Adipositas für jeden zehnten Todesfall durch Infektionen verantwortlich
Erhöht eine Adipositas das Risiko für schwere Infektionen? Dies untersuchte eine multizentrische Kohortenstudie aus Finnland und nahm dabei ein breites Spektrum von Erregern unter die Lupe.

Adipositas geht mit Dysregulation des Immunsystems, chronischer systemischer Entzündung sowie Stoffwechselstörungen und damit mit einer beeinträchtigten Abwehrlage gegenüber verschiedenen Krankheitserregern einher. Nur wenige Studien haben bislang systematisch den Zusammenhang zwischen Adipositas und Hospitalisations- bzw. Mortalitätsrisiko aufgrund von Infektionen untersucht. Auch liegen keine Schätzungen vor, welcher Anteil infektionsbedingter Todesfälle auf Adipositas zurückzuführen ist.
Ein finnisches Forscherteam untersuchte nun prospektiv den Zusammenhang zwischen Adipositas und dem Risiko für schwere Infektionen mit verschiedenen Erregergruppen (Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten) in einer großen Multikohortenanalyse.
Dafür verwendeten Wissenschaftler um Dr. Solja Nyberg von der Universität Helsinki und Prof. Dr. Mika Kivimäki vom University College London gepoolte Daten aus zwei finnischen Kohortenstudien (Finnish Public Sector Study und Health and Social Support Study) und wiederholten die Analysen in einer unabhängigen Population aus der UK Biobank.
Insgesamt wurden fast 550.000 Erwachsene ohne vorbestehende schwere Infektionen zu Studienbeginn eingeschlossen und hinsichtlich infektionsbedingter Hospitalisierungen und Todesfälle anhand nationaler Spital- und Sterberegister nachverfolgt.
3-fach erhöhtes Risiko für Hospitalisation und Tod
Anhand des Body-Mass-Index (BMI) erfolgte eine Unterteilung der Probanden in
- normalgewichtig (18,5–24,9 kg/m²),
- übergewichtig (25,0–29,9 kg/m²) und
- adipös (≥ 30 kg/m²).
Innerhalb der Gruppe mit Adipositas wurde noch unterschieden zwischen
- Klasse I (30–34,9 kg/m²),
- Klasse II (35–39,9 kg/m²) und
- Klasse III (≥ 40 kg/m²).
Zusätzlich berücksichtigten die Wissenschaftler den Taillenumfang und das Taille-zu-Körpergröße-Verhältnis als Indikatoren zentraler Adipositas. Endpunkt war das erstmalige Auftreten einer schweren, stationär behandelten oder tödlichen Infektion.
Insgesamt traten während der Nachbeobachtung 8230 Infektionen in den finnischen Kohorten und 81.945 in der UK Biobank auf. Es zeigte sich eine konsistente Dosis-Wirkungs-Beziehung. Mit zunehmender Adipositas-Klasse stieg das Risiko schwerer Infektionen schrittweise an.
Personen mit einem BMI ≥ 40 kg/m² wiesen im Vergleich zu Normalgewichtigen ein etwa dreifach erhöhtes Risiko für infektionsbedingte Hospitalisierung oder Tod auf. Das Risiko bestand unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für adipöse Personen generell (BMI ≥ 30 kg/m²) ergab sich gepoolt ein etwa 1,7-fach erhöhtes Risiko für schwere Infektionen gegenüber normalgewichtigen Menschen.
Übergewicht als Vorteil bei HIV und Tuberkulose
Der Zusammenhang war über verschiedene Indikatoren für Adipositas (BMI, Taillenumfang und Taille-zu-Körpergröße-Verhältnis) hinweg konsistent. Ebenso blieb es konsistent über demografische (Alter und Geschlecht) und klinische Subgruppen sowie über ein breites Spektrum an Infektionen (bakterielle, virale, parasitäre und Pilzinfektionen) und Verlaufsformen (akut und chronisch) hinweg. Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang für akute virale Infektionen (einschließlich Covid-19 und Influenza) und bakterielle Infektionen der Haut und Weichteile.
Interessant ist, dass das Verhältnis bei HIV und Tuberkulose genau umgekehrt ist. Hier scheint Übergewicht einen gewissen Vorteil darzustellen, der vielleicht auf den konsumierenden Charakter dieser Infektionen zurückzuführen ist.
Weitere Analysen mit wiederholten BMI-Messungen zeigen, dass Gewichtszunahme mit einem moderaten Anstieg und Gewichtsabnahme bei Adipösen mit einer moderaten Reduktion des Infektionsrisikos assoziiert war.
Bezogen auf die Daten der Global Burden of Diseases Study deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Adipositas schätzungsweise für jeden zehnten infektionsbedingten Todesfall weltweit verantwortlich ist. Angesichts der weltweit zunehmenden Prävalenz von Adipositas dürfte ihr Beitrag zur Krankheitslast durch schwere Infektionen in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen, resümieren die Autoren.
Nyberg ST et al. Adult obesity and risk of severe infections: a multicohort study with global burden estimates. Lancet. 2026 Feb 9. doi: 10.1016/S0140-6736(25)02474-2
