23. Juni 2020Haben die klassischen Medikamente bald ausgedient?

Erste spezifische Migräneprophylaxe

Die konventionelle Migräneprophylaxe mit Betablockern, Antidepressiva oder Antikonvulsiva hat sich in Studien als wirksam erwiesen. Doch gab es häufig Verträglichkeitsprobleme, von der schlechten Akzeptanz und Compliance ganz zu schweigen. Vor diesem Hintergrund bedeutete die erste spezifische Migräneprophylaxe mit Erenumab einen Durchbruch. Der CGRP-Antagonist wurde als Innovation in der Kategorie «Primary & Specialty» mit dem Prix Galien 2020 ausgezeichnet.

Darüber sprachen wir mit PD Dr. Andreas Gantenbein, Chefarzt Neurologie, RehaClinic Region Aargau, Präsident der Schweizer Kopfwehgesellschaft, und Dr. Colette Andrée, Geschäftsleitung MigraineAction.

PD Dr. Andreas Gantenbein
MT-Archiv

PD Dr. Andreas Gantenbein, Chefarzt Neurologie RehaClinic Region Aargau

Herr PD Dr. Gantenbein, Wie ist es um die Migräneprophylaxe in der Schweiz bestellt?  Welcher Anteil an Patienten mit Prophylaxebedarf erhält diese de facto auch?
PD Dr. Gantenbein: Diese Frage lässt sich nicht ganz so einfach beantworten, da uns für die Schweiz keine konkreten Zahlen dazu vorliegen. Internationale Daten deuten jedoch darauf hin, dass die Migränepatienten eher unterdiagnostiziert und auch unterversorgt sind. Daher ist davon auszugehen, dass auch in der Schweiz nicht jeder, der eine Migräne hat, korrekt diagnostiziert und behandelt wird. Der Bedarf für eine Migräneprophylaxe besteht bei etwa 5–10 % der Migränepatienten. Das sind jene, die an vier oder mehr Tagen pro Monat unter Migräne leiden.

Welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen hat eine unzureichende Behandlung de Migräne?
PD Dr. Gantenbein: Es liegen nur wenige Studien mit entsprechenden Berechnungen für die Schweiz vor. Aus diesen geht hervor, dass eine unzureichend behandelte Migräne mit hohen indirekten Kosten verbunden ist. Jeder Migränetag, der auf einen Werktag fällt, ist gleichbedeutend mit volkswirtschaftlichen Ausfällen. Von daher kann jede Migräneintervention, mit der sich diese Migränetage nicht reduzieren lassen, direkte wie auch indirekte volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Der MIDAS-Score zur Erfassung der Beeinträchtigung durch die Migräne berücksichtigt sowohl den Absentismus wie auch den Präsentismus: Patienten, die trotz Migräne zur Arbeit kommen, sind ja nicht voll leistungsfähig und belastbar.

In diesem Jahr hat der CGRP-Rezeptorblocker Erenumab (Aimovig®) der Firma Novartis den Prix Galien in der Kategorie «Primary & Speciality Care» gewonnen. Wie beurteilen Sie diese Innovation in der Migräneprophylaxe?
PD Dr. Gantenbein: Was den Innovationscharakter anbelangt, darf man durchaus Superlative verwenden, denn dieser ist enorm. Erstmals verfügen wir über eine Prophylaxe, die direkt aus 30 Jahren intensiver Forschungsarbeit in die Klinik Eingang gefunden hat. Jetzt haben wir endlich ein Medikament, das speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt wurde, und das auch mit entsprechender Bezeichnung zum Patienten kommt. Allein schon dadurch unterscheidet es sich grundlegend von den bisher prophylaktisch eingesetzten Präparaten wie Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Betablockern.
Der Mechanismus des prophylaktischen Effekts über das CGRP ist ebenso innovativ und er funktioniert bei vielen Patienten. Diese neuen monoklonalen Antikörper könnte man als «Kinder der Triptane» bezeichnen, die als erste spezifische Migränemedikamente zur Akutbehandlung verfügbar waren. Die Erfolge beflügelten die Forschung und führten letztlich zu Präparaten wie Erenumab.

Könnte der Prix Galien zu einem breiteren Einsatz der Prophylaxe führen?
PD Dr. Gantenbein: Es wäre natürlich wünschenswert, dass die Awareness für die Migräneprophylaxe auch dazu führt, dass mehr Patienten den Arzt konsultieren und umfassend betreut werden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn mehr Patienten und Ärzte den Stellenwert der Prophylaxe in einem neuen Licht sehen. Diese muss jedoch bei Weitem nicht nur medikamentös erfolgen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Aimovig® gemacht? Decken diese sich mit den Resultaten, die in den Studien erzielt wurden?
PD Dr. Gantenbein: Ich habe in den vergangenen zwei Jahren knapp 50 Patienten mit Aimovig® behandelt, wobei sich die Erfahrungen weitgehend mit den Studienresultaten decken. Tendenziell sehe ich sogar eine höhere Erfolgsquote. Generell sprechen auch sehr schwer von der Migräne Betroffene besonders gut an. Sehr erfreulich ist, dass die Studienpopulationen sehr gut mit unserem Patientengut übereinstimmen.

Auch wenn wir uns eine noch höhere Erfolgsquote in der Prophylaxe wünschen würden, muss man sehen, dass die CGRP-Antikörper-Responder enorm profitieren können. Sie haben wieder die Kontrolle über ihr Leben und eine Freiheit, die sie oft während Jahrzehnten nicht kannten. Aber: Es wirkt eben nicht bei allen. Die Tatsache, dass es sich relativ schnell abzeichnet, ob ein Patient anspricht und profitiert, ist wiederum von volkswirtschaftlichem Interesse.

Wie bewerten Sie die neuen Langzeitdaten zur Sicherheit und Wirksamkeit von Erenumab?
PD Dr. Gantenbein: Diese Daten sind sehr vielversprechend für uns und relevant im praktischen Alltag. Solche Updates haben für uns in der Praxis einen hohen Stellenwert – insbesondere auch die Sicherheitsaspekte, ohne relevante neue Signale. Auch ist es gut zu wissen, dass die prophylaktische Wirksamkeit langfristig anhält. Aber wir wüssten natürlich gerne noch über längere Zeiträume Bescheid.

Welche Rolle spielt der Hausarzt/Facharzt in der Migräneprophylaxe?
PD Dr. Gantenbein: Die Hausärzte spielen – wie überall – die entscheidende Rolle als Gatekeeper. Sie können einerseits Migränepatienten selbst diagnostizieren und behandeln, und auf der anderen Seite den Spezialisten hinzuziehen, wenn der Behandlungserfolg unzureichend ist oder ausbleibt. Der Facharzt kann den Hausarzt oder den Patienten über das gesamte Spektrum der prophylaktischen und therapeutischen Möglichkeiten beraten und die Behandlung im Hintergrund begleiten. Immer mit den drei Säulen: Akuttherapie, medikamentöse und nichtmedikamentöse Prophylaxe. Die neue Prophylaxe mit CGRP-Antagonisten muss vom Neurologen verordnet werden.

Besten Dank für das Gespräch!

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