Konsumräume als Schutzraum und Informationsquelle
Der Konsum von Kokain nimmt in Europa aktuell zu. Zusätzlich wird in Österreich Drogenkonsum im öffentlichen Raum wieder sichtbarer. Konsumräume gibt es hierzulande dennoch nicht. Dabei zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, dass diese mehr leisten können als Menschen einen geschützten Rahmen für den Konsum zu ermöglichen. So binden sie unter anderem auch schwer erreichbare Personen an das Hilfesystem an, machen Konsummuster sichtbar und ermöglichen gezieltere Unterstützungsangebote.

In Österreich ist die Drogensituation insgesamt vergleichsweise stabil, wie unter anderem aus dem Drogenbericht 2025 der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) hervorgeht.
Gleichzeitig wird, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, hierzulande wieder mehr Kokain konsumiert. Abwassermonitoring, Anzeigenstatistik, Bevölkerungsbefragungen und Drug Checking weisen zuletzt auf eine Zunahme bei dem Stimulans hin. Rund 1,5% der 15- bis 64-Jährigen berichteten über Kokainkonsum im vergangenen Jahr, 0,8% über Konsum in den vergangenen 30 Tagen. Auch in der Suchthilfe steigt der Anteil von Personen mit Kokain- und Stimulanzienkonsum seit mehreren Jahren. Kokain ist aktuell hoch verfügbar, die Preise stabil bis rückläufig, bei hohen Reinheitsgraden
Auch die Frage nach geeigneten niedrigschwelligen Angeboten ist in Österreich aktuell. Rund um die Wiener U6-Station Gumpendorfer Straße und in angrenzenden Parks wird Drogenkonsum im öffentlichen Raum seit Längerem wieder sichtbar; zuletzt forderte der Bezirksvorsteher von Rudolfsheim-Fünfhaus auch legale Konsumräume. Solche Einrichtungen gibt es in Österreich bislang nicht.
Nicht nur die Substanz entscheidet
„Drogen an sich sind neutral“, betont Dr. Thilo Beck, Co-Chefarzt Psychiatrie bei Arud Zürich und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin, bei seinem Vortrag auf der DACH Harm Reduction Konferenz. Ob Konsum problematisch werde, hänge stattdessen wesentlich davon ab, wer konsumiere und unter welchen Bedingungen. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, entwickelt auch eine Abhängigkeit oder einen problematischen Konsum. Gerade bei vulnerablen Personen spiele das Zusammenspiel von „Drug, Set and Setting“ – also Substanz, individueller Verfassung und Konsumumfeld – eine Rolle. Konsumräume könnten laut Beck gerade Menschen schützen, die sich in einem stressigen und repressiven Setting befinden. Sie böten die Möglichkeit, sich zu stabilisieren, Abstand zu gewinnen und mit Unterstützungssystemen in Kontakt zu kommen. „Zugänglich, verfügbar und nicht zu weit weg“ müssten solche Angebote sein.
Notwendig sei zudem eine integrierte und multidisziplinäre Versorgung, die soziale und medizinische Unterstützung miteinander verbindet. Für schwer betroffene Menschen nannte Beck unter anderem Housing First – also die rasche Vermittlung in stabilen Wohnraum ohne vorherige Abstinenzbedingung –, aufsuchende Überlebenshilfe und Therapie.
Zürich war vorbereitet – Genf nicht
Wie stark bestehende Strukturen den Umgang mit einer neuen Konsumentwicklung beeinflussen können, verdeutlichte Beck am Vergleich von Zürich und Genf. Beide Städte waren mit einer zunehmenden Verbreitung von Crack und Freebase konfrontiert – rauchbaren Formen von Kokain, die rasch wirksam sind und deshalb in kurzen Abständen konsumiert werden können.
Zürich habe mit Crack und Freebase schon „eine Basis gehabt“, die Konsumräume seien „darauf eingerichtet“ gewesen, so Beck. Genf habe Crackkonsum zuvor kaum gekannt und wurde innerhalb kurzer Zeit mit einem starken Anstieg konfrontiert. Der Anteil der mit Crack verbundenen Konsumvorgänge in der dortigen Konsumeinrichtung stieg von 7% im Jahr 2020 auf 15% 2021 und rund 31% 2022. Im Jahr 2022 wurden dort insgesamt 17.066 crackbezogene Konsumvorgänge registriert. Die vorhandenen Strukturen seien auf diese Entwicklung nicht vorbereitet gewesen.
Dadurch hätten die Konsumräume die Betroffenen zunächst nicht ausreichend aufnehmen können. Diese seien dadurch verstärkt in den öffentlichen Raum ausgewichen und teilweise aus den Unterstützungssystemen herausgefallen. Gerade für Österreich stellt sich damit die Frage, wie gut bestehende Hilfesysteme auf eine rasche Veränderung des Drogenmarkts vorbereitet wären.
Mehr als 180.000 Konsumvorgänge dokumentiert
Zusätzlich können Konsumräume wichtige Erkenntnisse zum aktuellen Konsumstatus liefern. Das zeigt auch der Vortrag von Florian Meyer, Leiter der Abteilung Schadensminderung illegale Substanzen der Stadt Zürich, der ein seit Jänner 2026 laufendes Monitoring in Zürcher Konsumräumen vorstellte. Zwischen dem 21. Jänner und dem 20. September wurden laut den auf dem Kongress präsentierten Daten 181.114 Konsumvorgänge bei 924 Personen erfasst. Crack beziehungsweise Freebase war mit rund 130.800 dokumentierten Vorgängen mit Abstand die häufigste Konsumform.
Das Monitoring gehört inzwischen zum regulären Betrieb. Die einzelnen Konsumvorgänge werden pseudonymisiert erfasst und können dadurch mit weiteren Merkmalen und längerfristigen Konsummustern in Zusammenhang gebracht werden. Meyer zufolge sollen damit Entwicklungen früh erkannt und Angebote gezielter auf bestimmte Risikogruppen ausgerichtet werden.
Junge Konsumierende als neue Risikogruppe
Die Daten relativieren zugleich ein verbreitetes Bild des Crackkonsums. In der öffentlichen Darstellung dominiere häufig die Vorstellung eines nahezu ununterbrochenen Konsums bis zur völligen Erschöpfung, berichtet Meyer. In den Zürcher Einrichtungen habe sich jedoch ein deutlich heterogeneres Bild gezeigt. Neben einer kleinen Gruppe mit sehr hoher Konsumfrequenz gab es zahlreiche Personen mit wesentlich selteneren Konsumvorgängen.
Besonders aufmerksam beobachtet die Stadt Zürich allerdings derzeit eine Gruppe sehr junger Konsumierender. Meyer verweist darauf, dass innerhalb von sechs Monaten mehr als 30 Menschen unter 25 Jahren in den Einrichtungen aufgefallen seien. „Diese Personen sind teilweise in sehr schlechtem Zustand.“ Teilweise würden sie deshalb auch dann in die Konsumräume aufgenommen, wenn sie die regulären Zugangskriterien nicht erfüllten.
Für diese Gruppe reiche der Konsumraum allein jedoch nicht aus. „Man kann die Leute stabilisieren, aber da braucht es weitere Maßnahmen“, betont Meyer.
Konsumräume müssen die Menschen auch erreichen
Beck macht zugleich deutlich, dass ein Konsumraum seine Aufgabe nur erfüllen könne, wenn er von der Zielgruppe tatsächlich genutzt werde. Aus der Schweizer Erfahrung sei deshalb auch die unmittelbare Umgebung entscheidend. „Menschen, die konsumieren möchten, gehen nicht dorthin, wo es keine Substanzen gibt“, sagt Beck. Soll der Konsum in einen geschützten Raum verlagert werden, müsse man das Angebot dort ansetzen, wo sich die Konsumierenden tatsächlich aufhalten.
Harm Reduction DACH Konferenz, 1.Oktober 2026, Wien
