23. Juli 2026medonline Medizingeschichte #57

Dr. Ignaz Semmelweis – Der Retter der Mütter und sein gewaltsamer Tod in der Irrenanstalt

Wie ein Wegbereiter der modernen Krankenhaushygiene die Medizin revolutionierte und dabei an der wissenschaftlichen Ignoranz seiner Zeit zerbrach.

Ignaz Philip Semmelweis wird am 1. Juli 1818 in Budapest, Ungarn, als Sohn des Spezial- und Kolonialwaren-Großhändlers Josef und der aus wohlhabendem Hause stammenden Theresa Semmelweis (geborene Müller) in Buda geboren.

Die Eltern sind sich der Bedeutung einer guten Ausbildung für den gesellschaftlichen Aufstieg bewusst und hegen diese Ambition für alle ihre Kinder. So besucht Ignaz nach der Elementarschule das Katholische Universitätsgymnasium zu Buda und absolviert anschließend ein Jahr im Zisterziensergymnasium in Stuhlweißenburg. Dann schreibt er sich an der Universität Wien für ein Philosophiestudium ein.

Portrait Ignaz Semmelweis als zwölfjähriger.
Lénárd Landau/wikimedia

Portrait des 12-jährigen Ignaz Semmelweis aus dem Jahr 1830, von Lénárd Landau.

Josef hat für seinen Sohn aber schon eine Karriere als Miliäranwalt vor Augen, drängt ihn, zu den Rechtswissenschaften zu wechseln und setzt sich damit durch. Nach nur einem Jahr in dieser Disziplin wechselt Semmelweis aber erneut, diesmal zur Medizin. Nach einem Jahr in Wien geht Semmelweis an die Universität von Budapest, wo er die beiden folgenden Jahre verbringt, bevor er die letzten beiden Studienjahre wieder in Wien absolviert. Nach seiner Promotion zum Doctor medicinae 1844, zum Magister der Geburtshilfe 1844 und zum Doctor chirurgiae 1845, beginnt Semmelweis 1846 an der Ersten Wiener Gebärklinik zu arbeiten.

Semmelweis in Wien: Erforschung des Kindbettfiebers

Im Lauf des 19. Jahrhunderts steigt die Müttersterblichkeit erheblich an, sodass Geburten als lebensgefährliche Ereignisse angesehen werden. Als Ursache gilt das sogenannte Kindbettfieber (Puerperalfieber), das seit der Antike bekannt ist. In großer Zahl sterben Frauen aber erst dann daran, als sie ihre Kinder in Krankenhäusern gebären. Das Kindbettfieber wird mit dem sogenannten Miasma in Verbindung gebracht – einer Mischung aus Eiter, Blut und Exkrementen. Die Annahme ist, dass das Miasma die Luft in immer wieder überfüllten Krankenhaussälen verunreinigt. Moderne Konzepte wie die Antisepsis oder die Keimtheorie der Krankheiten sind unbekannt und kaum jemand wagt es, die Miasmentheorie in Frage zu stellen. Der Aderlass gilt als einzige Behandlungsmöglichkeit für das Kindbettfieber.

Unter diesen medizinisch-wissenschaftlichen Voraussetzungen wird Semmelweis zum ersten Assistenten der Geburtshilfe ernannt – eine Position, die heute etwa der eines leitenden Assistenzarztes entspricht. Das Allgemeine Krankenhaus Wien betreibt zu dieser Zeit zwei Geburtshilfe-Kliniken. Nach deren Etablierung im Jahr 1833 führen zunächst nahezu gleich viele Medizinstudenten und Hebammenschülerinnen Geburten in beiden Kliniken durch. Ab 1839 ist die erste Klinik jedoch ausschließlich den Medizinstudenten vorbehalten, die zusätzlich Obduktionen durchführen, während Hebammenschülerinnen die Geburten in der zweiten Klinik betreuen.

Seit dieser Aufteilung nach Professionen beobachten Verantwortliche einen deutlichen Unterschied.  In der von Medizinern und Medizinstudenten betriebenen Klinik ist die Müttersterblichkeit dreimal so hoch wie in der Hebammen-Einrichtung. Semmelweis beschäftigt diese Diskrepanz, kann aber zunächst keine unmittelbare Ursache dafür erkennen. Daraufhin weitet er seine Beobachtungen aus, um Faktoren zu identifizieren, welche die beiden Kliniken unterscheiden und somit als Ursache infrage kommen. Er bleibt damit aber über längere Zeit erfolglos.

Ein entscheidender Hinweis präsentiert sich Semmelweis, als er nach einer Abwesenheit von der Geburtsklinik bemerkt, dass währenddessen die Müttersterblichkeit gesunken und nach seiner Rückkehr wieder signifikant gestiegen war. Er erkennt, dass er selbst in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Krankheit steht. Als dann noch ein ihm bekannter Gerichtsmediziner an den Folgen einer Schnittverletzung stirbt, die er sich während einer Obduktion zugezogen hat, ahnt er den Zusammenhang. Semmelweis prüft den Obduktionsbefund und stellt fest, dass dieser mit den Obduktionsbefunden von Frauen übereinstimmt, die am Kindbettfieber gestorben sind. Daraus schließt er, dass die Todesursache beim Kindbettfieber dieselbe ist wie jene, des ihm bekannten Gerichtsmediziners. Er prägt den Begriff der „Leichenteilchen“, von denen er annimmt, dass sie in die Blutbahn des Gerichtsmediziners gelangt sind und dessen Tod verursacht haben. Analog dazu, so die These Semmelweis‘, würden diese Partikel von den Händen der Obduktionen durchführenden Medizinern in die Gebärmutter der Wöchnerinnen gelangen, mit denselben Konsequenzen.

Um seine These einer Überprüfung zu unterziehen, führt Semmelweis 1848 die verpflichtende Händedesinfektion mit einer Chlorkalklösung ein. Tatsächlich sinkt die Müttersterblichkeit in der ersten Klinik daraufhin und nähert sich jener der zweiten Klinik an. Obwohl der Leiter der Ersten Wiener Gebärklinik den Rückgang der Müttersterblichkeit am Allgemeinen Krankenhaus Wien ebenfalls beobachtet, unterstützt er Semmelweis’ Theorie nicht und verlängert darüber hinaus auch dessen Vertrag nicht. Wie viele andere Ärzte auch, will er sich nicht der Tatsache stellen, dass die Ärzteschaft selbst die Verursacher des Kindbettfiebers sein könnte.

In der Folge erfährt Semmelweis Widerspruch von Vorgesetzten und Kollegen, die im Rückgang der Müttersterblichkeit nach Einführung des Händewaschens einen Zufall sehen wollen, der mit dem Abklingen einer Epidemie zusammengefallen ist. Darüber frustriert, kehrt Dr. Semmelweis 1850 nach Ungarn zurück.

Semmelweis in Budapest: Der Kampf um die Anerkennung seiner Hypothese

Semmelweis veröffentlicht seine Erkenntnisse aus dem Allgemeinen Krankenhaus Wien zunächst nicht, doch viele junge Ärzte unterstützen sie. Seine Ergebnisse erschienen erstmals im Dezember 1847 in einem Leitartikel der Zeitschrift der Gesellschaft der Ärzte, verfasst von Ferdinand Hebra, dem damaligen Herausgeber der Zeitschrift. In der Folge fühlen sich weitere Mediziner motiviert, die Ergebnisse zu überprüfen und entsprechend darüber zu berichten. Semmelweis sieht sich jedoch mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Beweisführung auf zahlreiche Einwände stößt.

Von ihm durchgeführte Tierversuche werden mit der Begründung zurückgewiesen, sie seien nicht schlüssig und es bedürfe weiterer Belege, um seine Kausalitätstheorie zu belegen. Weder vor seinem Weggang aus Wien noch nach seiner Rückkehr nach Pest-Buda veröffentlicht er seine Ergebnisse. Auch in Budapest sieht sich seine Arbeit mit mehreren Herausforderungen konfrontiert, darunter das Fehlen eines produktiven akademischen Umfelds sowie der Skeptizismus, mit dem seiner Theorie im dortigen St.-Rókus-Krankenhaus begegnet wird.

Semmelweis sieht, dass die Müttersterblichkeit im St.-Rókus-Krankenhaus seit 1847 hoch ist. Der dortige Leiter der Chirurgie ist zugleich für die Geburtshilfe verantwortlich. Er vermutet, dass dieser die Krankheit von chirurgischen Patienten auf gebärende Frauen überträgt – auf dieselbe Weise, wie es auch in Wien geschieht.

Obwohl unbezahlt, übernimmt Semmelweis am 20. Mai 1851 die Leitung der geburtshilflichen Abteilung des St.-Rókus-Krankenhauses und senkt in der Folge durch die Händedesinfektion mit Chlorkalk die Häufigkeit des Kindbettfiebers. Aufgrund seiner negativen Erfahrungen in Wien berichtet er jedoch nicht darüber. Erst nachdem eine ausreichende Anzahl von Fällen dokumentiert sind, will sein erster Assistent die Ergebnisse in der Wiener Medizinischen Wochenschrift veröffentlichen. Der Beitrag wird jedoch zurückgewiesen und als irreführende Information bezeichnet. Im Jahr 1861 veröffentlicht Dr. Ignaz Semmelweis sein wissenschaftliches Hauptwerk „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“, in dem er Ersteres folgendermaßen beschreibt:

Der Träger der zersetzten thierisch-organischen Stoffe ist der untersuchende Finger, die operierende Hand, Instrumente, Bettwäsche, die atmosphärische Luft, Schwämme, welche mit decomprimirten Excrementen schwer erkrankter Wöchnerinnen oder anderer Kranken und hierauf wieder mit Kreissenden und Neuentbundenen in Berührung kommen, Leibschüsseln, mit einem Worte Träger des zersetzten thierisch-organischen Stoffes ist alles das, was mit einem zersetzten thierisch-organischen Stoffe verunreinigt ist, und mit den Genitalien der Individuen in Berührung kommt.

Die medizinische Fachwelt lehnt das Werk aber ab und unterstellt ihm einen sich wiederholenden Charakter. Semmelweis reagiert persönlich auf viele der individuellen Kritiker und verfasst mitunter beleidigende, offene Briefe – zuerst nur an seine direkten Kritiker, dann an alle Professoren, die im Bereich der Geburtshilfe tätig sind. An der im Zuge eines solchen Unterfangens notwendigen Diplomatie fehlt es ihm dabei immer wieder. So schreibt er in einem Brief an den Chirurgen und Geburtshelfer Prof. Josef Späth im Jahr 1861:

Ich trage in mir das Bewusstsein, dass seit dem Jahre 1847 Tausende und Tausende von Wöchnerinnen und Säuglingen gestorben sind, welche nicht gestorben wären, wenn ich nicht geschwiegen, sondern jedem Irrtum, welcher über Puerperal-Fieber verbreitet wurde, die nötige Zurechtweisung hätte Teil werden lassen […]. Das Morden muss aufhören, und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache halten, und ein jeder, der es wagen wird, gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden. Für mich gibt es kein anderes Mittel, dem Morden Einhalt zu tun, als die schonungslose Entlarvung meiner Gegner, und niemand, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wird mich tadeln, dass ich diese Mittel ergreife.

Psychische Erkrankung, gewaltsamer Tod und Vermächtnis

Die professionelle Beziehung zu weiten Teilen seiner Kollegenschaft geht in dieser Zeit in die Brüche. Das und Semmelweis Unfähigkeit, seine Hypothese endgültig zu beweisen, wirken sich verheerend auf seine psychische Gesundheit aus. Letzten Endes lässt sich die Kausalität seiner Erkrankung aber nicht mehr eindeutig bestimmen. Überarbeitung, Stress und die Ablehnung seiner Erkenntnisse werden als mögliche Ursachen vermutet, wie auch eine Syphilis im dritten Stadium – eine Erkrankung, die unter Geburtshelfern jener Zeit häufig vorkommt.

Semmelweis letzte Lebensjahre sind von einer zunehmenden Verschlechterung seines Geisteszustands überlagert und gipfeln darin, dass ihn sein Freund Ferdinand Hebra und seine Ehefrau Martha unter einem Vorwand nach Wien locken und in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt einweisen lassen. Dort stirbt Dr. Ignaz Semmelweis innerhalb von 14 Tagen nach seiner Aufnahme, an einer von einer Wundinfektion verursachten Sepsis. Dem Obduktionsbericht zufolge ist die Ursache eine kleine Schnittverletzung, die er sich im Zuge einer von ihm durchgeführten Obduktion zugezogen hat. Dieser offiziellen Begründung zum Trotz halten sich aber hartnäckige Gerüchte, dass Semmelweis Verletzung auf einen Kampf mit dem Anstaltspersonal zurückzuführen ist.

Als seine sterblichen Überreste schließlich 1963 exhumiert und untersucht werden, zeigen sich multiple Knochenfrakturen an Händen, Armen und im Brustbereich. Man kann in der Folge davon ausgehen, dass Semmelweis während seines Aufenthalts in der Landesirrenanstalt schweren Misshandlungen durch das dortige Personal ausgesetzt war. Dass die Sepsis-auslösende Verletzung im Zuge dieser Misshandlungen verursacht wurde, kann man annehmen, aber heute nicht mehr mit Sicherheit belegen. Entlang dieser Annahme ist es eine tragische Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jener Mann, der den Weg für die Antisepsis ebnet, an einer Sepsis stirbt.

Dr. Ignaz Semmelweis
wikimedia/Public Domain

Dr. Ignaz Philip Semmelweis

Dr. Ignaz Semmelweis ist mit seiner Forschungsarbeit der entscheidende Wegbereiter für die Keimtheorie von Krankheiten, jenem Konzept, das später von Louis Pasteur, Joseph Lister und Robert Koch endgültig in das Vokabular der medizinischen Wissenschaften eingeführt wurde. Seine wissenschaftliche Stringenz und sein evidenzbasierter Modus Operandi führen zu einem Rückgang der Müttersterblichkeit und begründen die systematische Erforschung von Infektionskrankheiten sowie moderne Maßnahmen der Infektionsprävention. Mit seinem Beitrag führte Semmelweis die moderne Medizin an die Prinzipien der Asepsis, und die Grundlagen der klinischen Infektionsprävention heran.

Der aus der Tragödie seines Lebens abgeleitete Begriff vom „Semmelweis-Reflex“ beschreibt heute einen grundlegenden Aspekt menschlichen Verhaltens. Nämlich die Neigung, an bestehenden Überzeugungen festzuhalten und neue Ideen abzulehnen, die diese infrage stellen. Am Ende seines Lebens sehnte er sich, tief geprägt von der Kritik, der er während seiner professionellen Laufbahn ausgesetzt war, nach einer Welt, in der niemand an vermeidbaren Infektionen sterben muss. Seine Hoffnung verlieh er mit den Worten Ausdruck:

Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, kann ich die Traurigkeit, die mich überkommt, nur dadurch vertreiben, dass ich in jene glückliche Zukunft blicke, in der die Infektion verbannt, der Zerstörer des Lebens vernichtet sein wird, in der keine weinenden Mütter mehr zu finden sein werden und die Zahl der Menschen, die an Infektionen sterben, nicht mehr gezählt werden muss.

Über Semmelweis medizinhistorische Bedeutung und den Beitrag seiner Kollegenschaft, dieser zu seinen Lebzeiten die Anerkennung zu verweigern, schrieb sein Biograf Fritz Schürer von Waldheim schon im Jahr 1905:

Es erscheint heutzutage fast unbegreiflich, daß diese Erfolge von Semmelweis die Chirurgen nicht veranlaßten, seine Methode nachzuahmen. Selbst in seinem engeren Freundeskreise fand Semmelweis keine Beachtung! (…) Daß die allgemeine Antisepsis nicht von Österreich-Ungarn ihren Ausgang genommen hat, das danken wir seinen Feinden.