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Der kranke Arzt

Wie war Ihr Sommer, werte Leser? Ich hoffe, Sie konnten sich erholen, den sommerlichen Personalmangel gut durchtauchen und die kurzen Urlaubsintermezzos zu intensiver Erholung nützen. Ich für meinen Teil hatte einen etwas durchwachsenen Sommer, denn ich kam in den Genuss eines Perspektivenwechsels. Das kann ja manchmal ganz gut sein, in unserem Bereich bedeutet es meistens wenig Unterhaltung.

Ich will Sie, werte Leser, nicht mit Details langweilen, aber ich habe mich in meiner zweiten Ferienwoche durch das Spektrum der gesundheitlichen Erst- und Folgeversorgung durchgekostet und möchte ein paar Erkenntnisse mit Ihnen teilen, die ich mir für meinen beruflichen Alltag wieder in die Westentasche gesteckt habe:

Zu Beginn stand ein heißer Tag in einem südlichen Land, in dem das Wasser deutlich höheren Salzgehalt aufweist als in unseren Breiten. Trotz des Klimawandels empfand mein Körper eher herbstliche Temperaturen und mein Kreislauf wollte sich auch mal hinlegen. Also kam ich in den Genuss einer medizinischen Erstversorgung zwischen Sonnenschirmen und Eisverkäufern. Nach fünf Minuten Abfragen meiner Versicherungsdaten und dann Pulsoxi, Blutdruckmanschette und  „Können Sie aufstehen?“ folgte die freundliche Ermahnung, viel zu trinken. Danke, Herr Doktor!

Da mein Körper weiterhin keinen Spaß mehr an Urlaub hatte, beschlossen wir, diesen zu beenden, um die weitere Abklärung in heimatlichen Gefilden fortzuführen. Auftritt österreichische Notaufnahme (die Fachdisziplin lasse ich geflissentlich aus, denn sie tut nichts zur Sache. Aus meiner Turnuszeit weiß ich: die folgenden Akteure findet man in jeder Disziplin). Lassen Sie mich erwähnen: Der netteste zwischenmenschliche Kontakt an diesem Tag war der Portier, der seine Zigarette sofort zur Seite warf, um mich bezüglich meines Impfstatus zu befragen und mir die Fieberpistole an die Stirn zu halten.

Mein zweiter Kontakt war die überaus wichtige Pflegeassistentin, die mir die Aufnahmezettel in die Hand drückte und es in der halben Minute unserer Interaktion gut schaffte, dass ich ein ausgesprochen schlechtes Gewissen hatte, sie und alle anderen an diesem frühen Feiertagsnachmittag mit meinem wahrscheinlich vollkommen unwichtigen medizinischen Problem zu belangen. Schließlich wurde ich armer Büßer (Asche auf mein Haupt) der Ärztin vorgeführt. Namen sind Schall und Rauch, wohl auch unter Kollegen, also wurde mir ihrer ebenfalls nicht genannt. Zeit ist Geld und außer mir war immerhin noch eine zweite Person im Wartezimmer. Wieder wurde mir deutlich vermittelt, dass ich vermutlich umsonst meinen Urlaub abgebrochen hatte, um drei Personen unnötigerweise zu beschäftigen.

In der folgenden Untersuchung bestätigte sich allerdings das von mir vermutete und befürchtete Problem. Die Stimmung schlug von professionell ruppig in kurzangebundenes Bedauern um. Man präsentierte mir in knappen Worten meine Optionen und vereinbarte mir gleich einen stationären Aufnahmetermin, da ein kleiner Eingriff nötig war, um mich wieder ins Lot zu bringen. Die Aufklärung erfolgte in drei Sätzen, ich unterschrieb und vermutete, dass man mir stationär nochmal alles erklären würde. Spoileralarm: Tat man nicht. Überhaupt war im stationären Setting der Ärztekontakt noch knapper als im ambulanten. Die namenlose Schwester bleibt mir allerdings im Herzen, da sie mich, als ich den Großteil der potenziellen Probleme bekam, die auftreten können und von denen man mir im Vorfeld nichts gesagt hatte, sehr liebevoll umsorgte und mir erklärte, dass das alles ganz normal sei. Vielleicht hätte man das retrospektiv in die Aufklärung einbauen sollen. Es verlief alles wie geplant und Sie, werte Leser, müssen sich keine Sorgen machen um Ihre kleine Allgemeinmedizinerin. Sie fragen sich jetzt, ob ich ein Yelp-Review für meine Klinik mache und warum Sie sich das anhören müssen? Dann sage ich Ihnen jetzt, was ich in diesen Tagen (wieder) gelernt habe.

Erstens, und das ist die wichtigste Lektion, also bitte mitschreiben: Es kostet einen NICHTS, nett zu sein zu Leuten, die in eine Notaufnahme kommen. Die Allerwenigsten machen das, weil es so lustig ist. Und ich kenne den Wahnsinn persönlich und weiß, dass es oft nicht so leicht ist, sich das in dem ganzen Stress zu bewahren. Aber es spart einem einiges an Awkwardness, wenn man im Vorfeld professionell nett war. Denn dann gibt es nur zwei Szenarien: „Gratulation, Sie haben sich umsonst Sorgen gemacht!“ Oder: „Es tut mir so leid, Ihre Ängste haben sich leider bestätigt.“

Zweitens: Liebe Leute, bitte stellen Sie sich mit Namen vor bei Ihren Patienten! Es tut nicht weh und das Gegenüber weiß erstens den professionellen Rang der Person und weiß, welche Art von Fragen man an diesen Menschen richten kann und soll. Zweitens hat es das Gefühl, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der einen wahrnimmt und, noch wichtiger, ernst nimmt. Ich habe mir bereits sehr früh angewöhnt, mich mit meinem Namen und Titel vorzustellen (vor allem, weil ich sehr klein bin und jung aussehe und meine Patienten sonst nur sagen: „Heute war keine Visite, nur ein Mädchen mit Computer war da!“). Aber ich kann es echt empfehlen, es reduziert 90 Prozent aller Missverständnisse und ich habe immer schnell ein gutes Vertrauensverhältnis zu meinen Patienten, weil sie mich kennen und wissen, nach wem sie fragen können, wenn sie etwas brauchen.

Drittens: Wenn man etwas aufklärt und das Gegenüber ist gerade frisch traumatisiert, sollte man ein paar Minuten investieren und alles genau und wiederholend erklären, denn es bleibt nur die Hälfte hängen, im besten Fall. Falls man die Möglichkeit hat, es zweizeitig zu machen, ist das umso besser. Man sollte sich nie darauf verlassen, dass der andere das schon machen wird oder schon gemacht hat. Ich bin vom Fach und wusste trotzdem nicht, was mich erwartet. Ich hab mir dann im Internet zusammengelesen, wie das so läuft, aber das kann man auch nicht von jedem erwarten. Und wie wir alle wissen, ist das Internet für Laien in medizinischen Belangen eine Quelle ewiger Falschinformation und Halbwahrheiten. Wollen Sie wirklich, dass Ihr Patient von Gabi im XY-Forum aufgeklärt wird? Also lassen Sie mich nochmal kurz runterbrechen, was wir von meiner Erfahrung gelernt haben: Nett sein, der Spinner in der Notaufnahme könnte tatsächlich ein Problem haben. Sich vorstellen, dann muss man auch nicht erklären, dass man keine Kompetenz für die Bestellung des Abendessens hat. Sich Zeit nehmen bei der Aufklärung und ruhig etwas redundant sein, dann weiß das Gegenüber beim Eingriff, woran es ist, und muss nicht googeln. Alles Liebe und bleiben Sie gesund!

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