach bekamen auch die Probanden aus dieser Gruppe die 26-wöchige OIT. Nach Therapieende tolerierten 54 % eine Erdnussmenge von 1400 mg und 91 % vertrugen zumindest 800 mg Erdnüsse. Die OIT steigerte darüber hinaus die Lebensqualität.

Häufigste und überwiegend milde Nebenwirkungen waren Juckreiz im Mund nach Applikation sowie gastrointestinale Symptome wie Übelkeit und Erbrechen. Die Autoren glauben, dass die OIT Betroffenen erlaubt, Erdnüsse sogar in größeren Mengen, als sie in handelsüblichen Snacks enthalten sind, gefahrlos zu sich zu nehmen.

Weitere Untersuchungen sind aber nötig, insbesondere will man herausfinden, ob eine dauerhafte Zufuhr des Proteins nötig ist, um den Schutz aufrechtzuerhalten.

Orale Immuntherapie hilft bei jedem Zweiten

Die Erdnuss-OIT sollte zudem spezialisierten Zentren vorbehalten sein. Der Editorialist Dr. Matthew Greenhawt hält die Therapie dagegen derzeit noch für experimentell und nicht bereit für den klinischen Einsatz.2 Es mangele vor allem an Wissen über die Wirkmechanismen und Langzeiteffekte.

Außerdem sei noch zu wenig über die Heterogenität der Allergie bekannt, die eventuell eine ebensolche Heterogenität in der Behandlung erforderlich macht.

Es sei naiv, die OIT als Methode anzusehen, die für alle passt. Andererseits räumt er ein, dass man die Therapie auch nicht voreilig als Versager erachten darf, falls sie letztlich nur bei einer kleinen Gruppe von Betroffenen Erfolge zeigt.

Quelle:

1. Katherine Anagnostou et al., Lancet 2014; 383: 1297-1304
2. Matthew J. Greenhawt, a.a.O.: 1272-1274