Was bin ich schuldig?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, werte Leser, aber ich war Anfang Mai etwas irritiert über die Wahlarztdebatte. Jetzt betrifft es mich als Krankenhausärztin ja primär nicht, aber ich kenne natürlich einige Wahlärzte sowohl privat als auch als Patientin. Und ich hatte noch nie den Eindruck, dass es jemand hauptsächlich für den schnöden Mammon macht. Die meisten haben gute Gründe wie zum Beispiel, dass sie schlichtweg keinen Kassenplatz bekommen haben, an dem Ort, an dem sie vorhatten zu leben und zu ordinieren. Andere können ihre Zusatzqualifikation in dem engen Korsett einer Kassenpraxis einfach nicht ausüben, weil sie mehr Zeit für Diagnostik und Therapie brauchen, als die Kasse ihnen zugesteht. Wieder andere haben lange in einer Gemeinschaftspraxis mit einem Elternteil gearbeitet und den Kassenvertrag nicht automatisch verlängert bekommen, als besagter Elternteil in Pension ging. Dann gab es kurz Aufregung, und als sie gesehen haben, dass es tatsächlich ohne die Kasse im Nacken viel angenehmer läuft, wollten sie nie mehr zurück wechseln ins Kassensystem.

Was mich an der öffentlichen Diskussion gestört hat, war mein Eindruck, dass DIESE Geschichten nicht erzählt wurden. Aber ich habe sehr viel darüber gehört, wie man Wahlärzte „bestrafen“ könnte. Man könnte sie ja Nachtdienste machen lassen, irgendwo, wo Mangel ist. Oder sie einen Tag in der Woche in der Suchtberatung einsetzen. Und Jungärzte sollten überhaupt einmal für zwei bis drei Jahre verpflichtet werden, in einer Kassenpraxis zu arbeiten. So unser politischer Vertreter, der Gesundheitsminister. Da musste ich schon schlucken. Natürlich freue ich mich, in einer Gesellschaft zu leben, in der ich meinen erwünschten Beruf jahrelang studieren durfte, aber was ich mich jetzt schon ein Monat frage, ist: Was bin ich dieser Gesellschaft schuldig?
