8. März 2024medonline Medizingeschichte #18 – zum Weltfrauentag

Österreichs erste Ärztin – Gabriele Possanner von Ehrenthal

Gabriele Possanner von Ehrenthal wird am 27.1.1860 als Tochter des Sektionschefs im Finanzministerium Benjamin Freiherr Possanner von Ehrenthal und seiner Frau Pauline, geborene Krausz, in Budapest geboren.

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Public Domain/Wikimedia

1880 übersiedelt sie mit ihrer Familie nach Wien, absolviert dort die Lehrerinnenbildungsanstalt und ist anschließend in einer Volksschule tätig.

Tatsächlich will Gabriele aber Medizinerin werden. Der akademische Senat der Universität hat ein Frauenstudium jedoch 1873 principiell und mit aller Bestimmtheit abgelehnt. Weil sie sich von dieser maskulinen Borniertheit nicht von ihren Zielen abbringen lassen will, legt sie 1887 als Externe am Akademischen Gymnasium in Wien die Maturitätsprüfung ab und zieht 1888 nach Zürich. Die Medizinische Fakultät der dortigen Universität ist die einzige in ganz Europa, welche Frauen zum Studium zulässt.


Studium in Zürich und Genf

In ihrem ersten Semester belegt Possanner schon 31 Wochenstunden. Das Sommersemester 1889 verbringt sie an der Universität in Genf, weil sie – wie zu dieser Zeit nicht unüblich – einem renommierten Professor an dessen Vorlesungsort folgt. Als sie zu Beginn des Wintersemesters 1889 ihr Ansuchen zur 1. Staatsprüfung stellt, erfährt sie, dass ihr Wiener Maturitätszeugnis nicht anerkannt wird und sie die schweizerische Matura ablegen muss.

Ende Juni 1890 besteht Gabriele schon ihre zweite Maturitätsprüfung und kann noch rechtzeitig zur 1. Medizinischen Staatsprüfung antreten. Ein Jahr später legt sie die 2. Staatsprüfung ab. Im Sommersemester 1893 schließt sie ihr Medizinstudium ab, absolviert im Dezember desselben Jahres die Medizinische Fachprüfung mit hervorragenden Noten und promoviert 1894 mit einer Dissertation auf dem Gebiet der Augenheilkunde.

Possanner, die Lobbyistin, und der Kampf um die Nostrifikation

Gabriele Possanner von Ehrenthal ist nun berechtigt, als praktische Ärztin in allen Kantonen der Schweiz zu arbeiten. Sie will aber in ihrer Heimat tätig sein. So bewirbt sie sich um eine Anstellung als Amtsärztin in den annektierten Gebieten Bosnien und Herzegowina. Muslimische Frauen dort weigern sich, von männlichen Ärzten untersucht zu werden, was ihrer Bewerbung Nachdruck verleiht.

Parallel dazu beginnt sie systematisch, für die Annahme ihrer Bewerbung zu lobbyieren. Sie schreibt an den Vorstand der II. Psychiatrischen Klinik in Wien und an das Ministerium für Kultus und Unterricht mit der Bitte um Zulassung als Volontärärztin. An das Kultusministerium mit der Bitte um Nostrifikation ihrer schweizerischen Zulassung als Ärztin.

Im Abgeordnetenhaus bringt sie eine Petition ein, in Österreich praktizieren zu dürfen. An das Medizinische Dekanat richtet sie eine mit der Bitte um Zulassung zu Rigorosen. Selbst an den Kaiser persönlich richtet sie ein Gnadengesuch mit der Bitte, ihr die Ausübung der ärztlichen Praxis in Österreich aller gnädigst zu bewilligen … da zahlreiche Mädchen und Frauen sich scheuen beim Beginne einer Krankheit einem männlichen Ärzte sich anzuvertrauen, infolgedessen solche Leiden sich steigern und oft unheilbar werden.

Schließlich ermächtigt Kaiser Franz Joseph den Innenminister, eine Zulassung auf dem Gebiet der Geburtshilfe und Frauenheilkunde zu befürworten, wenn der Vorstand er 1. Geburtshilflichen Klinik Possanners Fachkompetenz bestätigt. Dieser spricht sich in der Folge für die Erteilung der Venia practicandi aus, und zwar gleich für das gesamte Gebiet der Medizin.

Weil das dem nicht eben progressiven Innenminister dann doch zu schnell geht, muss Possanner alle Prüfungen des Medizinstudiums noch einmal ablegen, bevor sie am 2. April 1897 als erste Frau auf dem Boden Österreich-Ungarns promoviert wird.

Österreichs erste Ärztin

Die Arbeiterinnen-Zeitung würdigt das Ereignis gemäß seiner epochalen Bedeutung:

Der erste weibliche Doktor promoviert. Ein bedeutsames und alle denkenden Frauen erfreuliches Ereignis hat sich vollzogen. Der erste weibliche Doktor der gesamten Heilkunde wurde am 2. d. M. (Anm. April) an der Wiener Universität feierlich promoviert. Baronin Gabriele Possanner v. Ehrenthal ist der erste weibliche Arzt in Wien. Gabriele Possanner, obwohl n u r ein Weib, wurde es bedeutend schwerer gemacht, in Wien den Doktorgrad zu erreichen, als es bei ihren männlichen Kollegen üblich ist. Baronin Possanner musste sich in Zürich den Doktorhut erwerben und ehe er in Wien anerkannt wurde, musste sie hier noch einmal alle Rigorosen der Wiener Universität wiederholen. Sie als Weib hatte doppelte Prüfungen zu bestehen und sie hat sie glänzend bestanden … Auf ihre Promovierung hatte sich auch großes Interesse gelenkt und ein zahlreiches Publikum hatte sich zu derselben im Festsaal der Wiener Universität eingefunden. Allerdings bestand das Publikum nicht aus lauter Personen, die für die große Bedeutung der Promovierung einer Frau zum Arzt das nöthige Verständnis besaßen. Manche konnten ihre bornierten Gefühle nicht beherrschen, und äußerten sie durch Zischen, während das verständige Publikum seinen Beifall gab.*

Auch vom Rektor der Universität Dr. Reinisch ist auf den Seiten der Arbeiterinnen-Zeitung der Auszug einer bemerkenswert progressiven Rede wiedergegeben:

Die heutige Promotionsfeier gewinnt für unsere Hochschule noch eine besondere Bedeutung. Seit dem Bestehen unserer alterwürdigen Alma mater wird heute zum erstenmal einer Dame der Doktorgrad zuerkannt und verliehen. Ich beglückwünsche Sie, meine hochgeehrte Kandidatin, Fräulein von Possanner, deshalb auf‘s herzlichste und zolle Ihnen meine achtungsvolle Anerkennung umso bereitwilliger, weil es weit und breit bekannt geworden ist, wie Sie durch große Energie und Intelligenz die Ihrem hohen Ziele sich so vielfach entgegenstemmenden Hindernisse siegreich zu überwinden und zu beseitigen verstanden haben. Ich beglückwünsche Sie ferner als muthige und siegreiche Vorkämpferin um Erweiterung der Frauenrechte. Mag man über diese Frage denken, wie man will, so viel wird jeder vorurteilsfreie Denker zugestehen müssen, daß durch Erweiterung des geistigen Gesichtskreises der Frauen auch das gesamte Volk auf ein höheres intellektuelles und moralisches Niveau emporgehoben werden wird …*

Nichtsdestotrotz dauert es nach Possanners Promotion noch drei Jahre, bis die Medizinische Fakultät der Universität Wien ihre Tore für Frauen öffnet.

Zwischen 1894 und 1897 bekommen es der alte Kaiser höchstselbst, zwei Minister des Inneren, drei für Kultus und Unterricht, vier Rektoren der Universität Wien und vier Dekane der Medizinischen Fakultät mit Gabriele Possanner von Ehrenthal zu tun und streichen allesamt früher oder später die Fahnen vor ihrem unbändigen Willen.

Possanner gründet noch 1897 ihre Praxis in Wien. 1904 wird sie zum ersten weiblichen Mitglied der Ärztekammer, nach dem Ersten Weltkrieg tritt sie als erste Frau dem Wiener medizinischen Doktoren-Kollegium bei. 1928 wird sie zur ersten Medizinalrätin ernannt. 1940 stirbt sie, nach 43 Jahren als praktische Ärztin, in ihrer Wohnung in der Alserstraße 26.