Hürden, mit denen Frauen in der Medizin konfrontiert sind
Die Mehrheit der Ärztinnen (75%) ist mit ihrer Karriereentwicklung zwar zufrieden. Gleichzeitig haben zwei Drittel der Ärztinnen im Laufe ihres Berufslebens bereits Benachteiligungen erfahren. Überdies stoßen sie häufig auf Misstrauen und Abwertung. Das geht aus einer Umfrage unter Wiener Ärztinnen hervor.

Die Online-Befragung richtete sich an alle rund 8000 Ärztinnen in Wien. Sie wurde Ende 2025 von Peter Hajeks Public Opinion Strategies GmbH im Auftrag der Wiener Ärztekammer durchgeführt. 1408 Ärztinnen haben an der Umfrage teilgenommen, die im Februar präsentiert wurde.
Misogynes Verhalten gegenüber Ärztinnen
Demnach ist die allgemeine Zufriedenheit mit der beruflichen Situation von 75% bei den niedergelassenen Ärztinnen mit 88% deutlich höher als bei den angestellten mit 69%. Allerdings geben zwei von drei befragten Ärztinnen (64%) an, bereits Hürden und Benachteiligungen erlebt zu haben – von verbalen Abwertungen bis zu sexuellen Übergriffen.
In ihrem Arbeitsalltag sind Ärztinnen häufig mit frauenfeindlichen Bemerkungen und Handlungen konfrontiert – sowohl durch die Ärzteschaft (59%) als auch durch Patienten (60%).
- 59% berichten von herabwürdigenden Bemerkungen von ärztlicher Seite,
- 54% von unerwünschten anzüglichen Kommentaren aus der Kollegenschaft und von Vorgesetzten,
- 44% von Misstrauen in ihre fachliche Kompetenz vonseiten ihrer Kollegen und Vorgesetzten (von Patientenseite sind es hier sogar 62%).
- 27% der Befragten erwähnen unerwünschte einschlägige Berührungen,
- 4% erlebten sogar sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte.
Benachteiligung ist gesellschaftliches Problem und betrifft nicht nur Ärztinnen
„Dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern und sie anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt sind, ist ein absolutes No-Go und völlig inakzeptabel. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und Zivilcourage einfordern“, betont OMR Dr. Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Die Benachteiligung von Frauen sei allerdings ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es betreffe nicht nur den medizinischen Bereich und müsse von der Politik verstärkt adressiert werden.
Größte Hürden: Mutterschaft und mangelnde Förderung
Schwierig bleibt für mehr als jede zweite Ärztin (52%) die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Familienplanung und Kinderbetreuung stellen für sie die größten Karrierehindernisse dar. 93% sagen sogar, dass Mutterschaft im ärztlichen Berufsalltag strukturelle Nachteile mit sich bringt.
Zweitgrößtes Hindernis für Ärztinnen ist die zu geringe Förderung durch ihre Vorgesetzten. Nur 17% glauben, dass Frauen und Männer in ihrem Berufsleben gleichermaßen unterstützt werden: 68% sehen Männer klar bevorzugt, nur 1% meint, Frauen würden stärker unterstützt – ein eklatantes Ungleichgewicht.
Niedergelassene Ärztinnen brauchen Mutterschutz und flexiblere Arbeitsmodelle
Die höhere Zufriedenheit von Frauen im niedergelassenen Bereich lässt sich nach Ansicht von Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte, damit erklären, dass sie freier über ihre Arbeitssituation bestimmen können, familienfreundlichere Arbeitszeiten ohne Nacht- und Wochenenddienste haben und kaum eine Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen besteht (allerdings arbeiten Frauen eher in jenen Fachrichtungen, in denen die Verdienstmöglichkeiten geringer sind).
„Eine Schwangerschaft stellt gerade bei niedergelassenen Ärztinnen einen großen Einschnitt dar, da es hier keinen Mutterschutz, keine Karenzzeit und keine Teilzeitarbeit gibt“, sagt Dr. Kamaleyan-Schmied. Die Einführung von Mutterschutz im niedergelassenen Bereich wäre daher dringend geboten (ein Pilotprojekt dazu gibt es in Vorarlberg).
Zentrale Hebel, um die Arbeitsbedingungen für niedergelassene Ärztinnen zu verbessern, sind gemäß Umfrageergebnissen die stärkere Förderung von Gruppenpraxen inklusive Anstellungsmöglichkeiten, Jobsharing-Modelle sowie breitere und flexiblere Vertretungsregelungen.
„Da in vielen Fachrichtungen, vor allem in der Allgemeinmedizin, der Anteil von Ärztinnen weit über 50% liegt, sollte man außerdem bedenken, dass sich die Benachteiligung von Frauen in der Medizin auch negativ auf die Patientenversorgung insgesamt auswirkt“, unterstreicht die Obfrau der Niedergelassenen die Bedeutung von frauenfördernden Maßnahmen.
Strukturelle Änderungen im Spital und Zivilcourage gefordert
Strukturelle Barrieren für Ärztinnen bestehen auch im Spitalsbereich – von starren und familienunfreundlichen Dienstzeiten (Nacht- und Wochenenddienste) über fehlende individuelle Förderung (fehlende Mentoring- und Coachingprogramme, zu wenige regelmäßige Mitarbeitergespräche) und Mangel an weiblichen Führungskräften (die „Gläserne Decke“ besteht immer noch) bis zu mangelnder Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen.
„Hier können nicht Einzelmaßnahmen, sondern nur eine Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen im Krankenhaus Abhilfe schaffen“, erklärt Dr. Eduardo Maldonado-Gonzáles, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, „etwa durch flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, gemeinsame Führungsmodelle (Top-Sharing) und bessere Kinderbetreuung.“
Zwar hat laut der Umfrage rund die Hälfte der angestellten Ärztinnen Zugang zu betrieblicher Kinderbetreuung, aber nur 42% betrachten diese auch als ausreichend. Daher arbeiten viele Mütter nur in Teilzeit, was gleichzeitig ein Karrierehindernis für sie darstellt.
Um misogynes Verhalten einzudämmen, fordert Dr. Maldonado-Gonzáles außerdem mehr Zivilcourage von jedem Einzelnen ein – jeder sei aufgerufen, Missstände aufzuzeigen und im Falle von verbaler oder physischer Belästigung einzuschreiten.
Quelle: PK der Ärztekammer Wien „Hindernisse und Herausforderungen für Frauen in der Medizin“, 23.2.2026
