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European Immunization Week 2019

Was der e-Impfpass bringt

Durchimpfungsraten sind in Österreich wieder in aller Munde. Ihre Berechnung ist derzeit jedoch alles andere als simpel. Der e-Impfpass soll das ändern – und gleichzeitig den papierenen Impfpass als Dokumentation ablösen sowie an ausstehende Impfungen erinnern. Ein Beispiel aus Finnland zeigt außerdem, dass ein Impfregister wie der e-Impfpass helfen kann, Impflücken zu schließen.

Bis 2015 erfolgte die Berechnung österreichischer Durchimpfungsraten mithilfe einer aufwendigen Analyse der Aufzeichnungen aus den Bundesländern zu administrierten Impfdosen pro Jahrgang. Mit dieser Übung konnte zwar die kumulative Durchimpfungsrate berechnet werden, andere Faktoren wie Immigration, Emigration, Tod wurden jedoch nicht berücksichtigt. Neben Unmengen an Schreibarbeit hatte diese Art der Berechnung noch weitere Nachteile, etwa, dass die Ethikkommission regelmäßig vor der Herausgabe von detaillierteren Daten involviert werden musste. Seit 2016 wird ein dynamisches agentenbasiertes Simulationsmodell herangezogen, mit dem Bioinformatiker an der TU Wien die Durchimpfungsraten des Vorjahres berechnen können, in denen auch Bevölkerungsveränderungen realitätsgetreu abgebildet sind. 2020 soll sich diese Vorgangsweise wieder ändern: Dann soll der e-Impfpass den komplizierten Prozess vereinfachen. Auf der Auftaktveranstaltung zur Europäischen Impfwoche Ende April 2019 stellte PD Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, PhD, vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz diesen vor.

Mehr als eine elektronische Version des gelben Zettels

Im Juni 2018 hatte die Bundeszielsteuerungskommission die ELGA GmbH mit der Umsetzung des Piloten zum e-Impfpass beauftragt. Im e-Impfpass sollen ab 2020 konsolidierte, individuelle Impfdaten aufgezeichnet, gespeichert und bei Bedarf abgerufen werden können. Jeder Österreicher soll auf lange Sicht eine elektronische Version des bisher üblichen papierenen Impfpasses angelegt bekommen – spezifische Impfempfehlungen sollen ihm bei der Orientierung helfen, welche Impfungen fehlen, ein Impf-Erinnerungs-Service soll ihn auf ausstehende Impfdosen aufmerksam machen.

Neben dem individuellen gibt es auch einen gesundheitspolitischen Aspekt des geplanten Systems: Das Kollektiv der individuellen Impf-Aufzeichnungen zusammen mit den Faktoren Wohnort und Impfzeitpunkt soll helfen, etwa im Bedarfsfall einen Überblick über den Immunisierungsstatus der Bevölkerung einer bestimmten Region zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmen zu können. Diese Informationen können helfen, Regionen mit Nachholbedarf zu identifizieren, Maßnahmen zur Schließung der Impflücken können besser entworfen werden. Zusätzlich soll das Management von Infektionsausbrüchen verbessert werden: Treten künftig gehäufte Masern-Fälle an einem Ort auf, wird es leichter sein, herauszufinden, wer dort geimpft ist.

Die geplante Implementierung

Laut Paulke-Korinek wird es ab 2020 eine beschränkte Anzahl ausgewählter niedergelassener Ärzte (also z.B. Kinderärzte oder Allgemeinmediziner) sowie Landessanitätsdirektionen in Wien, Niederösterreich und der Steiermark geben, die den vorläufigen e-Impfpass ausgeben können. Bis jetzt ist unklar, wie viele Ärzte an der Implementierungsphase teilnehmen werden. Der Pilot soll vorerst an Kinder bis zum Alter von sechs Jahren ausgegeben werden.

Ab 2021 soll der elektronische Impfpass schrittweise auf weitere Ärzte ausgeweitet werden und dann auch bei Erwachsenen den Papier-Impfpass ablösen. Grundsätzlich ist geplant, dass jede Person, die berechtigt ist, zu impfen, Daten ins Register eintragen kann. Dies dürfte jedoch noch Jahre dauern.

Da die erstellten Daten mithilfe der Infrastruktur von ELGA verwaltet werden, werden Krankenhäuser, Kinderärzte sowie Allgemeinärzte Zugang zu ihnen haben. Auch Schulärzte sollen die Möglichkeit haben, Daten in den e-Impfpass einzutragen.

Meilensteine Rechtsbasis und Software-Erstellung

Die aktuell größte Herausforderung beim e-Impfpass ist dessen rechtlicher Rahmen, mit dem sich das Gesundheitsministerium derzeit beschäftigt. Besonders der Datenschutz ist hier ein großes Thema. Informationen im e-Impfpass sollen vertraulich behandelt werden, müssen aber für unterschiedliche Personen und Einrichtungen abrufbar sein. Wiederholt kommt die Frage aus dem Publikum, ob Personen, die sich für ein „Opt-out“ aus ELGA entschieden haben, einen e-Impfpass erhalten werden. „Aus wissenschaftlicher Sicht müssen wir alle österreichischen Personen in das neue System inkludieren“, so Paulke-Korinek. Außerdem: Die ELGA GmbH führt nur die technische Umsetzung des e-Impfpasses durch, was heißt, dass auch Personen einen e-Impfpass erhalten sollen, die nicht in ELGA erfasst sind. „Denn das Erfassen der Ungeimpften ist für die Umsetzung besonders wichtig.“

Eine weitere Hürde ist die funktionelle Logik des e-Impfpasses: Nachdem jede Impfung ihre eigenen Intervalle in unterschiedlichen Altersgruppen hat, ist es derzeit schwierig, die richtigen Empfehlungen für jede Impfung festzulegen.

Langfristige Vorteile, aber voraussichtlich auch Mehrarbeit für Ärzte

„Anstatt sich in Zukunft bei jedem Patienten durch fünf oder sechs Impfpässe zu wälzen, können Ärzte in Zukunft den aktuellen Impfstatus elektronisch abfragen“, benennt Paulke-Korinek den offensichtlichsten Vorteil, den der e-Impfpass für Ärzte hat. Ein Empfehlungs- und Erinnerungssystem soll Patienten außerdem rechtzeitig zur Auffrischungsimpfung in die Arztpraxis bringen.

Angedacht ist außerdem, „alte“ Impfdaten in den e-Impfpass zu übertragen, um beispielsweise Impf-Erinnerungen zu berechnen. Wie dieser Vorgang optimiert werden kann, wird derzeit noch diskutiert. Eine weitere Frage, die mehrfach aus dem Publikum kommt: „Wer würde die Daten aus dem Papier-Impfpass in den e-Impfpass eintragen?“ Für Paulke-Korinek ist das zumindest für Auffrischungsimpfungen klar: „Der Arzt, der eine Folgeimpfung verabreicht, würde auch die Basisimmunisierung und vorhergehende Auffrischungen eintragen.“ Auch Daten, die in unterschiedlichen Impfregistern vorhanden sind, sollen eingespeist werden können. Das ist jedoch nur möglich, wenn eine ausreichende Datenqualität garantiert werden kann. Für alle anderen Posten, die bisher nur auf Papier stehen (etwa Kindheits-Impfungen bei erwachsenen Patienten) würden in diesem Fall jedoch wohl ebenfalls Impf-Ärzte verantwortlich sein, denn „wer die Daten einträgt, ist auch verantwortlich für ihre Richtigkeit“, so Paulke-Korinek. „Das wird also nicht jeder machen können.“

Wie ein Register funktionieren kann – am Beispiel Finnland

Finnland ist schon lange vorbildlich beim Thema Impfen: Bei 2016 geborenen Kindern wird derzeit eine Diphtherie-Tetanus-Pertussis-Hib-Poliomyelitis-Hepatitis-B (DTAP-IPV-HIB-HB)-Durchimpfungsquote von 99 Prozent verzeichnet (in Österreich lag die Polio-Durchimpfungsrate bei den Zwei- bis Vierjährigen bei 83 Prozent), bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) sind es 96 Prozent (in Österreich hatten 2017 bei den Zwei- bis Fünfjährigen nur 89 Prozent die zweite Impfdosis erhalten). Die hohen Durchimpfungsraten sind das Resultat eines ausgeklügelten staatlichen Impfsystems: Impfungen, die einen komplizierten Prozess aus Kosten-Nutzen-Prüfungen von staatlichen und unabhängigen Prüfinstituten bestanden haben, werden vom Steuerzahler übernommen. Im Impfprogramm vorhanden sind neben den bereits genannten unter anderem auch Kindheits-Impfungen gegen das Rotavirus sowie Varizellen, Influenza und HPV bei Mädchen. Ausgewählte Risikogruppen erhalten zusätzlich Impfungen, wie etwa gegen Hepatitis B, Influenza und TBE.

Nationale Informationen über Impfnebenwirkungen

Wenn Impflücken auftreten, kann das Register außerdem nützliche Anhaltspunkte liefern, diese zu verstehen. Bei der HPV-Impfung, für die in Finnland aktuell eine nationale Durchimpfungsrate von 67 Prozent besteht, war die Heterogenität unter den Gemeinden besonders groß, was mit einer Skepsis gegenüber dem Adjuvans in der HPV-Impfung zu tun hat, das bei dieser Vakzine erstmals verwendet wurde. Dieses verursacht bei vielen Personen direkt nach der Impfung Nebenwirkungen wie Rötungen, Schmerzen oder Fieber.

„Wenn Impflücken bestehen, sollten wir uns fragen, ob es sich um eine Animosität der Impfung gegenüber handelt oder ob es um etwas anderes geht. Es gibt viele Gründe, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten“, so Nohynek. Von verpflichtenden Impfungen hält sie übrigens wenig: „Wir sollten uns nicht so viel um das eine Prozent Impfgegner kümmern – die sind bei verpflichtenden Maßnahmen auch noch da.“

Quellen:
European Immunization Week 2019 – Vaccination: Social Responsibility or Mandatory Obligation? Austria in an European Comparison: Expert experience reporting and panel discussion. 24. April 2019, Van Swieten Saal, Medizinische Universität Wien

Implementation and Acceptance of the National Vaccination Program in Finland. Hanna M. Nohynek, National Institute for Health and Welfare, Finnland

Immunization Information System – a future tool to increase vaccination rates in Austria. Maria Paulke-Korinek, Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK)

Kurzbericht Polio 2017 des Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/9/2/6/CH4062/CMS1493021538641/kurzbericht_polio_(barrierefrei).pdf (abgerufen am 29.4.2019)

Kurzbericht Masern 2017 des Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz,  https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/1/7/5/CH4062/CMS1540470756902/kurzbericht_masern.pdf (abgerufen am 29.4.2019)

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