Augenprobleme bei Kindern: Harmlos oder Notfall?
Tränende, klebrige, gerötete oder geschwollene Augen sind häufige Beschwerden bei Kindern. Eine präzise Anamnese hilft, zwischen harmlosen Ursachen wie einer kongenitalen Tränenwegsstenose und schwerwiegenderen Erkrankungen wie einer infektiösen Konjunktivitis oder einer orbitalen Cellulitis zu unterscheiden.

Augenprobleme treten besonders bei kleinen Kindern oft auf. Zu den häufigsten Symptomen gehören tränende, klebrige und rote Augen.
Tränende und klebrige Augen bei Neugeborenen
Wenn Neugeborene mit tränenden Augen (Epiphora) und Sekretbildung vorgestellt werden, kann eine zusätzliche Rötung der Augen auf die Ursache hinweisen.
Bei wässrigen und klebrigen, aber nicht geröteten Augen handelt es sich oft um eine kongenitale Tränenwegsstenose. Dabei verschließt bei Neugeborenen eine Schleimhautfalte in der Nase (Hasner’sche Klappe) den Tränenkanal, sodass die Tränen nicht abfließen können. In den meisten Fällen öffnet sich die Hasner’sche Klappe innerhalb des ersten Lebensjahres spontan. Daher wird initial meist konservativ behandelt.
Durch eine Massage der Tränenwege vom medialen Augenwinkel über den Tränensack nach unten wird dabei die Hasner’sche Klappe mittels Erzeugung eines Druckgradienten geöffnet. Hält die Symptomatik über das erste Lebensjahr hinaus an, ist eine Tränenwegsspülung in Kurznarkose erforderlich. Diese Behandlung hat die besten Erfolgschancen bis zu einem Alter von etwa 24 Monaten.
Eine Ausnahme bildet die postnatal auftretende Dakryozele bzw. Dakryozystozele. Diese entsteht durch einen Schleimrückstau im Tränensack. Typisch ist eine bläulich-livide Schwellung des Tränensacks, begleitet von Augentränen und Schleimabsonderung. Aufgrund der potenziellen Infektionsgefahr oder Beeinträchtigung der Atmung kann eine operative Entlastung mit endoskopischer Eröffnung des Tränensacks erforderlich sein.
Infektiöse Konjunktivitis bei Neugeborenen
Geht das Augentränen mit geröteten Bindehäuten einher, kann eine infektiöse Konjunktivitis vorliegen. Das Lebensalter des Neugeborenen gibt Hinweise auf den Erreger.
Eine Gonokokken-Konjunktivitis tritt in den ersten 3-5 Tagen nach der Geburt auf, eine Chlamydien-Konjunktivitis hingegen erst nach 5-14 Tagen und eine Herpes-simplex-Konjunktivitis nach 1-2 Wochen.
Zusätzliche Lichtsensitivität oder Schmerzen können auf eine corneale oder uveale Pathologie hinweisen.
Rote Augen bei Kindern haben viele Ursachen
Bei Kindern mit roten Augen ist eine gründliche Anamnese wichtig. Fragen nach Traumata, Fremdkörpern, früheren Episoden und saisonalem Auftreten (Pollenallergie) können Hinweise auf die Ursache geben. Ein reduzierter Visus oder Lichtempfindlichkeit deuten auf eine ernsthaftere Pathologie hin. Die Art des Ausflusses ist ebenfalls relevant. Wässriger Ausfluss deutet auf eine Abrasio oder einen Fremdkörper hin, muco-purulenter Ausfluss auf eine Konjunktivitis. Eine einseitige Rötung spricht eher für eine Abrasio oder einen Fremdkörper, beidseitige Rötung eher für eine allergische Ursache.
Eine sorgfältige klinische Untersuchung, einschließlich des Einsatzes von Fluoreszin zur Darstellung kornealer Defekte, ist unerlässlich. Finden sich dabei typische Färbemuster wie bäumchenartige-dendritische Läsionen, spricht das für eine Herpes-simplex-Infektion. Lineare Hornhautkratzer lassen hingegen auf subtarsale Fremdkörper schließen, die unter dem Oberlid sitzen und ständig über die Hornhaut kratzen.
Zur vorübergehenden Schmerzstillung während der Untersuchung und besseren Untersuchbarkeit kann Proxymetacain appliziert werden. Der Wirkstoff ist auch hilfreich bei der Entfernung cornealer Fremdkörper mittels eines in Proxymetacain getunkten Wattestäbchens.
Ab einem Alter von fünf bis sechs Jahren kann auch in der Hausarztpraxis der Visus erhoben werden. Ist dieser gut, ist eine ernsthafte Pathologie unwahrscheinlich.
Schwellungen im Augenbereich
Schwellungen im Augenbereich haben oft harmlose Ursachen, wie Insektenstiche im Sommer. Kühlende, abschwellende Kompressen und Antihistaminika reichen meist aus und man kann auf Antibiotika verzichten. Zu den weniger harmlosen Ursachen gehören die präseptale und die orbitale Cellulitis. Besonders die orbitale Cellulitis kann lebens- und visusbedrohlich sein, und sollte so rasch wie möglich erkannt und behandelt werden.
Die präseptale Cellulitis entsteht meist aus lokalen Hautläsionen, etwa durch infizierte Insektenstiche, Hordeola, Herpesviren oder Varicella-zoster-Viren. Die Kinder sind systemisch nicht beeinträchtigt, und die Augenmotilität ist nicht eingeschränkt. Es besteht weder Proptosis (Hervortreten des Augapfels) noch ein relatives afferentes Pupillendefizit (RAPD). Die Therapie erfolgt häufig ambulant mit Co-Amoxiclav p.o. und gegebenenfalls Aciclovir.
Eine Ausnahme bilden Kinder unter sieben Jahren, bei denen das orbitale Septum noch nicht ausgebildet ist. Bei ihnen besteht ein hohes Risiko für ein rasches intraorbitales Fortschreiten. Sie sollten daher auch bei Verdacht auf eine präseptale Cellulitis engmaschig täglich kontrolliert werden.
Orbitale Cellulitiden entwickeln sich meist aus den Sini – typischerweise nach einer Infektion der oberen Atemwege. Eine orbitale Cellulitis ist potenziell sehkraft- und lebensbedrohlich. Bei Verdacht sollte daher niedrigschwellig eine Bildgebung durchgeführt werden. Die Therapie erfolgt stationär mit intravenöser Antibiotikatherapie und gegebenfalls einer operativen Abszessdrainage. Zu den wichtigsten Warnhinweisen für eine orbitale Cellulitis zählen:
- Augenmotilitätseinschränkung
- Visusminderung
- Proptosis (Hervortreten des Augapfels)
- relatives afferentes Pupillendefizit (RAPD) sowie
- systemische Krankheitszeichen.
Kindliches Schielen
Schielen ist ein häufiger Grund für Überweisungen in die kinderophthalmologische Sprechstunde. Ein vermeintliches Schielen im Säuglingsalter ist oft ein Pseudoschielen. Die Augenachsen sind dabei parallel, aber breite Epikanthusfalten lassen die Augenstellung wie ein Innenschielen erscheinen. Die Prüfung der cornealen Lichtreflexe hilft, zwischen echtem Schielen und Pseudoschielen zu unterscheiden.
- Bei einer Esotropie (Innenschielen) liegt der Reflex temporal auf der Iris
- Bei einer Exotropie (Aussenschielen) findet man den Reflex nasal.
- Beim Pseudoschielen sind die Reflexe hingegen symmetrisch in der Mitte der Pupillen.
Schielen im Kindesalter ist meist konkomitant und beginnt intermittierend. Typisch ist eine positive Familienanamnese (Schielen, Brille, Abkleben).
Arten des Schielens sind:
- Intermittierendes Schielen: Gute Prognose, besonders bei alternierendem Schielen.
- Frühkindliches Schielen: Beginn im Säuglingsalter, oft durch perinatale Hirnschädigung, meist Esotropie, bedingt.
- Akkommodatives Schielen: Meist ab 18 Monaten, typischerweise Esotropie, durch Hyperopie verursacht, gut durch Brille behandelbar, wenn rechtzeitig diagnostiziert und therapiert.
- Normosensorisches Spätschielen: Plötzlicher Beginn zwischen 5 und 7 Jahren, konstantes Innenschielen, erfordert rasche Abklärung.
- Sensorisches Schielen: Meist Exotropie, bei stark reduziertem Visus.
Red Flags, die eine dringende kinderaugenärztliche Untersuchung und gegebenenfalls weiterführende Abklärungen(z.B. MRT) erfordern:
- Neu aufgetretene konstante Esotropie
- Unterschiedlich großer Schielwinkel je nach Blickrichtung
- Akuter oder subakuter Beginn
- Doppelbilder, Zukneifen eines Auges
- Kopfzwangshaltung
- Abnormales Fundusrot
Quelle: Lengwiler F. Kleines 1x1 der kinderophthalmologischen Notfälle. FomF Update Pädiatrie, 25.3.2025
Dr. Fabian Lengwiler ist Oberarzt für Kinderaugenheilkunde und Schielchirurgie an der Augenklinik des Luzerner Kantonsspitals.
