Kein Routine-MRT bei atraumatischen Schulterschmerzen
Schulterschmerzen, MRT, Therapie – so sieht die Behandlungskette im Alltag meistens aus. Doch eine finnische Studie stellt diese Routine nun in Frage. Denn ab 40 Jahren lassen sich praktisch bei allen Menschen strukturelle Schulterveränderungen im MRT feststellen. Trotzdem haben die meisten keine Beschwerden.

Schulterschmerzen sind sehr häufig, knapp ein Drittel der Weltbevölkerung leidet daran. Meistens sind es Veränderungen der Rotatorenmanschette, die für die Beschwerden verantwortlich sind. Obwohl die Evidenz fehlt, veranlassen Ärzte bei jedem zweiten Patienten eine routinemäßige Bildgebung, um die Beschwerden abzuklären.
Tatsächlich zeigen MRT-Bilder bei den Betroffenen häufig strukturelle Veränderungen, z.B. Tendinopathien oder Rupturen. Die Konsequenz: Die Betroffenen erhalten deshalb Physiotherapie, gezielte Injektionen oder werden operiert.
Befund muss nicht mit Schulterschmerzen einhergehen
Mit der Anzahl der Schulterbehandlungen ist auch die Belastung für das Gesundheitssystem in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Neuere Daten aus anderen Bereichen des Bewegungsapparates zeigen jedoch, dass ein Befund in der Bildgebung nicht zwangsläufig mit Beschwerden einhergehen muss.
Wichtig ist also nicht, ob das MRT Veränderungen zeigt oder nicht, sondern vielmehr, wie verbreitet solche Befunde in der Allgemeinbevölkerung sind – und in welchem Verhältnis diese zu den Schultersymptomen stehen. Dieser Fragestellung widmeten sich finnische Wissenschaftler um Dr. Thomas Ibounig vom Helsinki University Hospital.
Die Forscher führten eine populationsbasierte Querschnittsstudie mit 602 Erwachsenen im Alter von 41–76 Jahren, die keine Kontraindikationen für eine MRT-Untersuchung aufwiesen, durch. Unabhängig von Beschwerden erhielten alle Probanden neben einer standardisierten Befragung zu ihren Symptomen eine klinische Untersuchung der Schulter sowie ein beidseitiges 3-Tesla-MRT ohne Kontrastmittel.
Erfahrene und verblindete Radiologen bewerteten die vier Sehnen der Rotatorenmanschette nach festen Kriterien als normal, Tendinopathie, Teil- oder Vollruptur. Als Schultersymptome werteten die Forscher Schmerzen oder Funktionsstörungen in der vorangegangenen Woche. Die statistische Auswertung berücksichtigte Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und klinische Testergebnisse, um den Zusammenhang zwischen MRT-Befunden und Symptomen zuverlässig zu analysieren.
Praktisch alle ab 40 Jahren zeigen MRT-Veränderungen
Nahezu alle Personen (99%) wiesen im MRT Veränderungen an der Rotatorenmanschette auf – auch dann, wenn sie keine Schulterbeschwerden hatten. Die Prävalenz und der Schweregrad der Veränderungen nahmen mit dem Alter zu, unterschieden sich jedoch nicht zwischen den Geschlechtern. Am häufigsten waren Teilrupturen, ein Viertel hatte Tendinopathien und in 11% der Fälle lag eine Vollruptur vor.
Teilrupturen fanden sich bereits bei 43% der unter 45-Jährigen und bei 65% der über 70-Jährigen. Tendinopathien und Teilrupturen waren bei symptomatischen und asymptomatischen Schultern gleich häufig, während Vollrupturen bei Patienten mit Schulterbeschwerden häufiger auftraten. Dieser Unterschied verringerte sich jedoch nach Berücksichtigung klinisch relevanter Störfaktoren. Bemerkenswert aber auch, dass die meisten Patienten mit Vollrupturen keine Schulterbeschwerden hatten.
Gerade bei Menschen über 40 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit, im MRT eine Veränderung an der Rotatorenmanschette zu finden, bei nahezu 100%. Das bloße Vorhandensein einer Auffälligkeit besitzt daher nur begrenzten diagnostischen Wert. Bei vielen der beobachteten "Risse" handelt es sich um normale, altersbedingte Veränderungen ohne Symptome – und damit nicht um behandlungsbedürftige Schäden.
Befunde neutraler kommunizieren
Eine routinemäßige Bildgebung ist daher zur Diagnostik oder Therapie von atraumatischen Schulterschmerzen nicht geeignet. Um Ängste, Überdiagnostik und unnötige Eingriffe zu vermeiden, könnte daher eine präzisere und weniger dramatisierende Terminologie helfen. Laut den Autoren ist es nicht sinnvoll, zu suggerieren, etwas sei kaputt und müsse repariert werden. Besser ist es, stattdessen neutralere Bezeichnungen zu wählen.
Ibounig T et al. Incidental Rotator Cuff Abnormalities on Magnetic Resonance Imaging. JAMA Intern Med. 2026: e257903. doi: 10.1001/jamainternmed.2025.7903