Wann problematischer Substanzkonsum bei Jugendlichen auffällt
Der Umgang mit Substanzen ist Teil der Lebensrealität vieler Jugendlicher mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Während einige der jungen Konsument:innen früh erreicht werden, tauchen andere erst in belasteten Situationen im System auf. Zwei Expertinnen aus Suchthilfe und Jugendsozialarbeit berichten, wann betroffene Jugendliche für Ärzt:innen sichtbar werden, und wie sie angemessen reagieren können.

Die Stanislausgasse ist eine kleine Sackgasse nahe der S-Bahn-Station Rennweg, direkt neben der Bahntrasse. Hier befindet sich ein Streetwork-Büro von „Rettet das Kind“ Wien. Drinnen riecht es nach Kaffee aus der Siebträgermaschine – eine Anschaffung des Teams. Guter Espresso gehört hier dazu.
Elena Edinger trägt an diesem Vormittag einen schwarzen Hoodie mit der Aufschrift „Streetwork Wien“. Draußen tritt sie meist anders auf. „Wir sind ganz normal angezogen.“ Kein Logo, kein offizieller Rahmen – die Gespräche entstehen eher beiläufig.
An den Wänden sieht man Fanartikel von zwei Wiener Fußballclubs, jeweils eine Wand ist einem der beiden Vereine gewidmet und mit Graffiti gestaltet. Die Fronten sind klar verteilt, auch im Team.
Fußball und Kampfsport sind hier mehr als Hobbys – sie sind oft der erste Zugang zu den Jugendlichen. „Wir sprechen sie an und stellen uns vor“, sagt Edinger. Viel mehr braucht es am Anfang nicht.
Die Arbeit folgt dabei keinem festen Schema. „Wir wissen nie im Vorhinein, wie unsere Woche ausschaut“, erklärt sie weiter. Das Team ist meist zu zweit unterwegs, oft bis spät in die Nacht. Der Zugang entsteht situativ – im Park, im Training oder über konkrete Anlässe. „Probleme mit der Polizei sind oft ein Einstieg ins Gespräch.“
Konsum ist selten das eigentliche Problem
Die Jugendlichen, mit denen die Sozialarbeiterin arbeitet, bringen selten nur ein einzelnes Thema mit. „Teuerungen, Wohnung, prekäre Jobs, unsicherer Aufenthalt“ – vieles greift ineinander. Substanzkonsum ist häufig nur ein Teil davon. Konsum hat dabei oft unterschiedliche Funktionen. „Alltagsbewältigung, Stressreduktion, Angstzustände und Traumata“, beschreibt Edinger die Motive. Bei einem Teil spielten auch Erfahrungen während ihrer Flucht eine Rolle: „Viele sagen, dass sie durch den Konsum ihr Trauma besser unter Kontrolle bekommen.“
Auffällig sei derzeit zudem die Dynamik des Konsums. „Man konsumiert das, was gerade da ist, und das wild durcheinander“, so die Streetworkerin.
Problematisch wird es aus ihrer Sicht dann, wenn kein Tag mehr ohne Konsum vergeht und der Alltag nicht mehr funktioniert – etwa weil Termine verpasst oder Verpflichtungen nicht eingehalten werden. Neben dem Ziel, Jugendliche von der Sucht wegzubringen, ist die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung ein weiteres Ziel.
Den Ausstieg erschweren oft dieselben sozialen Strukturen, die zum Konsum beigetragen haben. „Man kommt nicht so leicht raus“, sagt Edinger. Freundeskreis und Umfeld prägen den Alltag so stark, dass es oft einfacher sei, die Stadt zu verlassen, als sich im bestehenden Umfeld zu verändern.
Früher Kontaktpunkt Freizeitkonsum
Einen anderen Zugang hat „checkit!“. Die Wiener Fachstelle erreicht zum Großteil junge Menschen im Freizeitkontext – häufig bevor die Probleme beginnen.
„Wir haben einen starken Fokus auf Jugendliche und junge erwachsene Menschen im Bereich des Recreational Drug Use“, sagt Leiterin Bettina Hölblinger. Ziel sei es, diese möglichst früh zu erreichen, um riskante Konsummuster abzuwenden und Risiken zu minimieren.
Das Angebot ist bewusst niederschwellig organisiert: Ein Laborbus ist regelmäßig bei Veranstaltungen im Einsatz, zusätzlich können Substanzen über Apotheken oder direkt in der Beratungsstelle abgegeben werden. Zentrales Instrument von „checkit!“ ist das sogenannte integrierte Drug Checking: Substanzen werden analysiert, das Resultat ist immer mit einem Gespräch verbunden. „Man bekommt nicht einfach ein Ergebnis und fertig, sondern es ist immer Information mit dabei.“
2025 wurden rund 2.400 Substanzen analysiert und etwa 7.400 Beratungs- und Informationsgespräche geführt. Am häufigsten abgegeben wurde Kokain, gefolgt von Amphetamin und MDMA.
Die Bandbreite der Nutzer:innen ist groß – von Probierkonsum über Gelegenheitskonsum bis hin zu riskanteren Mustern. Entscheidend sei, früh in Kontakt zu kommen – und den richtigen Moment zu erkennen, in dem die Motivation gerade hoch ist.
Dabei setzt man auf eine klare Haltung: „Wir glorifizieren Substanzkonsum nicht, stehen aber auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger da“, so Hölblinger. Ziel ist es, eine Gesprächsbasis zu schaffen und Reflexion anzuregen.
Unsicherheit als wesentliches Risiko
Ein zentrales Problem im Freizeitkonsum ist die fehlende Kontrolle über die Substanzen. „Grundsätzlich ist der Konsum von Drogen niemals risikofrei. Aber man kann das Risiko verringern. Bei Substanzen vom Schwarzmarkt weiß ich nie, was wirklich drin ist“, führt Hölblinger aus. Während etwa bei Alkohol und Medikamenten Wirkstoff und Dosierung bekannt sind, fehlt diese Sicherheit hier völlig. „Somit kann ich kein Risikomanagement betreiben.“
Zudem kursieren viele Fehlinformationen, etwa über soziale Medien. „Es werden sehr viele Mythen verbreitet, was Substanzwirkungen betrifft.“ Ein weiteres Risiko ist Mischkonsum. „Eins plus eins ergibt nicht immer zwei“, sagt die Suchtberaterin. Wechselwirkungen würden häufig unterschätzt, auch in Kombination mit scheinbar harmlosen Substanzen wie Alkohol oder Koffein.
Verlagerung der Szenen
Beide Einrichtungen beobachten Veränderungen. Große Veranstaltungen haben an Bedeutung verloren, Konsum findet häufiger in kleinerem Rahmen statt. „Es hat sich sehr viel in den privaten Bereich oder in Parks verlagert“, sagt Hölblinger. Das erschwert den Zugang zu den Konsument:innen – und verändert, wann Probleme sichtbar werden.
Auch Ärzt:innen sehen diese Jugendlichen oft erst spät – etwa bei Überdosierungen oder akuten Krisen. „Wenn es zu hochriskanten Situationen kommt und ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist“, beschreibt Hölblinger typische Kontaktpunkte.
Solche Situationen kennt auch Edinger. Sie schildert den Fall eines 18-jährigen Mannes, der mit Atemnot ins Krankenhaus kommt, ausgelöst durch Kokainkonsum. „Der Arzt sagt ihm, er solle einfach weniger konsumieren.“ Die Folge: Der Jugendliche sucht ein anderes Spital auf – und verschweigt den Konsum. Erst später wird die Ursache erkannt und gezielt behandelt. „Das hilft wirklich überhaupt niemandem.“
Zentral ist für beide Expertinnen eine wertneutrale Haltung von Ärzt:innen gegenüber betroffenen Jugendlichen. „Es ist wichtig, nicht nur zu sehen, da ist jemand, der Drogen nimmt, sondern zu verstehen, warum“, betont Edinger. Auch Hölblinger plädiert für Offenheit: „Einmal zuhören, die eigenen Vorannahmen reflektieren.“ Gerade im Praxisalltag mit kurzen Zeitfenstern sei das jedoch oft eine Herausforderung.
Hilfreich könne auch die motivierende Gesprächsführung sein, etwa, um „den Moment zu erkennen, in dem die Motivation gerade hoch ist“. Ein entsprechendes Angebot ist etwa das Programm „SWITCH“ der Sucht- und Drogenkoordination Wien, das Ärzt:innen Werkzeuge für Kurzinterventionen bei problematischem Substanzkonsum vermittelt (siehe Kasten unten).
Ein breites Spektrum
Zwischen Freizeitkontext und Streetwork liegt ein breites Spektrum. Konsummuster und Lebensrealitäten seien sehr unterschiedlich und stark von individuellen Hintergründen geprägt, resümiert Hölblinger. Für die Praxis bedeutet das: Konsum allein sagt wenig aus. Entscheidend ist der Kontext.
Im Büro der Stanislausgasse planen die Streetworker währenddessen die nächste Woche. Welche Bezirke besucht werden, entscheidet sich kurzfristig. Klar ist: Die Kontaktstellen müssen aktiv auf die jungen Konsument:innen zugehen und so einen Handlungsspielraum für eine positive Entwicklung schaffen.
Kurzintervention bei Substanzkonsum: Programm „SWITCH“
Das Seminar SWITCH der Sucht- und Drogenkoordination Wien richtet sich speziell an Ärzt:innen und vermittelt praxisnahe Strategien für den Umgang mit problematischem Substanzkonsum im Alltag.
Im Fokus steht die ärztliche Kurzintervention. Trainiert wird, wie in wenigen Minuten ein Gespräch initiiert werden kann, das Reflexion anstößt und Veränderung ermöglicht. Vermittelt werden unter anderem Grundlagen der motivierenden Gesprächsführung sowie konkrete Werkzeuge für den Praxisalltag
