Warum Nickerchen den Tinnitus verstärken können
Besonders nach Nickerchen berichten viele Tinnitus-Patienten von einer Verschlimmerung ihrer Symptome. Eine Studie untersuchte, wie Schlaf, Schnarchen und Atemstörungen die Wahrnehmung des Ohrgeräusches beeinflussen.
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Tinnitus betrifft weltweit rund 14% der Bevölkerung, davon etwa 2% in schwerer Form. Viele Betroffene berichten, dass die Wahrnehmung von Tinnitus über den Tag hinweg schwankt. Dies ist beeinflusst durch Stress, Geräusche, bestimmte Nahrungsmittel, atmosphärischen Druck und auch Schlaf. Eine auffällige Modulation tritt bei etwa einem Drittel der Patienten nach einem Nap auf. In früheren Studien stellte man die Vermutung an, dass diese schlafinduzierten Tinnitus-Modulationen (NITM) durch somatosensorische Faktoren verursacht werden könnten. Besonders hatte man die Sitzposition während des Schlafens unter Verdacht. Bislang fehlten jedoch polysomnografische Untersuchungen, um die beschriebenen Effekte besser zu verstehen.
In einer prospektiven Beobachtungsstudie untersuchte ein Team von Wissenschaftlern um Robin Guillard, Université Grenoble Alpes, 37 Tinnitus-Patienten, die regelmäßig von einer Verstärkung ihres Tinnitus nach einem Nickerchen berichteten. Über zwei Tage hinweg wurden 197 Naps im Rahmen einer umfassenden Polysomnografie analysiert. Vor und nach jedem Kurzschlaf führten die Teilnehmer audiologische und kinesiologische Tests durch.
Die Ergebnisse zeigen, dass jeder Nap zu jeder Tageszeit zu einem signifikanten Anstieg des minimalen Maskierungsniveaus (MML) führte. Dies ist ein Maß für die Wahrnehmung von Tinnitus. Zwischen den Schlafepisoden wurde hingegen eine signifikante Reduktion des MML festgestellt. Die Veränderungen in der Tinnitus-Wahrnehmung korrelierten mit:
- der Dauer des Nickerchens,
- der Schnarchdauer,
- der durchschnittlichen Lautstärke des Schnarchens sowie
- der Anzahl von Schlafapnoe-Ereignissen.
Es ließ sich keine Assoziation zwischen den Tinnitus-Modulationen und somatosensorischen Modulationen im Bereich des Kiefergelenks oder der Halswirbelsäule nachweisen.
Tinnitus und Schnarchen: Mögliche Rolle des Musculus veli palatini
Die Autoren diskutieren allerdings eine mögliche Beteiligung des Musculus tensor veli palatini (TVP) bei Patienten mit NITM. In der Studie zeigten die Probanden eine ungewöhnlich hohe Prävalenz von Schnarchen (90%) sowie von mindestens milden Formen der Schlafapnoe in mindestens einem Nickerchen. Schnarchen und Schlafapnoe sind sehr oft mit einer Dysregulation des TVP-Tonus während des Schlafs assoziiert. Einige Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Schnarchen oder obstruktiver Schlafapnoe eine enger gestaltete pharyngeale Atemwegspassage besitzen. Das führt zu einem höheren TVP-Tonus im Wachzustand, um die Durchgängigkeit der Atemwege aufrechtzuerhalten. Beim Einschlafen sinkt dieser Tonus bei Betroffenen deutlicher ab. Das könnte eine Zunahme somatosensorischer Signale vom Muskel zum Trigeminuskomplex bewirken, wodurch sich dessen Struktur verändert.
Beweise für dieses Phänomen wurden in Nagetiermodellen für Schlafapnoe erbracht, bei denen eine Zunahme der noradrenergen Endigungen in der Sp5-Region des Trigeminuskomplexes beobachtet wurde. In diesem Modell wären Schlafereignisse, wie z. B. ein Nickerchen, Auslöser für Veränderungen des TVP-Tonus. Dies würde zu Veränderungen des afferenten Signals der somatosensorischen Information und in der Folge zu einer Tinnitus-Wahrnehmung durch somatosensorische Modulation des auditorischen Signals in der zentralen Hörbahn führen.