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Inhalative Allergien: die stille Bedrohung des 21. Jahrhunderts

Allergien nehmen durch Klimawandel, Luftverschmutzung und invasive Pflanzenarten deutlich zu und verändern Verlauf und Dauer der Pollensaison. Der Gastbeitrag von Dr. Markus Berger zeigt, warum präzise Polleninformationen und interdisziplinäre Überwachung für Diagnostik, Therapie und Patientenberatung immer wichtiger werden.

Inhalative Allergien (z.B. durch Ragweed)
New Africa/stock.adobe.com

Die allergische Rhinitis ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen in Europa. Ca. 20–30% der Bevölkerung sind betroffen, weltweit handelt es sich um 400–500 Millionen Menschen. Weltweit wird eine steigende Prävalenz verzeichnet, wobei Luftverschmutzung und globale Erwärmung als mögliche Mitverantwortliche suszipiert werden.

Inhalative Allergien sind Teil der IgE-Antikörper-vermittelten Typ-1-Allergien. Die Entstehung einer Allergie verläuft in 2 Phasen:

  • die Sensibilisierungsphase (eine Sensibilisierung ist nachweisbar, es gibt jedoch keine Symptome) und
  • die Aktivierungsphase (allergische Symptome treten auf).

Dieser Unterschied ist essenziell, da nur ein positiver Testbefund mit korrelierenden Beschwerden als manifeste Allergie diagnostiziert werden kann.

Typische Beschwerden einer inhalativen Allergie

Zu den typischen Beschwerden einer inhalativen Allergie gehört die Rhinokonjunktivitis. Je nach Ursache (saisonale oder ganzjährige Allergene) kann die Dauer der Beschwerden massiv schwanken. Während monosensibilisierte Pollenallergiker oft nur für Wochen bis wenige Monate Symptome präsentieren, kann es sich bei polysensibilisierten oder Hausstaubmilben-Allergikern um bis zu ganzjährige Belastungen handeln. Weiters besteht das Risiko, ein allergisches Asthma bronchiale (Etagenwechsel) zu entwickeln.

Bei länger bestehenden Symptomen und Asthma kann es zu einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität kommen. Eine blockierte und rinnende Nase führt z.B. zu Schlafmangel, welcher zu Tagesmüdigkeit und einer verminderten Leistung in Schule und Arbeit beitragen kann. Depressionen und soziale Isolation werden ebenfalls vermehrt bei länger anhaltenden allergischen Beschwerden berichtet.

Pollensaison in Österreich weitet sich aus

Tendenziell wird in Österreich eine generelle Verlängerung der Pollensaison beobachtet. Die Saison kann in 3 große Gruppen eingeteilt werden (siehe Grafik):

  • Frühblüher (Erle, Hasel, Birke, Esche), Gräser und Kräuter (Beifuß und Ragweed).
  • Auch Pilzsporen können im Outdoor-Bereich saisonale Belastungen (Juni – Oktober) verursachen.
  • Zu den wichtigsten ganzjährigen Allergenen zählen die Hausstaubmilbe, Tierhaare und Pilzsporen (bei Wohnungsbefall).
Grafik
Österreichischer Polleninformationsdienst

Zur Verfügung gestellt vom Österreichischen Polleninformationsdienst
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Bereits deutliche Effekte von Luftschadstoffen und globaler Erwärmung erkennbar

Neben den Allergenen haben in den vergangenen Jahren auch Luftqualitätsparameter zunehmend an Relevanz gewonnen. Die wichtigsten Bestandteile, die kontinuierlich gemessen werden, sind hierbei

  • Feinstaub,
  • Stickstoff- und Schwefeldioxid,
  • Kohlenstoffdioxid und
  • Ozon.

Diese Stoffe haben negative Einflüsse auf Körper und Pflanzen.

So erhöht Feinstaub z.B. das Lungenkrebs-Risiko und Stickstoffdioxid verstärkt Asthma-Symptomatik. Ozon kann zudem die Allergenität von Pollen verstärken und Kohlenstoffdioxid steigert die Pollenproduktion. In Zusammenschau dieser Effekte ist es nicht überraschend, dass es auch Auswirkungen auf Pollenallergiker gibt. Vor allem Ozon hat das Potenzial, Beschwerden bei Pollenallergikern zu verstärken.

Neben den Luftschadstoffen beeinflusst auch die globale Erwärmung Menschen und Pflanzen. Neben den bekannten Effekten auf Menschen führt die steigende Temperatur außerdem zu einer erhöhten Pollenproduktion, einer verlängerten Pollensaison und dem vermehrten Auftreten von Extremwetter wie Gewitter und Überschwemmungen.

Der Einfluss von Luftqualität und steigenden Temperaturen ist in Österreich bereits deutlich erkennbar und zeigt, warum eine stetig aktive, digitale Polleninformation immer wichtiger wird.

Purpurerle führt zu Beschwerden schon im Dezember

Seit Jahren wird ein früherer Blühbeginn bei den Frühblühern verzeichnet. Eine Auswertung der Pollendaten der letzten 40 Jahre zeigt, dass die Pollensaison im Schnitt ca. 2 Wochen früher beginnt und die Pollenmenge deutlich ansteigt (Esche um das 5-Fache).

Zusätzlich muss in Großstädten bereits Mitte Dezember mit den ersten Beschwerden gerechnet werden. Grund hierfür ist jedoch nicht die globale Erwärmung, sondern die Purpurerle, ein Baum, der aufgrund seiner Resilienz bevorzugt als Alleebaum angepflanzt wird.

Ausbreitung von invasiven Pflanzenarten

Die steigenden Temperaturen bevorzugen außerdem die Ausbreitung von Neophyten, also invasiven Pflanzenarten. Das allergologisch wichtigste Beispiel hierfür ist Ragweed, welches vermutlich mit Lieferungen während des Zweiten Weltkriegs nach Europa gekommen ist. Seitdem breitet sich das Kraut massiv im Osten Europas aus.

Der Osten Österreichs ist davon schon länger betroffen, allerdings kam es in den letzten Jahren zu einer deutlichen Zunahme an Fundmeldungen aus Oberösterreich, Tirol und Salzburg. Ragweed hat nicht nur eine hohe Allergenität, sondern verursacht auch hohe Kosten für Infrastrukturerhalter und Landwirtschaft, da es sich bevorzugt auf gestörtem Boden entlang Schienen, Autobahnen und Ackern wächst.

Um die Ausbreitung von Ragweed zu dokumentieren und, wenn möglich, einzudämmen, wurde das Citizen-Science Projekt „Ragweedfinder“ (https://www.ragweedfinder.at/) ins Leben gerufen. Hierbei können über Webseite oder App Ragweed-Funde anhand einer Anleitung anonym gemeldet werden. Diese Funde werden verifiziert und anschließend an die zuständigen Behörden weitergeleitet.

Der Herbstbeifuß ist ebenfalls ein Neophyt, der erst seit 2023 merkbare Belastungen verursacht. Dieses Kraut gehört zu der Beifuß-Familie und blüht deutlich später. Der heimische Beifuß blüht im August, der Herbstbeifuß Ende September. Das Wachstum der Pflanze wird durch die warmen Temperaturen im Herbst begünstigt und führt so zu einer zweiten Belastungsspitze für Beifußallergiker, wodurch sich der Belastungszeitraum deutlich verlängert.

Allergie-relevante Pollen an rund 300 Tagen im Jahr

Mit dem früheren Start und späteren Ende der Pollensaison werden mittlerweile an ca. 300 Tagen im Jahr allergierelevante Pollen in der Luft dokumentiert. Diese Zahl verdeutlicht die Änderungen der heimischen Flora und zeigt, warum Pollenallergiker mitunter deutliche Einschränkungen in der Lebensqualität verzeichnen.

Der stetige Wandel (siehe Herbstbeifuß) betont die Notwendigkeit einer aktuellen und wissenschaftlich fundierten Polleninformation. Der Österreichische Polleninformationsdienst (https://www.polleninformation.at/) legt hohen Wert auf einen interdisziplinären Austausch (Biologen, Mediziner, Meteorologen), um möglichst akkurate Vorhersagen zu gewährleisten.

Mit Zugriff auf 25 Pollenfallen in Österreich und über 400 in ganz Europa können Änderungen in den Blühzeiträumen dokumentiert und Vorhersagen grenzenüberschreitend getätigt werden. Denn auch die Belastungen in Nachbarländern müssen berücksichtigt werden, da Pollenkörner hunderte bis tausende Kilometer mit dem Wind getragen werden können.

Pollenallergiker brauchen akkurate Prognosen

Abschließend stellt sich die Frage, wie diese Veränderungen die Zukunft beeinflussen werden. Aussagen hierzu sind sehr spekulativ. Entwickelt sich der Trend unverändert weiter, werden Frühblüher zunehmend in höhere und kältere Regionen abwandern. Das Klima wird „mediterraner“ und somit könnten auch mehr Pflanzen aus dem Mittelmeerraum in Österreich eine neue Heimat finden.

Relevante Pflanzen wären Zypressen, Glaskraut und Olivenbäume (welche schon vereinzelt im Burgenland angebaut werden). Zusätzlich werden sich Neophyten wie das Ragweed weiter ausbreiten. Eine kontinuierliche Observanz ist essenziell, um Pollenallergiker in Österreich mit akkuraten Prognosen zu versorgen.

Dr. Markus Berger
1 HNO-Abteilung, Klinik Landstraße, Wiener Gesundheitsverbund
2 Allergiezentrum Wien West
3 Österreichischer Polleninformationsdienst