14. Juni 2023Die Gesichter Seltener Erkrankungen – Teil 23

MCOPS12: „Simons Fröhlichkeit ist unsere größte Motivation“

Der sechsjährige Simon ist das bislang einzige Kind in Österreich, bei dem die Diagnose MCOPS12 gestellt wurde. Seine Eltern Edith und Dr. Reinhard Pell fördern Simons Entwicklung auf breiter Basis. Der von ihnen gegründete Verein „Cure MCOPS12“ unterstützt weltweit Forschungsprojekte, mit denen die Entwicklung potenzieller Therapeutika starke Impulse erhält.

Salzburg, Gute Nachrichten Reinhard und Edith Pell sind Eltern des 3-jährigen Simon. Er hat eine schwere neurologische Erkrankung, die nur 50 andere Kinder/Menschen weltweit haben. Er ist blind und körperlich sowie geistig eingeschränkt. Die jungen Eltern lassen sich nicht unterkriegen, haben einen Verein gegründet, mit dem sie auf die Erkrankung aufmerksam machen und nun Spenden für die Erforschung von Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten sammeln. Reinhard und Edith Pell mit Simon (3,5)
Markus Tschepp

Simon wurde 2017 in einem Krankenhaus in Deutschland nahe der Schweizer Grenze geboren, da seine Eltern zu diesem Zeitpunkt in Basel lebten und arbeiteten. „Nach der Geburt hieß es zunächst, Simon brauche Sauerstoff. Später musste er auch intubiert werden“, erzählen Edith und Dr. Reinhard Pell. Schon bald nach der Geburt fiel zudem Simons Mikrophthalmie auf. Dass er blind ist, wurde erst etwas später erkannt. Eine Reihe neonatologischer Untersuchungen fanden jedoch keine Ursache für seine Symptome, zu denen unter anderem Bewegungsstörungen und eine Entwicklungsverzögerung gehören.

Auf Initiative von Simons Vater, der als promovierter Chemiker in der Arzneimittelforschung tätig ist, wurde Simons Genom sequenziert und damit eine Mutation im RARB-Gen nachgewiesen. „Es gab damals nur eine einzige Publikation von Srour et al.1 dazu, die aber Simons Symptome genau beschrieb. Die Bezeichnung MCOPS12 wurde jedoch erst später verwendet“, schildert Reinhard Pell.

„Nach der Diagnose gab es ein Aufklärungsgespräch, bei dem klar wurde, dass es keine kausale Therapie gibt. Es wurde jedoch überlegt, ob eine Ernährungsumstellung hilfreich sein kann. Weitere Untersuchungen ergaben zum Glück bei Simon keine Auffälligkeiten an Herz oder Lunge“, ergänzt Edith Pell. Sie selbst ist in Salzburg, wo die Familie mittlerweile wohnt, als Diplomsozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Emotionale Unterstützung erhalten Simons Eltern bis heute von einem starken Netz von Familie und Freunden. „Durch Simons Frühförderung sind wir zudem in Kontakt mit anderen Eltern, die wir etwa am Salzburger Landeszentrum für Hör- und Sehbehinderung kennengelernt haben“, sagt Simons Mutter.

Vielseitige Frühförderung für Simon

Seit Simon neun Monate alt ist, kann er von der Frühförderung profitieren, auch bekommt er mit der Vojta-Therapie eine spezielle Form der Physiotherapie mit dem Ziel, Bewegungsmuster auszulösen und Fehlstellungen zu vermeiden. Edith Pell kann die Übungen mittlerweile selbstständig zu Hause mit Simon durchführen. „Wir versuchen so viel wie möglich gemeinsam zu unternehmen, allerdings kann Simon nicht frei sitzen und ist auf den Rollstuhl oder andere Hilfsmittel angewiesen.“ Dabei stößt Familie Pell immer wieder auf bürokratische Schwierigkeiten, wenn es um die Finanzierung zusätzlicher Hilfsmittel geht: Ein Therapierad oder eine zweite Sitzschale für den Kindergarten sind Beispiele dafür.

Simon besucht derzeit einen heilpädagogischen Kindergarten, wo er sich spürbar wohlfühlt. Auch bekommt er dort weitere Physio- sowie Musiktherapie, einmal wöchentlich kann er eine Hippotherapie in Anspruch nehmen. „Das macht ihm einen Riesenspaß, genauso liebt er das Schwimmen“, so Simons Vater. Im kommenden Herbst wird Simon auch eingeschult.

Forschungsförderung durch Verein „Cure MPCOPS12“

Bald nach Simons Diagnose nahm das Ehepaar Pell Kontakt zu Forschungszentren weltweit auf und recherchierte, ob Therapieansätze für MCOPS12 in Entwicklung sind. „Die Suche verlief zu Beginn jedoch schleppend, sodass wir uns entschlossen, mit der Gründung eines Vereins die Forschung anzustoßen und durch Fundraising zu fördern“, berichtet Reinhard Pell. Mittlerweile knüpfte die Familie über den Verein Kontakte zu weiteren Familien in Deutschland, den USA oder Australien, wo aktuell ebenfalls ein Verein gegründet wird. Weltweit sind derzeit etwa rund 50 Kinder mit MCOPS12 diagnostiziert, Simon ist jedoch bislang das einzige in Österreich.

„Cure MCOPS12“ steht mittlerweile in engem Austausch mit Forschungskollaborationen in Kanada, Frankreich und der Schweiz: „Um den Krankheitsmechanismus der RARB-Gen-Mutation aufzuklären, wurden unter anderem Nervenzellkulturen aus Simons Blutzellen generiert. Eine vor kurzem gestartete Natural-History-Studie soll zudem das klinische Bild der Krankheit genauer beschreiben“, erklärt Simons Vater. Der Verein ist mittlerweile in der Lage, zwei Stellen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Forschungszentren zu finanzieren. Reinhard Pell selbst befasst sich in seinem Arbeitsalltag mit der klinischen Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen.

Suche nach geeigneter Kinder-Reha

Auch wenn die Familie vor Ort in Salzburg eine gute Anbindung an Therapeutinnen und Therapeuten hat, so würde sie sich noch eine auf Simons Bedürfnisse angepasste Reha-Klinik wünschen, die es in Österreich jedoch nicht gibt. Eine Grenze sind zudem die zeitlichen Ressourcen der berufstätigen Eltern. „Simons Lachen und seine fröhliche, herzliche Art geben uns die meiste Kraft. Er ist eine absolute Frohnatur, es sei denn, er hat gerade Hunger oder Durst“, sagen Edith und Reinhard Pell.

Fakten-Check: Syndromale Mikrophthalmie Typ 12 (MCOPS12)

Zu den Symptomen der äußerst seltenen Syndromalen Mikrophthalmie gehören angeborene Fehlbildungen des Auges – die namensgebende Mikrophthalmie – sowie Hypotonie, Bewegungsstörungen und kognitive Beeinträchtigungen. Die Bewegungsstörungen verlaufen meist progressiv und umfassen Dystonien und Spastiken. Beschrieben wurden zudem Fehlbildungen wie Defekte des Kleinhirns (Chiari-Typ-I-Malformation), Zwerchfellhernien oder angeborene Herzfehler.1

Verursacht wird MCOPS12 durch eine Punktmutation im Retinsäurerezeptor-beta (RARB)-Gen. Abhängig von der Variante der Punktmutation verläuft die Erkrankung unterschiedlich. Prinzipiell treten RARB-Genmutationen spontan auf (De-novo-Mutationen), können aber in einigen Familien autosomal-dominant vererbt werden. In einer aktuellen Veröffentlichung werden die genetischen Veränderungen und die klinischen Erscheinungsbilder anhand der Daten von insgesamt 52 Patientinnen und Patienten weltweit beschrieben.2

Die von Edith und Reinhard Pell gegründete Organisation „Cure MCOPS12“ setzt sich für eine Verbesserung der Situation der Betroffenen ein. Ein großes Anliegen ist es, die Erforschung eines Heilmittels zu beschleunigen. Darüber hinaus bietet der Verein eine Plattform für den Austausch zwischen Familien mit MCOPS12-Patientinnen und -Patienten, Ärztinnen und Ärzten sowie Fachexpertinnen und -experten.

RNA-Therapie in Entwicklung

Seit Jänner 2023 arbeitet der Verein in Kooperation mit einem texanischen Unternehmen daran, ein personalisiertes RNA-Therapeutikum, ein Antisense-Oligonukleotid (ASO), zur Behandlung von MCOPS12 zu entwickeln. „Ziel ist es, die genetische Ursache der Erkrankung auszuschalten und dadurch eine Verbesserung der Symptome zu erwirken. Bei ASOs handelt es sich um eine neue Therapieform, jedoch sind schon einige dieser Medikamente am Markt etabliert und Dutzende befinden sich in der klinischen Entwicklung. Ein weiterer Vorteil ist, dass ASOs auch maßgeschneidert für die jeweilige pathogene Genmutation eines Patienten bzw. einer Patientin entwickelt werden können“, erklärt Dr. Reinhard Pell. Dies zeigt etwa das Beispiel Milasen zur Behandlung des Batten-Syndroms, einer sehr seltenen neurodegenerativen Erkrankung. Optimistisch gesehen könnte es in zwei Jahren eine Therapie für MCOPS12 geben – das ist enorm schnell für die Entwicklung eines Arzneimittels.

www.rarbmutation.org