Hitze in Europa 2026: Rekorde vom Atlantik bis nach Zentralasien
Die Weltgesundheitsorganisation hat ein umfassendes Rapid Risk Assessment zur Hitzewelle im europäischen WHO-Raum veröffentlicht. Die Bewertung vom 23. Juli 2026 stuft die Auswirkungen als moderates regionales Gesundheitsrisiko ein, warnt aber vor erheblichen Konsequenzen für vulnerable Bevölkerungsgruppen und kritische Infrastrukturen.

Ein Sommer der Rekordtemperaturen
Die Sommerhitze 2026 hebt sich laut WHO durch besondere Merkmale hervor: Sie setzte ungewöhnlich früh ein, mehrere Wochen vor dem typischen europäischen Sommerhöhepunkt. Länder wie Frankreich, Großbritannien, Irland, Deutschland, die Schweiz und viele weitere verzeichneten außergewöhnliche Temperaturen. Besonders bemerkenswert waren die persistierend hohen Nachttemperaturen, die es vielen Menschen unmöglich machten, von der Hitze abzukühlen. Einige Orte verzeichneten Minimaltemperaturen über 20°C – ein kritischer Faktor für die Gesundheit.
Die geografische Ausdehnung ist beeindruckend: Der Hitzedom erstreckte sich vom Atlantik bis nach Zentralasien. Westeuropa, Mittel-, Süd- und Südosteuropa sowie Teile Zentralasiens litten unter extremer Hitze. Am 25. und 26. Juni hatten mehr als 150 Millionen Menschen täglich Höchsttemperaturen von über 35°C erfahren, und zehn Millionen oder mehr wurden mehrtägigen Temperaturen über 40°C ausgesetzt.
Sterblichkeitsszenarien mit Rekordwerten
Die Mortalitätsdaten sind bemerkenswert. Vorläufige Daten des Europäischen Mortalitätsüberwachungsnetzes (EURO MOMO) deuten auf erhebliche Übersterblichkeit hin. In der Woche vom 22. bis 28. Juni 2026 wurden etwa 10.650 Übersterblichkeitsfälle geschätzt, von denen über 9.000 Fälle Erwachsene ab 65 Jahren betrafen. Noch bedeutsamer: In der zweiwöchigen Periode mit Spitzentemperaturen schätzten die europäischen Mortalitätsüberwachungssysteme über 14.000 Übersterblichkeitsfälle. Diese Zahlen zeigen den massiven Gesundheitsimpact der anhaltenden Hitzeexposition.
Besonders betroffene Ballungsräume wie London, Paris, Rom, Madrid und Berlin meldeten Hitzewarnungen. In Deutschland erreichten die Temperaturen rekordverdächtige 41,7°C. Selbst in Skandinavien und den baltischen Staaten, wo Temperaturen in der oberen 20er bis frühen 30er Range normalerweise anormal sind, führte die Hitze zu erheblichen Beanspruchungen für weniger hitzeadaptierte Bevölkerungen und Infrastrukturen.
Vulnerable Gruppen unter extremer Belastung
Die Hitzefolgen treffen nicht alle Menschen gleich. Die WHO identifiziert mehrere hochriskante Bevölkerungsgruppen: ältere Erwachsene (≥65 Jahren), Menschen mit kardiovaskulären, respiratorischen, renalen oder psychiatrischen Grunderkrankungen, Säuglinge und Kleinkinder, schwangere Frauen, Migranten, Obdachlose sowie Menschen in precärer Wohnlage. Auch Außenarbeiter – Bauarbeiter, Landwirte, Transportarbeiter – erleben extreme Belastung ohne adäquaten Schutz.
Die Studie warnt zudem vor Infektionsrisiken in Krankenhäusern. Erhöhte Temperaturen sind mit 39% höherem Risiko für Operationswundinfektionen und 16-17% erhöhtem Risiko für Blutstrominfektion assoziiert. Hitzestress mindert die Performance medizinischer Fachkräfte und belastet Infektionskontrollmaßnahmen.
Kaskadische Auswirkungen über den Gesundheitssektor hinaus
Die Hitze führt zu Versorgungsengpässen bei Strom, Wasser und Transport. Zuggleise verformen sich, Asphalt wird weich. Lagerbestände für Medizin und Impfstoffe sind gefährdet. Krankenhauskapazität ist in vielen Ländern, besonders historisch kühleren Ländern, nicht auf prolongierte Extreme ausgerichtet.
Wärmewellen sind vermeidbar
Die WHO betont, dass die meisten hitzebedingten Todesfälle vermeidbar sind. Länder benötigen Hitze-Gesundheits-Aktionspläne, Early-Warning-Systeme, koordinierte Reaktionsmechanismen, Kühlung-Zugang und Schutzmaßnahmen für vulnerable Gruppen. Nur 21 der 53 WHO-Europäische Länder haben solche Pläne vollständig implementiert.
Die WHO empfiehlt Ländern abschließend, klimainformierte Gesundheitsplanung zu stärken, hitzerobuste Infrastruktur zu entwickeln und regionale Zusammenarbeit zu intensivieren.