28. Mai 2026Projekt "Gesund aus der Krise"

Social Media: Die Psyche von Jugendlichen schützen

Das Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren wurde von der österreichischen Bundesregierung vor Kurzem beschlossen. Das Gesetz dazu soll bis Ende Juni 2026 auf den Weg gebracht werden. Dass dies notwendig und sinnvoll ist, zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse einer Umfrage unter Behandlern des Mental-Health-Projekts „Gesund aus der Krise“.

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V.l.n.r: Beate Wimmer-Puchinger, Korinna Schumann, Barbara Haid, Oliver Scheibenbogen

Aus dieser Online-Umfrage, an der im April 324 Personen teilnahmen, geht hervor, dass Probleme mit dem Selbstwert und dem eigenen Körperbild, Schlafstörungen, problematisches Nutzungsverhalten und soziale Unsicherheit die Top-5-Probleme im Zusammenhang mit der Nutzung von Social Media sind.

Social-Media-Verbot und Begleitmaßnahmen

Dazu Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleitung von „Gesund aus der Krise“ und Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP): „Die Erfahrungen unserer Behandler und internationale Studien lassen nur einen Schluss zu: Wir müssen unsere Jugend vor exzessivem Social-Media-Konsum schützen. Deshalb unterstützen wir das von der Regierung beschlossene Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige.“

Es brauche aber mehr als ein reines Verbot, nämlich auch begleitende Aufklärungsmaßnahmen, so die BÖP-Präsidentin. Einerseits sollen die Behandler in Online-Workshops fitter gemacht werden für das Thema Social Media und deren Auswirkungen und vermehrt Erfahrungsaustausch untereinander betreiben. Andererseits muss auch die Medienkompetenz sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Eltern und Pädagogen gestärkt werden.

„Medienkompetenz bedeutet nicht nur zu wissen, wie digitale Plattformen funktionieren, sondern auch, die eigene Psyche schützen zu können“, erläutert Mag. Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP). Mangelnde Medienkompetenz kann auch sehr rasch zu einer Polarisierung und Radikalisierung führen, was letztlich eine Gefahr für die Demokratie darstellt.

Suchtgefahr durch Social Media

Ein großes Problem besteht darin, dass der Großteil der Kinder und Jugendlichen (laut Umfrage 82%) die digitale Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können, was Prof. Wimmer-Puchinger zufolge ja auch Absicht ist. „Das ist bewusst so angelegt, dass sie nicht mehr aufhören können.“ Doch wenn das Produkt so entwickelt wurde, dass es süchtig macht, liegt die Verantwortung auch bei den Unternehmen und diese müssen in die Pflicht genommen werden.

Social Media können genauso süchtig machen wie Alkohol, Nikotin oder Drogen, für die es aber Regeln und Verbote gibt. „Social Media sind noch dazu ein personalisiertes, unglaublich gefährliches Suchtmittel, da jeder Algorithmus auf den User persönlich abgestimmt ist“, betont Mag. Haid. Daher wären auch in diesem Bereich Regelungen und Verbote sinnvoll. Die Berufsverbände hoffen daher, dass das angekündigte Social-Media-Verbot bald Realität wird.

Gefährliche Selbstdiagnosen

Eine weitere Gefahr von Social Media liegt darin, dass zunehmend Selbstdiagnosen von psychischen Erkrankungen befeuert werden. Kinder und Jugendliche erfahren über Social Media von psychischen Erkrankungen und vergleichen ihre Symptome mit denen, die sie online finden. Mithilfe von KI-Chatbots diagnostizieren sie dann bei sich selbst eine solche Erkrankung und möchten diese von den behandelnden Psychologen oder Psychotherapeuten bestätigt haben. Mag. Haid warnt vor diesen Selbstdiagnosen: „Fundierte Diagnostik kann nur durch Experten erfolgen. Sie ist ein hochkomplexer Prozess, der immer die Lebensgeschichte und das aktuelle psychosoziale Umfeld eines Menschen miteinbezieht.“

Junge Nutzer sind besonders gefährdet

Studien haben gezeigt, dass der Realitätsverlust umso höher und die psychische Beeinträchtigung umso größer ist, je jünger die Nutzer sind. „Kinder können attraktiven Reizen aufgrund der Hirnentwicklung noch nicht so gut widerstehen wie Erwachsene. Es fällt ihnen auch schwerer, die Konsequenzen ihres Handelns vorwegzunehmen. Die Folgen sind ein Kontrollverlust und massive Probleme bei der Regulation des eigenen Handykonsums“, erklärt Priv.-Doz. Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe sowie Wissenschaftlicher Leiter des ORF/Dok1-Handyexperiments.

Verlust von Sprache und Interessen

Häufige und lange Aufenthalte in der digitalen Welt führen auch dazu, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Probleme in der realen Welt haben, wie etwa soziale Unsicherheit und oder Angst in direkten Begegnungssituationen. Es kommt auch zu einem Sprachverlust, die jungen Menschen finden kaum noch Worte für ihr inneres Erleben. „Wenn die Sprache verkümmert, verkümmert auch das soziale Leben“, warnt Prof. Wimmer-Puchinger.

Außerdem vernachlässigen viele Social-Media-Nutzer andere Freizeitaktivitäten und Hobbys. Kreativität und Bewegung kommen zu kurz, wären aber wichtig für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Gleichzeitig wird das Internet von vielen als Schutzraum wahrgenommen, es dient als Strategie zur Vermeidung von Problemen im Alltag und kostet wertvolle Zeit.

Umfrage-Ergebnisse im Detail

  • 74% der Behandler registrieren bei ihren Klienten einen problematischen Medienkonsum, 28% von ihnen sogar „sehr häufig“.
  • Ein Drittel der Befragten beobachtet ein eindeutig problematisches Social-Media-Verhalten bereits bei den 10- bis 13-Jährigen.
  • 82% stellen fest, dass Kinder und Jugendliche häufig oder sehr häufig die digitale Nutzung nicht mehr selbstständig beenden können.
  • 70% berichten, dass der Schlaf von Kindern und Jugendlichen von ihrer nächtlichen Social-Media-Nutzung beeinträchtigt wird.
  • 79% geben an, dass Social Media andere Freizeitaktivitäten und Hobbys ihrer Klienten verdrängen.
  • 75% sagen, dass das Körperbild der Kinder und Jugendlichen sehr stark (33%) bzw. stark (42%) von Social Media beeinflusst wird. Starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ist bei 71% der Mädchen und 38% der Burschen festzustellen.
  • Zwei Drittel warnen, dass der Selbstwert der Kinder und Jugendlichen sehr stark bzw. stark an Online-Rückmeldungen (Likes, Follower, Views) gekoppelt ist.
  • 74% registrieren, dass direkte Gespräche und Begegnungen im freundschaftlichen und familiären Umfeld häufig oder sehr häufig abnehmen.
  • 72% erleben bei ihren Klienten häufig oder sehr häufig soziale Unsicherheiten oder Angst in direkten Begegnungssituationen.
  • 87% erkennen, dass Eltern mit der digitalen Mediennutzung ihrer Kinder stark oder sehr stark überfordert sind.

Schlussfolgerungen

Kindheit und frühe Adoleszenz sind zentrale Entwicklungsphasen, in denen ein stabiles Selbstbild, emotionale Selbstregulation, soziale Kompetenzen und Impulskontrolle aufgebaut werden. „Eine gute Fähigkeit dazu lernen Kinder und Jugendliche aber nur in der realen Welt. Deshalb: Reality first!“, fordert Dr. Scheibenbogen. Ein früher und intensiver unbegleiteter Zugang zu Social Media kann diese Prozesse beeinträchtigen, da digitale Inhalte stark auf Selbstwert, Identitätsbildung und soziale Vergleichsdynamiken wirken. Ein Social-Media-Verbot ist eine Möglichkeit, dies zu verhindern.

Um die Psyche von jungen Menschen zu stärken und zu schützen, wurde auch das Projekt „Gesund aus der Krise“ geschaffen. Da es bisher sehr erfolgreich verlaufen ist und weiterhin großer Bedarf besteht, wird es auch weitergeführt. Für den aktuellen Projektzeitraum (Oktober 2025 bis Juni 2027) stellt das Gesundheitsministerium einen Betrag von 35 Mio. Euro zur Verfügung. „,Gesund aus der Krise‘ ist wichtiger denn je. Wir können es uns nicht leisten, das Angebot einzustellen“, unterstreicht Gesundheitsministerin Korinna Schumann.

Über „Gesund aus der Krise“

Das Mental-Health-Projekt „Gesund aus der Krise“ wurde 2022 im Zuge der Coronapandemie ins Leben gerufen. Bisher haben bereits 54.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen durch professionelle klinisch-psychologische, gesundheitspsychologische, psychotherapeutische und musiktherapeutische Behandlung Hilfe erhalten.

Abgewickelt wird das Projekt vom Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) in Kooperation mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) und seit Frühjahr 2024 auch mit dem Österreichischen Bundesverband für Musiktherapie (ÖBM).

Ein Behandler-Pool von rund 1.500 klinischen Psychologen, Gesundheitspsychologen, Psychotherapeuten und Musiktherapeuten ermöglicht die Umsetzung. Eine Evaluierung durch die Universität Innsbruck (Institut für Psychologie) hat die Daten von über 15.000 jungen Menschen über drei Jahre hinweg ausgewertet und bestätigt, dass „Gesund aus der Krise“ nachweislich hilft (93% der Teilnehmer fühlen sich nach der Behandlung deutlich besser).

Mehr Info: https://gesundausderkrise.at/

Quelle: PK „Gesund aus der Krise“: Was Social Media mit der Psyche von jungen Menschen macht, Wien, 27.5.2026