Wie sich die Suchthilfe neu erfindet
Im Zentrum der Suchthilfe stehen längst nicht mehr nur Fragen nach Abstinenz oder Konsumkontrolle. Das zeigen die Vorträge am 28. Substitutions-Forum der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS), in denen es vor allem um die Frage ging, wie ein modernes Suchthilfesystem mit immer komplexeren Realitäten umgehen kann. Diskutiert werden aber nicht nur neue Substanzen und Versorgungslücken, sondern auch die Frage, wie das Leben trotz Suchterkrankung gelingen kann.

Es gibt kaum einen anderen Bereich der medizinischen und sozialarbeiterischen Betreuung, in dem Behandlungen jeder Art und Politik miteinander verzahnt sind“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Univ.-Prof. Dr. Alfred Springer (Sigmund Freud Privatuniversität Wien).
Der Mitbegründer der österreichischen Opioid-Agonisten-Therapie (OAT), der die österreichische Suchtpolitik bereits seit mehr als 50 Jahren prägt, sieht Ärzt:innen, die in der Suchthilfe tätig sind daher „auch als politische Akteure“.
Ärzt:innen in der Suchthilfe als politische Akteure
In seinem Eröffnungsvortrag beschreibt Springer die Entwicklung der österreichischen Suchthilfe als stark interdisziplinären Prozess. Viele Konzepte seien erst entstanden, weil Medizin, Sozialarbeit, Kriminologie und Politik zusammengearbeitet hätten. Entscheidend sei dabei immer wieder der „Blick über den Tellerrand“ gewesen.
Heute stehe die österreichische Drogenpolitik zunehmend vor neuen Herausforderungen. Laut Springer müssten etwa zunehmend genderspezifische Bedürfnisse und unterschiedliche soziale Lebensrealitäten mitgedacht werden, da sich zunehmend vulnerable Gruppen herauskristallisieren. Jugendliche, ältere Menschen und FLINTA seien beispielsweise nach wie vor unterversorgt und würden in vielen Konzepten zu wenig berücksichtigt. Und auch für Frauen, psychisch schwer belastete Menschen oder Obdachlose fehlten oft passende Settings und Angebote.
Jüngere Konsumenten mit immer komplexeren Problemlagen
Wie Springer beschreiben auch weitere Referent:innen zunehmende psychische Belastungen, jüngere Konsument:innen und komplexere soziale Situationen. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Substanzkonsum heute eng verknüpft mit psychischer Überforderung, Rückzug und dem Versuch, belastende Gefühle kontrollierbar zu machen.
So berichtet etwa der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wolfgang Wladika (Klinikum Klagenfurt am Wörthersee) von steigenden Zahlen bei riskant konsumierenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit psychischen Komorbiditäten. „Es braucht aus meiner Sicht spezielle, niederschwellige und regelmäßige Angebote zwischen Jugendpsychiatrie und Drogenambulanz“, betont er. Die von ihm mitinitiierte Jugendambulanz in Klagenfurt schließe hier eine wichtige Versorgungslücke.
Wladika nennt insbesondere Jugendliche in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als stark betroffen. Noch eindrücklicher sei das Suchtrisiko bei sogenannten Care-Leaver – jungen Menschen, die aus Betreuungseinrichtungen ausscheiden. Viele seien mit erheblichen psychosozialen Problemen konfrontiert und eigentlich fehle ihnen die nötige Stabilität für ein eigenständiges Leben. Gleichzeitig seien sie für bestehende Hilfsangebote aber – oft aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit – schwer erreichbar.
Gemeinsam sei vielen betroffenen Jugendlichen eine hohe psychische Belastung. Besonders häufig seien Trauma-Folgestörungen, Depressionen, Angststörungen und ADHS. Viele hätten Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gemacht.
Dabei sticht auch die zunehmende Betroffenheit junger Frauen heraus. „Heute sind die Zahlen in unterschiedlichen Konsumgruppen fast ausgeglichen, beziehungsweise in manchen Bereichen die Frauen sogar im Vordergrund“, berichtet Wladika. Viele der betroffenen Mädchen hätten schwere Gewalt- und Traumatisierungserfahrungen gemacht: „Sie haben im Grunde fast alle eine traumatische Sexualisierung erlebt“, so der Experte.
Neue Wirkstoffe oft schneller als der Gesetzgeber
Doch auch die konsumierten Substanzen haben sich verändert. „Vor 10, 15 Jahren waren Drogen anhand von Aussehen, Geruch oder Konsistenz noch vergleichsweise leicht zu identifizieren – das war einmal“, resümiert Univ.-Prof. Martin Schmid (Universität Graz). Insbesondere neue psychoaktive Substanzen (NPS) verändern den Markt zunehmend und stellen die Analytik wie auch die Suchthilfe vor immer neue Herausforderungen.
Bei den neuen „Designerdrogen“ handelt es sich um chemisch minimal veränderte Versionen eines verbotenen Wirkstoffs – mit dem Ziel, die Gesetzgebung zu umgehen. Gleichzeitig entsteht dadurch eine enorme Vielfalt an neuen Substanzen, die analytisch oft kaum erforscht sind.
Die Zahl der neuen Substanzen sei mittlerweile kaum noch überschaubar. Laut Schmid wurden europaweit bereits rund tausend NPS dokumentiert – neue Wirkstoffe würden beinahe im Wochentakt auftauchen.
Zudem berichtet der Experte über ein europäisches „veritables Kokainproblem“, neue hochpotente synthetische Opioide, problematische Zusatzstoffe bei Amphetaminen sowie synthetische Cannabinoide.
Dadurch gewinnt auch das Drug Checking zunehmend an Bedeutung – nicht nur zur individuellen Risikoreduktion, sondern auch als Frühwarnsystem. Österreich ist hier laut Schmid vergleichsweise gut aufgestellt, mit mehreren Standorten von Wien bis Innsbruck, Graz und Vorarlberg.
Wo endet Schutz, wo beginnt Kontrolle?
Neben medizinischen Aspekten rückten im Zuge der Veranstaltung zunehmend auch ethische und gesellschaftspolitische Aspekte in den Mittelpunkt.
Besonders deutlich wurde das im Vortrag von Luise Samm und Josch Friedrichs (Individuelle Suchthilfe dialog: Wien) zu grundrechtlichen Fragen der Opioidagonistentherapie (OAT). Im Zentrum stand die verpflichtende Einnahme unter Sicht in Apotheken. Die Juristin und der Psychologe stellten die Frage, ob bestimmte Kontrollmechanismen möglicherweise mit Grundrechten kollidieren – und ob die verpflichtende Einnahme unter Sicht noch zu den Lebensrealitäten vieler Patient:innen passt.
Die Diskussion sei dabei keineswegs ein Angriff auf die OAT, sondern Ausdruck eines grundlegenden Wandels im Verständnis von Suchthilfe. „Unsere Rechtsordnung ist sehr lebendig“, betonte Samm. Sie versuche, „sich gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen“. Dabei geht es auch um die Grundfrage: Wie viel Kontrolle ist notwendig – und wann beginnt sie, die Menschen zusätzlich zu belasten?
Ideologien ablegen, Menschen im System halten
Auch die Diskussion um geschützte Konsumräume spiegelt diesen Wandel wider. Diese sind in der Schweiz und Deutschland seit Jahren etabliert, in Österreich hingegen noch nicht. Mehrere Referent:innen verwiesen auf die wachsende Evidenz für solche Angebote. Neben der Vermeidung von Überdosierungen könnten Konsumräume Menschen an Hilfssysteme anbinden und den Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtern.
Generell wird an vielen Vorträgen am ÖGABS deutlich, wie sehr sich die Suchtmedizin zunehmend von einfachen Schwarz-Weiß-Vorstellungen entfernt. Nicht jede erfolgreiche Behandlung bedeutet heute vollständige Abstinenz. Oft geht es darum, Menschen überhaupt medizinisch und psychosozial erreichbar zu halten.
Damit verschiebt sich auch der Fokus der Suchthilfe: Weg vom bloßen „Cleanwerden“, hin zu einem möglichst stabilen und lebenswerten Alltag trotz Erkrankung.
28. Substitutionsforum der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS), 9. – 10. Mai 2026, Mondsee
