8. Okt. 2026Vom Ganzkörperscan bis zur Krebsimpfung

Dermatoonkologie: Digitale Diagnostik und Immuntherapien verändern die Versorgung

Von KI-gestützter Früherkennung bis zur neoadjuvanten Immuntherapie: Die Dermatologie erweitert ihre Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie. Besonders beim Melanom zeigen moderne Immuntherapien langfristige Erfolge – und auch beim weißen Hautkrebs eröffnen neue Behandlungsstrategien zusätzliche Perspektiven. Dies wurde aus Anlass des EADV-Kongresses in Wien hervorgehoben.

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ÖGDV/Selina Palla
V.l.n.r.: Prim. Univ.-Doz. Dr. Robert Müllegger (Universitätsklinikum Wr. Neustadt), Univ.-Prof. Dr. Iris Zalaudek (Universität Triest), Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller (Wiener Universitätsklinik für Dermatologie), Apl. Prof. Dr. Peter Kölblinger (Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg)

Hautkrebs ist die häufigste maligne Erkrankung. In den letzten Jahren haben sich sowohl Diagnostik als auch Therapie dynamisch weiterentwickelt. Die Diagnostik konnte durch den Einsatz von digitalen Technologien optimiert werden. In der Therapie haben moderne Immuntherapien das Behandlungsspektrum erweitert und die Prognose bei fortgeschrittenem Hautkrebs verbessert.

„Wir sind damit ein großes Stück weitergekommen“, unterstrich Prim. Univ.-Doz. Dr. Robert Mühlegger, Klinische Abteilung für Dermatologie und Venerologie, Universitätsklinikum Wiener Neustadt, und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV).

Digitale Technologien im Einsatz

Digitale Technologien wie Ganzkörperscans, digitale Dermatoskopie und KI ermöglichen es, große Mengen bildbasierter Informationen systematisch zu erfassen und über längere Zeit zu vergleichen. Besonders bei der Früherkennung und Verlaufskontrolle von Melanomen können diese Technologien unterstützen.

Allerdings habe die KI auch Grenzen, betonte Univ.-Prof. Dr. Iris Zalaudek, Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Universität Triest: „KI ist nur so leistungsfähig wie die zugrunde liegenden Trainingsdaten, sie berücksichtigt keine individuelle Krankengeschichte und kann Fehlklassifikationen verursachen.“ Die endgültige Diagnose und therapeutische Entscheidungen blieben daher ärztliche Verantwortung. Außerdem müsse man überlegen, wie die KI zukünftig in den gesamten Behandlungspfad eingebaut werden soll.

Auch die Teledermatologie gewinnt an Bedeutung. Prof. Zalaudek verwies auf ein Projekt in der Steiermark, wo mehr als 80% der teledermatologischen Anfragen wohnortnah durch Hausärzte betreut werden konnten, ohne dass die Patienten eine dermatologische Ambulanz aufsuchen mussten. Damit können Dermatologen und spezialisierte Zentren entlastet werden, was auch im Sinne der Gesundheitspolitik ist.

Therapie des fortgeschrittenen Melanoms

Besonders deutlich zeigen sich die Fortschritte in der Therapie des fortgeschrittenen Melanoms. Während noch vor 15 Jahren die meisten Patienten mit metastasierter Erkrankung verstarben, zeigen Langzeitdaten zur kombinierten Immuntherapie, dass mehr als 50% der Patienten zehn Jahre nach Behandlungsbeginn noch leben und die Erkrankung langfristig unter Kontrolle ist.

Therapieformen, die zunächst das nicht-operable metastasierte Melanom im fokus hatten, werden inzwischen auch in früheren Krankheitsstadien eingesetzt. Patienten mit operablen Metastasen und hohem Rückfallrisiko können nach der Operation adjuvant behandelt werden. Dadurch lässt sich die Zahl neuer Metastasen deutlich reduzieren. Knapp die Hälfte der Rückfälle kann vermieden werden.

Moderne Immuntherapien werden heute zunehmend in frühen Krankheitsstadien eingesetzt. So kann eine adjuvante Behandlung nach der Operation die Zahl neuer Metastasen deutlich reduzieren. Bei der neoadjuvanten Therapie wird bereits vor der Operation behandelt. „Bei rund der Hälfte der so behandelten Patienten ist im Operationspräparat anschließend kein vitaler Tumor mehr nachweisbar“, berichtete Univ.-Prof. Dr. Christoph Höller, Universitätsklinik für Dermatologie, MedUni Wien.

„Impfung gegen Melanome“

Gleichzeitig werden neue Ansätze untersucht, die das Immunsystem noch gezielter gegen den Tumor richten sollen. Dazu gehören individuell ausgerichtete, neoantigenspezifische Immuntherapien, häufig verkürzt als „Krebsimpfung“ oder „Impfung gegen Melanome“ bezeichnet. Dabei verabreicht man in Kombination mit dem PD-1-Antikörper Pembrolizumab eine neoantigenspezifische Immuntherapie.

Neoantigene entstehen durch genetische Veränderungen in Tumorzellen und können dem Immunsystem helfen, Tumorzellen besser von gesundem Gewebe zu unterscheiden. Ziel solcher individuell ausgerichteter Immuntherapien ist es, die Körperabwehr gezielt gegen den Tumor zu aktivieren.

Ebenfalls geforscht wird an zellbasierten Therapien, bispezifischen Molekülen, die Immunzellen gezielt zum Tumor führen, und onkolytischen Viren. Letztere sollen Tumorzellen zerstören und gleichzeitig die Immunantwort gegen den Tumor reaktivieren – auch in Situationen, in denen eine Resistenz gegen Checkpoint-Inhibitoren entstanden ist.

Auch beim seltenen Aderhautmelanom sind Fortschritte zu verzeichnen. Mit Tebentafusp steht erstmals eine Therapie zur Verfügung, die beim metastasierten Aderhautmelanom gegenüber einer Standardtherapie einen Vorteil beim Gesamtüberleben gezeigt hat. Das bispezfische Molekül bindet einerseits an Tumorzellen und andererseits an T-Lymphozyten. Dadurch werden Immunzellen gezielt an den Tumor herangeführt und aktiviert. Für einen Teil der Patienten lässt sich damit das Fortschreiten der Erkrankung deutlich verzögern.

Immuntherapien auch bei weißem Hautkrebs

Auch beim weißen Hautkrebs (Non-Melanoma Skin Cancer) steigen die Erkrankungszahlen, am häufigsten treten das Basalzellkarzinom und das kutane Plattenepithelkarzinom auf.

„Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Neuerkrankungen weiter steigen, vor allem beim kutanen Plattenepithelkarzinom“, erläuterte Prof. Dr. Peter Kölblinger, Universitätsklinik für Dermatologie und Allergologie, PMU Salzburg, und Vorsitzender der Fachgruppe Melanom und dermatologische Onkologie der ÖGDV. Allerdings ist der weiße Hautkrebs auch weniger aggressiv und leichter behandelbar als der schwarze.

Der überwiegende Teil dieser Tumoren ist durch operative Eingriffe heilbar. Systemische Therapien kommen bei lokal weit fortgeschrittenen oder metastasierten Erkrankungen zum Einsatz. Dafür stehen nun ebenfalls Immuntherapien zur Verfügung. So kommt etwa der Antikörper Cemiplimab, der gegen das PD-1-Molekül auf Immunzellen gerichtet ist, beim kutanen Plattenepithelkarzinom für Patienten mit lokal weit fortgeschrittenen oder metastasierten Tumoren oder mit hohem Rezidivrisiko zum Einsatz, bei denen eine kurative Operation oder Strahlentherapie nicht möglich ist. Außerdem ist Cemiplimab seit Ende 2025 auch als einzige Immuntherapie in der EU für die adjuvante Behandlung von Patienten mit hohem Rezidivrisiko nach Operation und Bestrahlung zugelassen.

Ein spannendes zukünftiges Konzept ist die neoadjuvante Immuntherapie. In einer Phase-II-Studie zu Cemiplimab beim kutanen Plattenepithelkarzinom führte die neoadjuvante Immuntherapie bei rund der Hälfte der behandelten Patienten nach wenigen Therapiezyklen zu einer vollständigen pathologischen Remission. Langfristig könnten solche Konzepte dazu beitragen, Tumoren vor einem Eingriff zu verkleinern, Operationen weniger ausgedehnt zu gestalten und Rückfälle zu verhindern.