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Intercept™ Blood System

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang MayrDie Blutspendezentrale des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK) für Wien, Niederösterreich und Burgenland implementiert für die gesamte Ostregion die Pathogeninaktivierung der Thrombozytenkonzentrate. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Mayr, Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin, Wien und Berater des ÖRK in Sachen Blutspendewesen, erklärt, warum.

  • CliniCum: Das ÖRK führt in Wien, Niederösterreich und Burgenland – also für die gesamte Ostregion Österreichs – ein System zur Pathogeninaktivierung von Thrombozytenkonzentraten ein. Was ist das für ein Verfahren?
  • Mayr: Das Grundprinzip des INTERCEPTTM Blood Systems ist: DNA oder RNA wird chemisch so verändert, dass die Stränge aneinander gebunden werden. Mit wenigen Ausnahmen kann es nach einer Pathogeninaktivierung zu keiner Infektion durch im Thrombozytenkonzentrat enthaltene Viren mehr kommen. Auch Bakterien werden infolge dieses Verfahrens abgetötet.
  • CliniCum: Welche Vorteile bringt dieses Verfahren?
  • Mayr: Eine Erhöhung der Sicherheit. Thrombozytenpräparate werden bei 20 Grad Celsius gelagert. Bei dieser Lagertemperatur können Bakterien, die möglicherweise bei der Blutabnahme oder der Präparation in das Präparat gelangen, weiterwachsen und zu schweren Erkrankungen führen. Laut Literatur treten diese Nebenwirkungen mit einer Frequenz von 0,3 bis 8,3 Promille auf. Durch bakterielle Infektionen von Trombozytenkonzentraten ist es sogar zu Todesfällen gekommen, unter anderem in Österreich. Und die Viren? Die in der Transfusionsmedizin als extrem wichtig angesehenen Viren HIV, Hepatitis-B und Hepatitis Cwerden durch das neue Verfahren inaktiviert. Dies gilt auch für die Cytomegalieviren. Die an sich harmlose Infektion mit Cytomegalieviren kann bei Patienten mit Immunsuppression – zum Beispiel nach einer Organ- oder Stammzellentransplantation – zu schweren Symptomen führen. In letzter Zeit mussten wir auch immer mehr Aufmerksamkeit auf die „emerging infectious diseases“ lenken, also auf Infektionskrankheiten, die in unser Gebiet importiert werden oder hierzulande überhaupt neu auftreten. Das bekannteste davon ist das West-Nil-Virus. Diese Erkrankungen steigen durch die zunehmende Reisetätigkeit der Menschen immer mehr an. Das Chikungunya-Virus zum Beispiel, das bis vor Kurzem nur im pazifischen Raum verbreitet war, kommt mittlerweile bereits in der Karibik vor und wird wahrscheinlich demnächst die USA erreichen. Auch in Italien hat es bereits eine kleine Chikungunya- Epidemie gegeben. Nach einer Chikungunya-Epidemie auf der französischen Insel Réunion musste dort das gesamte Blutspendewesen reorganisiert werden. Die genannten Erreger werden durch die Pathogeninaktivierung außer Gefecht gesetzt.
  • CliniCum: Wirkt die Pathogeninaktivierung bei allen Viren?
  • Mayr: Von den bekannten Viren ist es – mit wenigen Ausnahmen – sehr sicher. Wo das System nicht hundertprozentig wirkt, sind die nicht umhüllten Viren wie etwa Parvo B19 oder Hepatitis A – aber auf diese Erreger werden die Thrombozytenpräparate ohnehin getestet.
  • CliniCum: Das heißt, dass durch die Pathogeninaktivierung die bisher durchgeführten Tests auf HIV oder Hepatitis nicht obsolet werden?
  • Mayr: Sicherlich würden diese Viren durch die Pathogenaktivierung abgetötet. Dennoch würde es niemand wagen, die Tests auf HIV, Hepatitis B oder Hepatitis C nicht mehr durchzuführen. Wenn es um Blut geht, erscheint selbst das kleinste Risiko übergroß. Immerhin verhindert die Pathogeninaktivierung infektiöse Präparate, die im „diagnostischen Fenster“ abgenommen wurden. Bei einer von etwa zwei Millionen Spenden kann es nämlich passieren, dass HIVoder HCV-Viren im Blut noch nicht nachweisbar sind, obwohl der Spender bereits infektiös ist.
  • CliniCum: Gibt es noch weitere Gründe, die für die Einführung der Pathogeninaktivierung gesprochen haben?
  • Mayr: Ja, die Vermeidung der Graft-versus-Host-Reaktion. In den Thrombozytenkonzentraten befindet sich eine geringe Menge an T-Lym phozyten. Patienten mit schwerer Immunsuppression sind nicht in der Lage, diese Lymphozyten abzustoßen, und diese können dann in seltenen Fällen den Empfänger schädigen. Durch die Pathogeninaktivierung werden alle Lymphozyten abgetötet.
    Ein weiterer Vorteil der Pathogeninaktivierung ist, dass die Herstellung von Pool-Präparaten wesentlich risikoärmer wird. Wenn man Thrombozytenkonzentrate aus Standard-Blutspenden gewinnt, so braucht man mehrere Spenden, um auf die erforderliche therapeutische Dosis zu kommen. Durch das Poolen mehrerer Präparate erhöht sich natürlich das Risiko einer Infektion. Durch die Pathogeninaktivierung entfällt dieses Risiko. Dadurch lassen sich Thrombozytenpräparate ohne großen Aufwand in größerer Menge herstellen, was wiederum die Versorgungssicherheit wesentlich erhöht.
  • CliniCum: Am Wiener AKH und am LKH Innsbruck ist das Pathogeninaktivierungs- System bereits implementiert, wodurch rund 30 Prozent aller in Österreich hergestellten Thrombozytenpräparate mit dieser Technik behandelt wurden. Auf welchen Wert erhöht sich dieser Anteil, wenn das Verfahren jetzt auch in der gesamten Ostregion eingeführt wird?
  • Mayr: Auf 50 bis 60 Prozent.
  • CliniCum: Plant das ÖRK die Einführung der Pathogeninaktivierung auch im Rest Österreichs?
  • Mayr: Wie vieles in Österreich hat auch das ÖRK eine föderale Struktur. Dadurch können die einzelnen Blutzentralen autonom entscheiden. Ich kann die Einführung des Systems nur jeder Zentrale empfehlen.
Autor: Mag. Michael Krassnitzer, MAS

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