19. Juni 2013Menschen die an einer Migräne mit Aura leiden

Migräne mit Aura – Herz und Hirn in Gefahr

In einer Women’s Health Studie wurden ab 1993 fast 28 000 Frauen im Alter von in­itial mindestens 45 Jahren über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtet. Zu Beginn hatten 5130 von ihnen angegeben, an Migräne zu leiden, davon 40 %, also etwa 2000, an einer Migräne mit Aura, berichtete der Neuroepidemiologe Professor Dr. Tobias Kurth von der Universität Bordeaux Segalen.

Junge FRau mit Migräne hält ihr Kopf
iStock/seb_ra

Migräne mit Aura Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten?

Während der Nachbeobachtungszeit traten 1030 größere kardiovaskuläre Ereignisse auf, was einer Inzidenzrate von 2,4 pro 1000 Frauen und Jahr entspricht. Der zahlenmäßig wichtigste Risikofaktor war ein systolischer Blutdruck von ≥ 180 mmHg mit einer adjustierten Inzidenzrate (aIR) von 9,8.

Bereits an zweiter Stelle folgte die Migräne mit Aura (aIR 7,9) noch vor dem Diabetes mellitus (aIR 7,1). Die für einen Myokardinfarkt positive Familienanamnese (aIR 5,4), Rauchen (aIR 5,4) und ein Body-mass-Index von mindestens 35 kg/m2 (aIR 5,3) bestätigten sich als Risikofaktoren.

Der traditionelle Framingham-Risikoscore ist zwar nach wie vor der stärkste Risikoindikator für kardiovaskuläre Ereignisse. Diese Analyse zeigt jedoch, dass eine Migräne mit Aura durchaus eine bedeutende Rolle spielen kann – trotz gewisser Einschränkungen: So wurden die Teilnehmerinnen der Women’s Health Study nicht explizit nach einer Migräne mit Aura gefragt, sondern nur ob sie „vor einem Migräneanfall Warnsymptome verspürten“.

Darunter sind neben einer Aura sensu stricto (Sehstörungen, Kribbeln und Taubheitsgefühle, Schwächeanfälle) auch Prodrome zu verstehen wie Stimmungs- oder Verhaltensschwankungen, die durch Störungen des Flüssigkeitshaushaltes, Durst oder Hunger hervorgerufen werden können. Auf alle Fälle scheint die Migräne mit Aura als Warnzeichen weitaus wichtiger zu sein, als man bisher annahm.

Unklar ist allerdings, ob sie kausal mit den kardiovaskulären Ereignissen assoziiert ist. Deshalb wäre es auch verfrüht, die Prävention von Migräneattacken bei diesen Patientinnen als kardiovaskuläre Prophylaxe zu propagieren.

Migräne-Prävention: Studien stehen noch aus

Auf jeden Fall aber sollten die Zusammenhänge mit betroffenen Patientinnen diskutiert werden, vor allem wenn diese weitere Risikofaktoren – Bluthochdruck, Östrogen-Ersatztherapie, Rauchen etc. – aufweisen. Man kann sich dann auf solche nachweislich beeinflussbaren Risikofaktoren konzentrieren, um das kardiovaskuläre Risiko so weit wie möglich einzudämmen. Um einen eventuell vorhandenen Präventiveffekt einer Migräne-Prophylaxe nachzuweisen, wird es unumgänglich sein, große randomisierte Studien durchzuführen. Eine weitere offene Frage ist, ob die geschilderten Zusammenhänge auch für jüngere, das heißt unter 45 Jahre alte Frauen gelten.

Quelle: 65th Annual Meeting of the American Academy of Neurology in San Diego