
Sexuell übertragbare Infektionen bei Frauen
Die epidemiologische Entwicklung sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) zeigt derzeit ein klares Bild: Die Fallzahlen steigen in Europa deutlich an – auch bei Frauen. Tatsächlich verzeichnen wir bei Frauen bemerkenswerte Zuwächse“, eröffnete OÄ Priv.-Doz. Dr. Dr. Birgit Sadoghi, Leiterin der STD-Ambulanz der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Medizinische Universität Graz, ihren Vortrag mit Fokus auf STIs bei Frauen.

Syphilisfälle nahmen innerhalb einer Dekade um etwa 50% zu, Gonorrhoe sogar um über 200%, und auch Infektionen mit Chlamydia trachomatis sind laut ECDC weiterhin im Steigen begriffen.
Auffällig ist, dass die Zunahme der Syphilis sämtliche Altersgruppen betrifft, während Gonorrhoe und Infektionen mit Chlamydia trachomatis überwiegend bei Frauen unter 25 Jahren diagnostiziert werden.
Vielfach präsentieren sich sexuell übertragbare Erkrankungen asymptomatisch, Hinweise können jedoch Brennen beim Wasserlassen, Ausfluss aus dem Genitale, offene Wunden oder Warzen der Anogenitalregion sein.
Gonorrhoe: Neue Wirkstoffe in der Pipeline
Die Neisseria gonorrhoeae, so Dr. Sadoghi, sei mittlerweile die zweithäufigste bakterielle STI in Europa, wird fast ausschließlich durch Geschlechtsverkehr übertragen. Die sexuell übertragbare Infektion präsentiert sich bei Frauen typischerweise als Cervicitis, nicht selten begleitet von Endometritis oder Salpingitis. Die Inkubationszeit beträgt 1–10 Tage.
Ein besonders charakteristisches Zeichen der Gonorrhoe ist der „rahmig-gelbliche Fluor“, den Dr. Sadoghi als das „klassische Bild eines Trippers“ beschreibt. Bei der Spekulumuntersuchung zeigt sich häufig eine stark gerötete Portio-Schleimhaut mit purulentem Sekret.
Wichtig sei zudem der Blick auf die Augen: Autoinokulationen führten regelhaft zu Konjunktivinfektionen, gut erkennbar an gelblichem, oftmals eingetrocknetem Sekret im medialen Augenwinkel.
Diagnostisch hebt Dr. Sadoghi die Bedeutung der Gramfärbung als unmittelbare, schnelle Orientierungshilfe hervor, betont aber, dass eine Kultur angesichts der globalen Resistenzentwicklung unumgänglich sei. Leitlinienkonform bleibe Ceftriaxon weiterhin die Therapie der Wahl – ein Konsens, „der weltweit erstaunlich stabil“ sei.
Fälle von Therapieversagen oder ungewöhnliche Resistenzmuster, insbesondere in Bezug auf Cephalosporine der Gruppe 3 und/oder High-level-Azithromycinresistenz sollen gemeldet werden, betont Dr. Sadoghi. „Denken Sie auch daran, dass bei Infektionen, die durch ungeschützte Sexualkontakte im Asia-Pacific-Raum hervorgerufen wurden, Resistenzen von bis zu 30% vorliegen.“
Neue Wirkstoffe wie Zoliflodacin und insbesondere Gepotidacin könnten jedoch bald zusätzliche Optionen bieten. Letzteres bezeichnete sie als „First-in-Class-Antibiotikum“, ein selten gewordenes Ereignis in der Antiinfektiva-Entwicklung. Die Substanz zeige nicht nur gute Wirksamkeit gegen Gonokokken, sondern auch gegen Mycoplasma genitalium, was sie aus STI-Sicht besonders spannend mache.
Gonorrhoe
- Klinische Merkmale: Purulenter, rahmig-gelblicher Fluor; stark gerötete Portio;
gelegentlich Konjunktivitis durch Autoinokulation - Diagnostik: Gramfärbung (schnell), Kultur (Resistenz), PCR
- Therapie laut Leitlinie: Ceftriaxon Einzeldosis 1 g i. v. oder i. m.; bei Augenbefall verlängerte Therapie (3 Tage)
- Hinweis: Hohe Resistenzen gegen Ciprofloxacin, Tetrazykline, Penicillin; neue Substanzen in der Pipeline (Zoliflodacin, Gepotidazin)
Chlamydien: Häufig und oft asymptomatisch
Chlamydia trachomatis ist die häufigste bakterielle STI in Europa – und zugleich jene mit wesentlicher Morbidität vor allem in Bezug auf Infertilität, da sie oft unbemerkt bleibt. Die Inkubationszeit beträgt bis zu vier Wochen, die Übertragung erfolgt fast ausschließlich durch Geschlechtsverkehr und perinatal. Frauen sind häufiger betroffen. Rund 80% der Krankheitsverläufe bei Frauen sind asymptomatisch.
Wenn Symptome auftreten, zeigen sich bei der Untersuchung meist nur leicht gerötete Schleimhäute und ein weißlicher, zäher Schleimpfropf, der wenig spektakulär wirkt. Doch die Folgen können gravierend sein: „Chlamydien sind die führende, aber eine vermeidbare Ursache tubarer Infertilität“, betont Dr. Sadoghi. Eine unbehandelte Infektion kann in bis zu 15% der Fälle zu einer Pelvic Inflammatory Disease (PID) führen, wovon wiederum ein erheblicher Anteil eine bleibende Sterilität entwickelt.
Therapeutisch bleibt Doxycyclin der Goldstandard, wobei Dr. Sadoghi darauf hinweist, dass die korrekte Dosierung entscheidend sei – „100 mg 1–0–1“. Für Schwangere empfehlen sich Makrolide.
Chlamydia trachomatis
- Klinische Merkmale: Meist asymptomatisch; zäher weißlicher Schleimpfropf; leicht gerötete, „friable“ Portio
- Diagnostik: PCR
- Therapie laut Leitlinie: Doxycyclin 100 mg 1-0-1, 7 Tage; Alternativen in Schwangerschaft
- Hinweis: Führende Ursache tubarer Infertilität; Risiko für PID hoch
PID: Ein Notfall, der sofortige Therapie verlangt
Die Pelvic Inflammatory Disease (PID) ist ein gynäkologischer Ernstfall und entsteht in der Regel durch aufsteigende Chlamydien oder Gonokokken, seltener Mycoplasma genitalium oder respiratorische Keine, die den Genitaltrakt besiedeln. 10–15% aller unbehandelten Chlamydia-Infektionen führen zu einer PID. Nach symptomatischer PID entwickeln bis zu 18% der Frauen eine tubare Infertilität.
Betroffene Patientinnen stellen sich meist mit akuten Unterbauchschmerzen in Notfallambulanzen vor. Nach Ausschluss anderer Ursachen sei die sofortige Therapie entscheidend. Die aktuelle Empfehlung sieht eine Tripletherapie aus Ceftriaxon, Doxycyclin und Metronidazol vor.
PID
- Klinische Merkmale: Akute Unterbauchschmerzen; Fieber; Druckschmerz im Adnexbereich
- Diagnostik: Klinische Diagnose, PCR
- Therapie laut Leitlinie: Ceftriaxon + Doxycyclin + Metronidazol; Dauer je nach Symptomatik, meist mind. 14 Tage
- Hinweis: Sofortige Therapie
Syphilis: Das Chamäleon bleibt klinisch herausfordernd
Die Syphilis steigt europaweit stark an; erstmals sind Frauen quer durch alle Altersgruppen betroffen. Die klinische Variabilität im Sekundärstadium bleibt hoch und reicht u.a. von makulösen Exanthemen über palmoplantare Läsionen, Haarausfall bis hin zu Zungenveränderungen.
Die Therapie ist seit Jahrzehnten mit Benzathin-Benzylpenicillin unverändert. „Da keine Resistenzen bekannt sind, bleibt es unangefochten die effektivste Option“, so Dr. Sadoghi.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Schwangerschaft, da die diaplazentare Übertragung ab der 12.–16. Woche ein erhebliches Risiko darstellt. Hochrisikopatientinnen sollten daher im Verlauf der Schwangerschaft erneut gescreent werden.
Syphilis
- Klinische Merkmale: Ulcus durum; variable Exantheme; palmoplantare Läsionen, Vielzahl an Läsionen möglich
- Diagnostik: Serologie, PCR
- Therapie laut Leitlinie: Benzathin-Penicillin
- Hinweis: Screening bei Schwangeren wiederholen
Trichomoniasis: Häufig, aber oft übersehen
Trichomoniasis ist die häufigste nicht-bakterielle und nicht-virale STI. Frauen sind deutlich häufiger betroffen, und die Symptomatik zeigt sich oftmals als schaumiger Ausfluss. Therapeutisch gibt es einen Geschlechterunterschied: Männer erhalten Metronidazol als Einmalgabe, während Frauen bei dieser sexuell übertragbaren Infektion über mehrere Tage behandelt werden müssen.
Trichomonas vaginalis
- Klinische Merkmale: Schaumiger Fluor; Juckreiz
- Diagnostik: Mikroskopie oder PCR (besser)
- Therapie laut Leitlinie:
- Frauen: Metronidazol 500 mg über 5–7 Tage,
- Männer: Einmalgabe 2 g
- Hinweis: Bei Frauen deutlich häufiger
Angesichts der epidemiologischen Entwicklung sei eine erhöhte klinische Wachsamkeit erforderlich, fordert Dr. Sadoghi abschließend. Viele Infektionen seien asymptomatisch, bergen jedoch erhebliche Folgerisiken. Gleichzeitig eröffne die Forschung neue therapeutische Perspektiven, die insbesondere bei der Gonorrhoe in den kommenden Jahren eine spürbare Entlastung bringen könnten.
Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV), Wien, 27.–30.11.25
