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Schreckgespenst Codierung

Codierung, CodeDie Gesundheitsreform verordnet auch die Codierung von Diagnosen in den Praxen. Der Hausärzteverband sieht darin vor allem eine zeitintensive Schikane.

ICD-10? ICPC-2? RC-Code? Oder SNOMED? Welches System auch immer zum Zug kommen wird – Österreichs Kassenärzten steht im Zug der Gesundheitsreform der verpflichtende Einsatz einer Diagnosen-Codierung ins Haus. Der Österreichische Hausärzteverband schlägt deshalb jetzt schon Alarm. Die Codierung der Diagnosen sei eine reine Schikane für Hausärzte und diene nur dazu, ökonomische und bürokratische Interessen durchzusetzen, so der Tenor einer Informationsveranstaltung des ÖHV vergangene Woche im Wiener Funkhaus.

Über einen Kamm

Stein des Anstoßes ist die §15a-Vereinbarung zwischen Bund, Ländern und Kassen zur Gesundheitsreform. Die sieht nämlich auch vor, dass Diagnosen auf Grundlage der internationalen Klassifikation von Krankheiten ICD-10 zu dokumentieren sind. Außerdem soll für medizinische Einzelleistungen in Ambulanzen und niedergelassenen Praxen ein gemeinsamer Katalog entwickelt werden, um „Ambulanzen und niedergelassenen Bereich über einen Kamm zu scheren“, wie Dr. Wolfgang Werner, ÖHV-Wien-Präsident und einer der beiden Vortragenden der Veranstaltung, eingangs seines Statements anmerkt.
Die Dokumentation könne allerdings auch in anderen Systemen erfolgen, für die es eine „Übersetzung“ in den ICD-10 gebe, etwa im von der internationalen Allgemeinmedizin- Fachgesellschaft WONCA entwickelten ICPC-2-Code, im RC-Code (Result of Consultation-Code), der vor einigen Jahren vom Hauptverband angekauft wurde oder im SNOMED (Systematized Nomenclatura of Medicine), der im englischen Sprachraum verbreitet ist.

Verzerrte Wirklichkeit

In Werners Augen droht damit neben einer wesentlichen Erhöhung des Zeitaufwands in der Praxis vor allem eines: ein Paradigmenwechsel von der Arztzentrierung zur Systemzentrierung und eine völlige Änderung des Herangehens an medizinische Probleme. „Die Codierung bedeutet ein eingeschränktes Bild der Wirklichkeit, besonders in der Allgemeinmedizin“, kritisiert er. Hausärzte würden vor allem aufgrund von Verdachtsdiagnosen behandeln, diese wären im ICD-10 nicht entsprechend darstellbar. Der ICPC-2 sei dafür besser geeignet, es müsse aber jede einzelne vom Patienten angegebene Symptomatik als „Konsultation“ dokumentiert werden – ein „aufwändiger Prozess“, wie Werner formuliert.
Besonders problematisch sei aber, dass durch die Kombination von Codierung und Leistungsabrechnung „Politik, Sozialversicherungen und Investoren künftig über Leitlinien entscheiden werden. Es kommt zu einer Marginalisierung der Medizin“, befürchtet der Hausärztevertreter. Die Ärzte würden zum „Spielball der Finanzierungssysteme“. Am Ende stehe der Ersatz von Ärzten durch weniger qualifiziertes Personal, Probleme der Finanzierung würden auf Ärzte und Patienten übergewälzt. Nutzen bringe die Codierung nicht der medizinischen Qualität, sondern nur der Dokumentation.

Millionen an Kosten

Der Zeitaufwand für die Codierung ist anschließend Inhalt des Statements von Dr. Martina Hasenhündl, Obmann-Stellvertreterin der Kurie niedergelassene Ärzte in NÖ. Ausgehend von Daten des Gesundheitsministeriums, die sich auf eine Erhebung in Spitälern stützen, sei mit rund zwei Minuten pro Fall in der Allgemeinmedizin und 90 Sekunden bei Fachärzten zu rechnen, so die Standesvertreterin. Bei rund 60 Patienten pro Ordinationstag bedeute das eine zusätzlichen Zeitaufwand von 90 Minuten bis zwei Stunden. Da die Codierung laufend während der Konsultation erfolgen müsse – nachträglich am Ende des Arbeitstages sei das kaum möglich, weil zuviel vergessen würde – müsste die Ordination bei vollem Personaleinsatz rund ein Drittel länger offenhalten. Hasenhündls Schluss: „Wir müssen fordern, dass es eine minutengenaue Abrechnung von drei Euro pro Minute für die Codierung gibt.“ Soviel sei für die Arbeitszeit samt Personalkosten aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu veranschlagen.
Die Kosten für das Gesundheitssystem wären beträchtlich. Hasenhündl beziffert sie mit fast 80.000 Euro pro Ordination – was sich alleine für Hausärzte mit Kassenvertrag bei den Sozialversicherungsträgern mit mehr als 280 Millionen Euro zu Buche schlagen würde. Sie plädiert angesichts der beschlossenen Gesundheitsreform jedenfalls für eine offensive Strategie: „Die Codierung wird kommen. Es ist an der Zeit zu sagen, was sie kostet!“

Autor: Dr. Hans Wenzl