Wen schützt die Tabak-Harm-Reduction?
Neue Nikotinprodukte versprechen weniger Schadstoffe – damit könnten sie erwachsenen Rauchern beim Umstieg helfen. Doch gleichzeitig steigt der Nikotinkonsum bei Jugendlichen wieder an. Wie viel Harm Reduction steckt also tatsächlich in E-Zigaretten, Pouches und Tabakerhitzern? Bei einer Pro-&-Contra-Debatte trafen eine klinische und eine Public-Health-Perspektive aufeinander.

„Es ist unethisch, gegen Harm Reduction zu sein“, stellte Dr. Martin Busch, Leiter des Kompetenzzentrums Sucht der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), gleich zu Beginn klar. Für ihn stellt sich vielmehr die Frage, ob neue Nikotinprodukte tatsächlich ein geeignetes Mittel zur Harm Reduction sind.
Sein Gegenpart, der Wiener Pneumologe Prof. Dr. Wolfgang Popp, setzte an einem anderen Punkt an: Entscheidend für die tabakbedingten Gesundheitsschäden sei vor allem die Verbrennungszigarette. Gelinge ein vollständiger Rauchstopp nicht, müsse man deshalb auch über weniger schädliche Alternativen sprechen.
Weniger schädlich ist nicht harmlos
Popp betonte, dass Rauchen die Lebenserwartung von Rauchern erheblich verkürze. Gleichzeitig nähmen nur wenige Betroffene konsequente Entwöhnungsangebote in Anspruch. „Was sagen wir den Rauchern? Hören wir auf oder stirb?“, spitzte der Pneumologe die Situation zu. Die Alternative könne Harm Reduction sein. Entscheidend sei dabei die Botschaft: „Es ist nicht gesünder, sondern es ist weniger schädlich.“
Wer von der klassischen Zigarette auf ein Produkt ohne Verbrennung umsteige, könne die Belastung durch Kohlenmonoxid und andere Schadstoffe reduzieren, argumentierte Popp. Dabei müsse eine Alternative vor allem von den Rauchern akzeptiert werden, ebenso wichtig seien Verfügbarkeit und Leistbarkeit. Selbst die beste medizinische Option nütze wenig, wenn sie nicht angenommen werde, so Popp.
Auch bei der Rauchentwöhnung verwies Popp auf die E-Zigarette. In einer Cochrane-Analyse lag deren Wirksamkeit in einer ähnlichen Größenordnung wie jene etablierter pharmakologischer Verfahren. Für Popp ist sie deshalb ein niederschwelliger Zugang: Gerade bei Rauchern, die mit klassischen Entwöhnungsangeboten nicht erreicht würden, solle man solche Optionen nicht „aus der Hand geben“.
Als populationsbezogenes Beispiel führte der Pneumologe Schweden an. Eurostat-Daten zeigen dort eine vergleichsweise niedrige Lungenkrebsmortalität. Popp verwies in diesem Zusammenhang auf die dortige weite Verbreitung rauchfreier Nikotinprodukte. Eine Kausalität lässt sich aus diesem Ländervergleich allein allerdings nicht ableiten.
Wenn Rauchen sinkt, Nikotinkonsum aber wieder steigt
Busch hielt dagegen, dass sich der Erfolg einer Harm-Reduction-Strategie nicht allein an sinkenden Raucherzahlen messen lasse. Nach Daten des Epidemiologieberichts Sucht 2025 rauchen 21% der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren täglich Zigaretten, insgesamt konsumieren jedoch 24% täglich Nikotin. Die Differenz geht auf E-Zigaretten, Tabakerhitzer und rauchfreie Nikotinprodukte zurück. „Die Welt wurde komplizierter“, fasste Busch die Entwicklung zusammen.
Besonders deutlich werde dies bei Jugendlichen. Noch 2003 hätten rund 30% der 15-Jährigen täglich geraucht, bis 2018/2019 sei dieser Anteil auf etwa 12% gefallen. Der Rückgang habe also bereits lange vor der breiten Verfügbarkeit neuer Nikotinprodukte eingesetzt. Inzwischen gehe das Zigarettenrauchen zwar weiter zurück, „allerdings steigt die Nikotinabhängigkeit bei den Jugendlichen wieder an“, sagte Busch. Rund 15% der 15-Jährigen konsumierten inzwischen täglich Nikotinprodukte.
Besonders kritisch sieht Busch Nikotinbeutel. Laut ESPAD 2024 konsumieren 8,4% der 15-jährigen Buben und 3,6% der gleichaltrigen Mädchen solche Produkte täglich; innerhalb der vergangenen 30 Tage lag der Anteil insgesamt bei 16%. „Das muss man sich einmal vorstellen“, kommentierte Busch die Zahlen. Zudem sei der Konsum innerhalb nur weniger Jahre stark gestiegen. Der Experte führte dies auch auf die Vermarktung als Lifestyleprodukt, Gratisabgaben bei Veranstaltungen und attraktive Geschmacksrichtungen zurück.
Hinzu komme, dass Jugendliche häufig nicht nur ein Produkt verwendeten. Nach den präsentierten Daten konsumiert unter denjenigen, die überhaupt Nikotinprodukte nutzen, fast zwei Drittel mehr als eines. Busch sprach von Dual beziehungsweise Multiple Use: Nikotinbeutel könnten etwa während der Schulstunde verwendet werden, später kämen E-Zigarette oder Zigarette hinzu. Damit gehe es nicht nur mehr um einen Wechsel von einem schädlicheren auf ein weniger schädliches Produkt.
„Den Bock nicht zum Gärtner machen“
Auch bei erwachsenen Rauchern bezweifelte Busch, dass neue Nikotinprodukte automatisch die beste Antwort seien. Nach Daten des Epidemiologieberichts Sucht 2025 denken 51% der täglich Rauchenden über einen Rauchstopp nach, weitere 10% haben konkrete Aufhörpläne. Das entspricht rund einer Million Menschen in Österreich. „Da wollen eigentlich sehr viele mit dem Rauchen aufhören“, sagte Busch; dieses Potenzial müsse genutzt werden. Statt Betroffene primär auf E-Zigaretten oder andere neue Produkte zu verweisen, sei das Gesundheitssystem in der Pflicht, wirksame Unterstützungsangebote bereitzustellen. Harm Reduction dürfe nicht bedeuten, „den Bock zum Gärtner“ zu machen. Neue Nikotinprodukte seien sonst „in erster Linie Harm Reduction für die Nikotinindustrie“, die davon profitiere, möglichst viele nikotinabhängige Konsumenten zu behalten.
Trotz der gegensätzlichen Positionen bestand in wesentlichen Punkten Einigkeit. Busch stellte nicht grundsätzlich infrage, dass eine E-Zigarette weniger schädlich ist als eine Tabakzigarette. Popp wiederum betonte, Harm Reduction sei von Primärprävention zu unterscheiden; besonders beim Jugendschutz bestehe Handlungsbedarf.
Offen bleibt also vor allem die Frage, wie Harm Reduction gestaltet werden kann. Idealerweise bietet sie erwachsenen Rauchern, die nicht aufhören können oder wollen, eine zusätzliche Option, ohne gleichzeitig neue Nikotinkarrieren bei Jüngeren zu fördern.
