Polypharmazie im Alter: Unterversorgung trotz Übertherapie
Eine aktuelle Polypharmazie-Studie zeigt, dass ältere, multimorbide Patienten oft mehr Medikamente erhalten, als nötig wären. Gleichzeitig fehlen häufig wichtige Wirkstoffe. Besonders betroffen sind Pflegeheimbewohner und Patienten mit umfangreicher Medikation.

Wenn dauerhaft täglich fünf oder mehr Medikamente pro Tag einzunehmen sind, spricht man von Polypharmazie, bei mehr als zehn Medikamenten von Hyperpolypharmazie. Vor allem ältere, multimorbide Menschen sind betroffen. Zwar benötigen Patienten mit mehreren Erkrankungen oft eine komplexe Medikation, doch mit jeder zusätzlichen Verordnung steigt das Risiko für ungeeignete Verschreibungen. Besonders problematisch wird es, wenn verschiedene Ärzte ohne abgestimmtes Therapiekonzept behandeln.
Ungeeignete Verschreibungen umfassen Medikamente ohne klare Indikation oder solche, deren Nebenwirkungen den Nutzen übersteigen. Ebenso problematisch ist das Weglassen notwendiger Therapien. Polypharmazie erhöht nicht nur das Risiko einer Übertherapie, sondern auch einer Unterversorgung, wenn wichtige Arzneimittel nicht verschrieben werden. Beides kann schwerwiegende Folgen haben: vermehrte Nebenwirkungen, Stürze, kognitive Einbußen. Zudem steigen die Gesundheitskosten, da Betroffene häufiger medizinische Hilfe benötigen.
Untersuchung zu Polypharmazie
Vor diesem Hintergrund analysierte ein Forscherteam um Jonathan Huschka vom Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) die Häufigkeit und Entwicklung potenziell ungeeigneter Verordnungen. Sie werteten Daten aus vier europäischen Ländern (Belgien, Irland, Niederlande, Schweiz) aus und berücksichtigten dabei Wohnsituation, Medikamentenanzahl und weitere patientenbezogene Faktoren. Ziel war es, Veränderungen über zwölf Monate zu erfassen.
Die Studie umfasste 1045 Personen ab 70 Jahren mit mindestens drei chronischen Erkrankungen und fünf dauerhaft eingenommenen Medikamenten.
- Bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus hatten 88,3% mindestens eine problematische Verordnung.
- 63,5% erhielten ein ungeeignetes Medikament, häufig Benzodiazepine trotz Sturzrisiko oder in Langzeitanwendung.
- Bei 72,1% fehlte mindestens eine notwendige Therapie, etwa ein ACE-Hemmer bei Herzinsuffizienz oder eine knochenschützende Behandlung bei Osteoporose.
Pflegeheimbewohner besonders oft betroffen
Pflegeheimbewohner litten häufiger unter ungeeigneten Verordnungen und Therapieauslassungen als Patienten, die zu Hause lebten. Neben Multimorbidität und Gebrechlichkeit spielt hier auch das höhere Durchschnittsalter eine Rolle. Besonders auffällig war die langfristige Verordnung von Protonenpumpenhemmern, was auf unzureichende Medikationskontrollen im Pflegeheim hindeutet. Zudem fehlten oft Statine bei kardiovaskulär erkrankten Patienten – eine Entscheidung, die laut Forschern auf einer bewussten Nutzen-Risiko-Abwägung bei gebrechlichen Patienten mit begrenzter Lebenserwartung beruhen könnte.
Fast die Hälfte der Studienteilnehmer nahm mindestens zehn Medikamente ein. Je mehr Arzneimittel verschrieben wurden, desto häufiger fanden sich ungeeignete Präparate. Besonders problematisch war der Einsatz von Benzodiazepinen bei Patienten mit Sturzrisiko. Bei Therapieauslassungen unterschieden sich Polypharmazie und Hyperpolypharmazie hingegen nicht signifikant.
Frauen erhielten häufiger ungeeignete Medikamente oder unvollständige Therapien als Männer. Patienten mit kognitiven Einschränkungen bekamen oft unnötige Medikamente, was die Forscher auf die häufige Verordnung zentral wirksamer Substanzen zurückführten. Sehr alte Menschen, Patienten mit Sturzrisiko oder vielen Begleiterkrankungen blieben dagegen eher unterversorgt.
Nach einem Jahr kaum Veränderungen
Über zwölf Monate blieb die Häufigkeit ungeeigneter Verordnungen hoch und weitgehend stabil. Auf individueller Ebene gab es jedoch Schwankungen. Auffällig war, dass Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz seltener ACE-Hemmer oder Sartane erhielten. Dies könnte daran liegen, dass diese Therapien im Krankenhaus pausiert und später nicht wieder aufgenommen wurden. Gleichzeitig ging der Einsatz von Benzodiazepinen zurück, was auf Bemühungen zur Therapieoptimierung hindeutet. Allerdings stieg die Verordnung von Neuroleptika, was auf eine Verschiebung der Verschreibungsmuster schließen lässt.
Die Ergebnisse zeigen: Medikamente werden oft situationsabhängig angepasst. Reine Prävalenzzahlen reichen nicht aus, um die Realität abzubilden. Umso wichtiger ist es, Medikationspläne regelmäßig zu überprüfen – sowohl auf Über- als auch auf Unterversorgung. Denn bei älteren, multimorbiden Menschen sind problematische Verordnungen eher die Regel als die Ausnahme.
Huschka J et al. Trends over time and risk factors in inappropriate prescribing in older adults with multimorbidity and polypharmacy: a longitudinal secondary analysis of the OPERAM trial. Swiss Med Wkly. 2026; 156: 4892. doi: 10.57187/4892.