Amsterdam: Apotheke unter dem Meerespiegel
Warum es in einer Apotheke in den Niederlanden vor Stammkundschaft nur so wimmelt und wie man dort versucht, die Interessen der Eiligen und der Betreuungsintensiven gleichermaßen zu berücksichtigen.

Mit ihren 37 Jahren lebte die Pharmazeutin Yara Azziz schon in Syrien, Spanien und Portugal. Vor sieben Jahren wurden die Niederlande ihre Heimat. Da ist die Tochter eines kosmopolitischen syrischen Ärztepaares der Liebe wegen von der mediterranen Algarve ins wesentlich kühlere Amsterdam gezogen.
Im Bezirk Weesp leitet die Frau mit dem spanischen Pass, dem portugiesischen Pharmazie-Studienabschluss und den multiplen Sprachkenntnissen die Apotheke Hogewey. Wie wichtig ihr sprachliche Vielfalt ist, zeigt schon der Online-Auftritt der Apotheke: Elf verschiedene Sprachen lassen sich dort anklicken, sogar Chinesisch.
Lokalisiert ist die erst im vergangenen März aufgesperrte Apotheke in einem Mini-Einkaufszentrum.

Yara Azziz, die Betreiberin der Apotheek Hogewey.
Nachdem die Vorgängerapotheke kurzerhand in ein Ärztezentrum übersiedelt war und man ein paar Monate mit einer Medikamentenabgabestelle auskommen musste, war die Erleichterung über die neue Apotheke und die Freude über die bisher ungewohnte Samstagsöffnung groß.
Spezielle Nachbarschaft
2022 eingemeindet, ist Weesp nicht nur der jüngste Bezirk der unter dem Meeresspiegel gelegenen Metropole Amsterdam. Bei vielen klingelt es bei den Namen Weesp und Hogewey noch aus einem anderen Grund: Es gibt dort ein international beachtetes „Demenzdorf“, ein abgeschlossener Wohnpark mit betreuten Wohngemeinschaften in den unterschiedlichsten, den dementen Bewohnern und Bewohnerinnen entsprechenden Einrichtungsstilen und viel Grün.

Die Tara der Apotheek Hogewey.
Insgesamt betreut die Apotheke mittlerweile 2000 Menschen. „Wir haben hier einen sehr betagten Kundenstock“, erzählt Azziz. Häufig fallen mehrere chronische Leiden zusammen, neben Demenz geht es etwa um Diabetes und Herz-Kreislaufleiden. Für Azziz und das Multikulti-Apothekenteam, bestehend aus zwei weiteren Pharmazeuten, vier Pharmazieassistentinnen und einer Praktikantin, gibt es also einiges zu tun.
Viele bekannte Gesichter
Dass niederländische Apotheken öfter mit Stammkundschaft zu tun haben als österreichische, liegt primär am System. „Es ist hier üblich, sich in einer Apotheke zu registrieren“, erklärt Azziz. Das dient dazu, etwaige Wechselwirkungen besser unter Kontrolle zu haben, gleichzeitig entsteht mit der Zeit ein vertrauensvolleres Verhältnis. Wobei es letztendlich den Kunden und Kundinnen überlassen bleibt, wo sie tatsächlich ihre Medikamente holen.
Ein zweiter großer Unterschied betrifft die Verschreibungen: Ob Blockbuster, Analogpräparate oder Generika: Welche Arzneimittelmarken auf der Tara landen, hängt stark von der jeweiligen Krankenversicherung ab. Und diese können die Einwohnenden der Niederlande unter mehr als 40 Basisversorgungs-Anbietern wählen. Wobei ein Wechsel nichts Außergewöhnliches ist, es gibt sogar eigene Online-Vergleichsportale.
Als Rezeptgebühr fallen sieben Euro an. Wofür diese seit einigen Jahren auffallend oft auf die Tara gelegt werden, ist Ritalin und andere Pillen gegen ADHS. Mittlerweile weiß man, dass die Verschreibungen bei den 26- bis 50-Jährigen seit 2021 um stolze 76 Prozent gestiegen sind.
Pille bis 21 Versicherungsache
Generell bekommen Apotheken die Verschreibungen direkt von den Ordinationen. Anders als in Österreich sind für die Anti-Baby-Pille die Hausärzte und Hausärztinnen zuständig. Für Mädchen im Teenager-Alter und junge Frauen ist die Pille bis zum Alter von 21 Jahren kostenlos bzw. eine Versicherungsleistung. Auf diese Art versuchen die Niederlande ungewollte Schwangerschaften in sehr jungen Jahren zu vermeiden.
Apropos Verhütung: Stolz erzählt die Jungmutter Azziz vom Online-Pillenshop der Apotheke. „Damit beliefern wir ganz Holland.“ Nach der Registrierung, dem Hochladen des ärztlichen Rezepts und der Zahlung kümmert sich die Apotheke um die Zustellung, aber auch um die rechtzeitige Nachbestellung. Wichtige Infos gibt´s per Mail oder Chat.
Automatisch
Auf die ganz Eiligen wartet außerhalb der Apotheke ein Arzneiroboter, wo Rezepte unabhängig von den Geschäftszeiten eingelöst werden können. Wer diesen Service nützen will, bekommt einen Code zugesandt und wird im Fall des Falles ans Abholen am Automaten erinnert. Auch viele OTC-Produkte befinden sich in dem Gerät und demnächst sollen es laut Azziz noch mehr werden. Die jederzeitige Verfügbarkeit im Automaten ist ein besonderes Asset der Apotheke, die wie alle Apotheken bei OTC-Produkten mit Drogerien, Supermärkten und Online-Apotheken konkurrieren muss.
Services wie diese schaffen in einem Sektor mit Arbeitskräftemangel Zeit für multimorbide Patienten, die „manchmal nicht genau wissen, weshalb das eine oder andere Medikament wichtig ist. In diesem Fall kontaktiere ich den behandelnden Arzt bzw. die behandelnde Ärztin.“ Im Idealfall findet sich eine einfachere Lösung, die dann auch die Compliance erhöht.

Der Arznei-Roboter der Apotheek Hogewey
Eigentumsfrage
Was plant Apothekerin Azziz für die Zukunft? Es sollen noch mehr registrierte Kunden und Kundinnen werden. Und Impfungen möchte sie anbieten. Ausgebildet dafür wäre sie jedenfalls, erfahren ebenso. „In Portugal, wo ich nach meinem Studium als Apothekerin gearbeitet habe, ist Impfen gang und gäbe. In den Niederlanden dagegen bieten das bisher erst wenige Apotheken an. Die Menschen sind auch noch nicht daran gewöhnt.“ Mehr Öffentlichkeitsarbeit und PR auf Youtube, Tiktok und Instagram steht ebenfalls auf der Agenda. „Ich arbeite gerne mit den sozialen Medien.“ Nicht zuletzt würde Azziz gerne selbst eine Apotheke besitzen. „Vielleicht bietet sich mir ja eine Chance, diese Apotheke zu übernehmen.“ Der derzeitige Besitzer ist der Pharmazeut Ies van Golen, er ist Teil des pharmazeutischen Teams.
Die niederländische Apotheke
in Zahlen und Fakten
Mit elf Apotheken pro 100.000 Einwohnenden hat die Niederlande im EU-Vergleich wenige Apotheken, nur in Dänemark sind sie noch seltener. Inklusive Reinigungspersonal arbeitet in der niederländischen Median-Apotheke ein 13-köpfiges Team. Eine einheitliche Beschilderung wie in Österreich oder Deutschland gibt es nicht.
Typischerweise liegen Apotheken eher in Wohngebieten als in der City. Denn man registriert sich in Holland in der Regel bei einer bestimmten Apotheke und sucht sich meist eine nahe dem Wohnort. Die Daten der registrierten Kundschaft ermöglichen eine transparente Apothekenüberwachung. Auffälligkeiten im Abgabeverhalten ziehen Kontrollen nach sich. Derzeit sind die Apotheken Teil einer multidisziplinären Initiative zur Reduktion von Hospitalisierungen infolge von Herzinsuffizienz.
Die Niederlande waren der Pionier bei der Abgabe von verschreibungspflichtigem Cannabis. Im Land der Coffeeshops ist die Anzahl der Rezepte aber enden wollend. Bereits seit 2005 werden unter gewissen Bedingungen Medikamente der aktiven Sterbehilfe abgegeben, Tendenz steigend.
Es herrscht Krankenversicherungspflicht bei freier Wahl der Versicherung. Allerdings gibt es einen Selbstbehalt von meist 385 Euro jährlich. Erst wenn diese Summe ausgegeben ist, übernimmt die Versicherung Rezeptpflichtiges.
Bei OTC-Produkten konkurriert die Apotheke mit Drogerien, Supermärkten und Online-Anbietern wie Doc Morris und der Shop Apotheke, dementsprechend niedrig sind die Preise.