Die liebe Familie

Kennen Sie folgendes Szenario? Man hatte eine Woche Fortbildung oder vielleicht sogar Urlaub. Man kommt zurück auf die Station. Man fühlt sich frisch und flockig. Heute kann einen nichts erschüttern. Es ist Montag. Am Wochenende sind ein paar neue Patienten eingezogen. Die Insassen, die zuvor da waren, sind auch nur so mittelgesund. Und die Neuzugänge wollen auch ein bisschen Aufmerksamkeit. Also krempelt man die Kittelärmel hoch und beginnt zu werken.

Ein Bild
Kai Felmy

Die guten Ideen der Dienstärzte am Wochenende wollen in die Tat umgesetzt werden. Also meldet man Untersuchungen an auf Teufel komm raus. Man sichtet alle Kurven, liest sich ein, weil man kennt ja urlaubsbedingt keinen einzigen Patienten. Langsam fängt man an zu schwitzen. Ui, der braucht aber dringend Eks. Der braucht ein Konsil. Der hat eine Schmerztherapie wie Kraut und Rüben. Und so geht‘s dahin.

Dann geht man Visite, optimalerweise mit einer Oberärztin oder einem Oberarzt, die auch niemanden kennen, weil sie nur einen Tag die Station machen oder selber weg waren. Also schwimmt man gemeinsam dahin und versucht, keine Katastrophen zu übersehen. Mittags hat man dann einen Plan. Es gibt viel zu tun. Und da ist noch kein Dekurs geschrieben, kein Entlassungsbrief vorbereitet, kein Patient aufgeklärt. Außerdem kommt der obligatorische Montags-Mittags-Zugang von Ambulanz oder Notaufnahme. Der beschäftigt einen dann über die Mittagspause. Die Kantine hat leider zu, wenn man fertig ist. Langsam ist man emotional auf Vor-Urlaubsniveau. Aber der Horror beginnt erst, denn es ist Montag. Und wir wissen was das bedeutet. Die liebe Familie kündigt sich an. Ab eins beginnen die Anrufe der Angehörigen:

„Was ist denn jetzt genau los mit der Oma? Soll ich die 24-h-Hilfe heimschicken, weil die kostet ja Geld und überhaupt.“

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