9. Apr. 2026Risikokonstellationen beachten

Frailty und Sarkopenie: Muskelkraft schützen, Stürze verhindern

Stürze im Alter sind selten isolierte Ereignisse, sondern häufig Folge komplexer geriatrischer Syndrome wie Frailty und Sarkopenie. Die Kombination aus Muskelabbau, funktioneller Einschränkung und akuten Stressoren erhöht das Risiko für schwerwiegende Verläufe deutlich – präventive Maßnahmen gewinnen daher an zentraler Bedeutung.

Old elderly Indian Asian woman walking with a Zimmer frame or walking frame, UK
Paul Maguire/stock.adobe.com
Bei älteren Menschen führt die Angst vor Stürzen häufig zu sozialem Rückzug.

Ein Praxisfall zeigt, wie schnell Frailty zu einem Sturz führen kann. Die 100-jährige Frau B. wurde wegen zunehmender Schwäche und wiederholter Stürze ins Spital eingewiesen.

Bei der Aufnahme zeigte sie einen reduzierten Allgemeinzustand und war desorientiert, berichtet Dr. Marietta Meier von der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel. Mehrere Faktoren erhöhten das Sturzrisiko: das hohe Alter, die zunehmende Schwäche, die Desorientierung und die ungewohnte Umgebung im Spital. Zusätzlich führte eine forcierte Diurese zu häufigen nächtlichen Toilettengängen.

In der ersten Nacht erhielt die unruhige Patientin Quetiapin und Oxycodon. "Warum sie Schmerzmittel bekam, konnte im Nachhinein niemand genau erklären", so die Geriaterin. In der zweiten Nacht stürzte die Patientin und erlitt eine Schenkelhalsfraktur. Postoperativ entwickelte sie ein Delir und verstarb wenige Tage später.

Frailty und Funktionsverlust

Frailty beschreibt einen altersbedingten Abbau körperlicher Reserven, erklärt Dr. Meier. Der Begriff bezeichnet eine erhöhte Vulnerabilität für Stressoren. Bereits kleine Ereignisse wie eine Infektion, eine Fraktur oder ein Sturz können bei betroffenen Patienten zu einem massiven, oft langanhaltenden Funktionsverlust führen. Viele benötigen nach dem Ereignis langfristig zusätzliche Unterstützung oder werden dauerhaft pflegebedürftig. Viele Senioren sind betroffen: Bei den über 65-Jährigen liegt die Prävalenz zwischen 4% und 16%, bei älteren Patienten mit Krebs sogar bei rund 43%.

Zur Einschätzung der Frailty stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Eines der bekanntesten ist das Frailty-Modell nach der US-Geriaterin Linda Fried. Es umfasst fünf Punkte. Wer ein bis zwei Kriterien erfüllt, gilt als prä-frail; ab drei Kriterien spricht man von Frailty:

  • Ungewollter Gewichtsverlust (>5% im letzten Jahr)
  • Fatigue
  • Geringe körperliche Aktivität
  • Reduzierte Gehgeschwindigkeit (< 0,8 m/s)
  • geringe Handkraft

Ein wichtiges Instrument ist die Clinical Frailty Scale (CFS). Sie kategorisiert Patienten ab 65 Jahren in neun Stufen – von „sehr fit“ bis „terminal erkrankt“ – und hilft, Patienten mit erhöhtem Risiko für schlechte klinische Ergebnisse zu identifizieren und Therapieentscheidungen zu treffen.

"Entscheidend ist bei der CFS, immer den Zustand der letzten zwei Wochen und nicht während der akuten Erkrankung zu erfragen", erklärt Dr. Meier. Dazu ist es oft nötig, Angehörige oder Pflegepersonen einzubeziehen.

Die pathophysiologischen Hintergründe der Frailty sind komplex. Chronische Entzündung, alterungsbedingter Stoffwechsel und verändertes Hungergefühl spielen eine Rolle. Diese Faktoren können Schwäche, Verlangsamung und Müdigkeit fördern.

Sarkopenie-Prävention früh beginnen

Ein maßgeblicher Treiber – und einer der wenigen modifizierbaren Faktoren – ist die Sarkopenie. Sie beschreibt den altersbedingten Rückgang von Muskelmasse, -kraft und -funktion. Der Abbau beginnt bereits im mittleren Lebensalter: „Ab dem 50. Lebensjahr verlieren wir ein bis zwei Prozent unserer Muskelmasse pro Jahr, wenn wir nicht aktiv dagegenhalten“, so die Referentin. Zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr sind etwa 5–13% der Menschen von Sarkopenie betroffen, bei den über 80-Jährigen können es bis zu 50% sein.

Zu den komplexen Ursachen der Sarkopenie gehören alterungsbedingte hormonelle und metabolische Veränderungen. Eine Insulinresistenz fördert den muskulären Katabolismus. Auch die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle: „Viele ältere Menschen nehmen weniger als 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu sich, obwohl mindestens 1 g/kg empfohlen wären“, erklärt Dr. Meier. Bewegungsmangel verschlechtert die Situation deutlich: „Er beeinträchtigt nicht nur den Muskelerhalt, sondern mindert auch unseren Appetit.“

Die Folgen der Sarkopenie sind weitreichend. Neben körperlicher Schwäche und Funktionsverlust fördert sie Typ-2-Diabetes, metabolisches Syndrom, kardiovaskuläre Erkrankungen und Frailty. Auch Zusammenhänge mit kognitiven Erkrankungen werden untersucht.

Training und Ernährung

Eine Sarkopenie diagnostiziert man durch DXA-Messung, Handkraftmessung und Messung der Gehgeschwindigkeit. Die wichtigste Gegenmaßnahme ist die Steigerung der körperlichen Aktivität, betont Dr. Meier. Besonders wirksam sind Programme, die Kraft-, Gleichgewichts- und Ausdauertraining kombinieren. Idealerweise beginnt man damit im jungen Erwachsenenalter; bei älteren Menschen empfiehlt die Expertin gezieltes Training oder Physiotherapie.

Ebenso entscheidend ist eine ausreichende Proteinversorgung. Erreicht man diese nicht durch die normale Ernährung, sind Molkenproteine zur Ergänzung geeignet: „Sie sind leicht verdaulich, enthalten alle neun essenziellen Aminosäuren und haben einen positiven Einfluss auf die Muskelmasse.“

Auch eine Vitamin-D-Substitution kann Muskelkraft und Sturzrisiko positiv beeinflussen. Für andere pharmakologische Ansätze wie Wachstumshormone und Testosteron gibt es noch keine klare Evidenz.

Sturzprävention im Alltag

Neben der Behandlung der Sarkopenie spielt auch die Umgebung eine wichtige Rolle. Eine zentrale Präventionsstrategie ist laut Dr. Meier die Vermeidung von Stolperfallen im Haus, etwa

  • herumliegende Kabel oder Gegenstände
  • schlechte Beleuchtung
  • rutschige Böden und Badewannen
  • fehlende Handläufe
  • ungeeignete Schuhe
  • wackelige Aufstiegshilfen

Ärztinnen und Ärzte sollten Sturzrisiken frühzeitig erkennen. Dazu gehören regelmäßige Sehtests, kritische Prüfung der Medikation, Empfehlungen zu körperlicher Aktivität, Ernährungsberatung und gegebenenfalls physiotherapeutische Programme.

Ein häufig unterschätztes Problem ist allerdings die Sturzangst. Denn viele ältere Menschen vermeiden aus Angst vor einem Sturz Aktivitäten außerhalb der Wohnung: "Sie gehen nicht mehr aus dem Haus, haben dadurch noch weniger Bewegung, eine noch schlechtere Ernährung und treten den sozialen Rückzug an." Alle diese Faktoren verstärken jedoch wiederum Sarkopenie, Frailty und Sturzrisiko, warnt Dr. Meier.

Warnsignale ernst nehmen

Der Fall der 100-jährigen Patientin wurde später im interdisziplinären Team analysiert. Dabei stellte sich heraus, dass mehrere Warnhinweise zu wenig beachtet worden waren – etwa Hinweise auf ein Delir oder die Gabe sedierender Medikamente. "Unser Ziel muss sein, diese Risikokonstellationen frühzeitig zu erkennen und präventiv zu handeln", betont Dr. Meier.