„Deprescribing“ in der Praxis
Polypharmazie steigert das Risiko für potenziell inadäquate Medikation, unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie Hospitalisierungen und verursacht beträchtliche Gesundheitskosten. "Deprescribing" gilt als vielversprechender Lösungsansatz.

"Deprescribing" beschreibt das gezielte und kontrollierte Absetzen oder Ausschleichen nicht (mehr) indizierter oder risikobehafteter Wirkstoffe. Welche konkreten Strategien dafür in der Grundversorgung tatsächlich greifen und praxistauglich sind, war bislang unzureichend geklärt.
Ein Team von Forschern der Universität Uberlândia in Brasilien hat in einer systematischen Übersichtsarbeit untersucht, wie effektiv verschiedene Deprescribing-Techniken bei älteren Patienten in der Grundversorgung sind.
In die Analyse flossen 17 randomisierte kontrollierte Studien und Cluster-RCTs aus den Jahren 2010 bis 2026 ein. Verglichen wurden strukturierte Deprescribing-Interventionen mit der üblichen Routineversorgung bei Patienten über 60 Jahren mit einem Follow-up von mindestens sechs Monaten.
Algorithmen und Apotheker als gute Partner
Die durch die Autoren untersuchten Strategien gliederten sich in folgende Hauptansätze:
- computergestützte klinische Entscheidungsunterstützung bzw. automatisierte Algorithmen,
- multidisziplinäre Teams,
- Schulungen für Fachpersonen und Patienten,
- strukturierte Medikationsanalysen durch Apotheker oder Hausärzte.
Die konsistentesten und stärksten Effekte erzielten automatisierte Algorithmen und pharmazeutisch geleitete Reviews: In elektronische Patientenakten integrierte Systeme, die evidenzbasierte Kriterien (z. B. STOPP/START, PRISCUS) hinterlegen und konkrete Absetzhinweise liefern, führten in mehreren Cluster-RCTs zu einer signifikanten Reduktion der Gesamtmedikation sowie zu einem deutlichen Rückgang potenziell inadäquater Verschreibungen (PIMs).
Strukturierte Reviews durch Apotheker – in enger Abstimmung mit den Hausärzten – reduzierten die Zahl der PIMs signifikant und führten signifikant häufiger zu Dosisanpassungen, Austausch von Wirkstoffen und erfolgreichem Absetzen von Medikamenten. Am häufigsten waren dies ZNS-Medikamente (Benzodiazepine, Antipsychotika), Protonenpumpeninhibitoren und NSAR.
Hausärzte alleine oft nicht erfolgreich beim Absetzen
Deutlich uneinheitlicher fiel das Bild bei multidisziplinären Ansätzen und Schulungsangeboten aus: Multidisziplinäre Teams zeigten zwar in Heimen positive Effekte auf den Medication Appropriateness Index (MAI), in der ambulanten Praxis ließ sich jedoch oft keine signifikante Reduktion der Gesamtarzneimittelzahl nachweisen.
Ähnliches gilt für Fortbildungsprogramme, die isoliert betrachtet meist keine messbare Verringerung inadäquater Arzneien nach sich zogen.
Medikationsüberprüfungen nur durch die Hausärztinnen und -ärzte selbst – ohne zusätzliche Hilfsmittel – blieben ebenfalls wirkungslos: So zeigte sich etwa nach 12, 24 und 36 Monaten kein Rückgang der Verordnungen bei potenziell schädlichen Psychopharmaka. Dies deutet darauf hin, dass in der Hausarztpraxis Hilfsmittel zur Unterstützung der Medikamentenreduktion gefragt sind.
Hinsichtlich harter klinischer Endpunkte – insbesondere Gesamtmortalität und Hospitalisierungen – zeigte das Deprescribing keinen signifikanten Nutzen gegenüber der Routineversorgung. Dies überrascht in einer geriatrischen multimorbiden Population kaum, da ein einzelner Hebel selten ausreicht, um multifaktorielle Ereignisse messbar zu senken.
Entscheidend für die Praxis ist jedoch der Sicherheitsaspekt: In keiner der Studien gab es Hinweise auf eine Zunahme unerwünschter Ereignisse oder ein erhöhtes Sterberisiko durch das Absetzen von Medikamenten. Die Befürchtung vieler Ärzte, Patienten durch Deprescribing zu schaden, wird durch die Daten entkräftet.
Miranda Oliveira E et al., Optimizing Medication Use in Older Adults in Primary Care: A Systematic Review of the Effectiveness of Deprescribing Interventions. Geriatr Gerontol Int. 2026; 26: e70677. doi: 10.1111/ggi.70677.
