Demenz: Tagesbetreuung entlastet Betroffene und Angehörige
Anlässlich des Welt-Alzheimertages am 21. September lud die Diakonie Österreich zu einer Pressekonferenz zum Thema Tageszentren für Menschen mit Demenz. Eine Wirkungsanalyse bestätigt die positiven Auswirkungen für Betroffene und deren Angehörige.

„Bei Demenz kann man nichts machen“, das ist laut Dr. Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, eine weit verbreitete Meinung. „Das stimmt aber nicht, man kann die Lebensqualität der Betroffenen effektiv verbessern und den Verlauf der Demenzerkrankung ausbremsen“, erklärt Dr. Moser. Eine Möglichkeit ist die Tagesbetreuung von Menschen mit Demenz in Tageszentren, wie sie auch von der Diakonie betrieben werden.
Ein Fall aus der Praxis
Bianca Friedrich-Hess, deren Mutter bereits im Alter von 69 Jahren an Demenz erkrankt ist, schildert ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Tageszentrum des Diakoniewerks Wels: Die Mutter konnte plötzlich nicht mehr lesen und schreiben, die Vorder- und Rückseite von Kleidungsstücken nicht mehr unterscheiden, und sie war mit ihrer Situation sehr unglücklich. Ein Schnuppertag im Tageszentrum verlief dann aber sehr positiv, und die Mutter war überglücklich. Sie erlebte dort Gemeinschaft, gemeinsame Mahlzeiten und Aktivitäten wie etwa Singen. Und sie erlebte, „dass sie etwas wert ist“. Denn es wurde nach ihrer Persönlichkeit gefragt und nicht, wie sonst so oft, nur nach den Defiziten.
„Durch den strukturierten Tagesablauf hat sich auch der Schlaf verbessert und durch die angebotene Physiotherapie die Motorik. Sie fühlt sich dort gut aufgehoben, hat Freundschaften geschlossen und ist zufrieden. Und sie hat gelernt, Hilfe anzunehmen“, berichtet Friedrich-Hess weiter.
Positive Effekte der Tagesbetreuung
Direktorin Dr. Moser betont, dass dies keineswegs ein Einzelfall sei. Eine Wirkungsanalyse, die von Master-Studierenden der FH Oberösterreich im Tageszentrum Wels durchgeführt wurde, bestätigt die positive Wirkung der Betreuung von Menschen mit Demenz in Tageszentren.
Mag. Petra Rösler, Expertin für Pflege und Alter in der Diakonie, erläutert einige Details dieser Analyse: 100% der Befragten fühlen sich sicher, dass ihre Angehörigen im Tageszentrum gut betreut sind. 89% spüren eine zeitliche und/oder emotionale Entlastung. Zudem zeigt die Untersuchung, dass 84% der Menschen mit Demenz durch die Tagesbetreuung länger zu Hause bleiben können und der Eintritt in ein Pflegeheim hinausgezögert werden kann.
Die soziale Teilhabe wirkt sich laut der Analyse positiv auf die Lebensqualität der Betroffenen aus. Sie haben in der Tagesbetreuung einen aktiveren Alltag mit Bewegung, Gedächtnistraining und dem Training von Alltagskompetenzen und profitieren von der positiven Gruppendynamik. Ihre Stimmung und ihr Schlaf verbessern sich. Auch ein geringerer Medikamentenbedarf und ein langsamerer Verlauf der Erkrankung, teils sogar eine Besserung, werden beobachtet.
Auch finanziell kann sich die Tagesbetreuung auswirken: Wird der Eintritt ins Pflegeheim hinausgezögert, sinken die Kosten für die Sozialhilfeträger. Ein um sechs Monate späterer Einzug ins Pflegeheim kann 19.700 Euro Sozialhilfe pro Person sparen. Eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf bei den Angehörigen trägt dazu bei, dass das Haushaltsbudget stabil bleibt.
Mangelndes Angebot und eingeschränkte Leistbarkeit
In Österreich nehmen derzeit rund 10.000 Personen Tagesbetreuung in Anspruch. Insgesamt gibt es 260 Tageszentren in Österreich, elf davon werden von der Diakonie betrieben. Nicht alle stehen jedoch Menschen mit Demenz offen. Schätzungen zufolge wäre der Bedarf etwa viermal so hoch. „Tagesbetreuung ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer zukunftsfähigen Pflege- und Betreuungslandschaft, aber das ist leider noch nicht in der Politik angekommen“, kritisiert Dr. Moser.
Nicht in allen Regionen sind Tageszentren verfügbar, vor allem auf dem Land fehlt es an Einrichtungen. Auch die Kosten sind für viele nicht leistbar. Sie sind je nach Gemeinde und Bundesland unterschiedlich hoch und betragen zwischen 25 und 80 Euro pro Tag. Den Grund dafür verortet Dr. Moser „in den Untiefen des Föderalismus“. „Wünschenswert wäre, dass Tagesbetreuung für alle, die sie brauchen, vom Neusiedler See bis zum Bodensee zwei bis drei Tage pro Woche leistbar ist“, sagt Dr. Moser. Tageszentren müssten verfügbar, zugänglich und leistbar sein.
Doch bis dieses Ziel erreicht ist, gibt es noch einiges zu tun. Für eine breitere Verfügbarkeit von Tageszentren wäre ein österreichweiter Ausbau mit ausreichend demenzgerechten Angeboten nötig. Laut Pflegevorsorgebericht des Sozialministeriums ist ein Ausbau um 36% vorgesehen, dieser könnte jedoch durch Sparmaßnahmen gefährdet sein. Das Angebot ist zudem noch wenig bekannt, weshalb es mehr Information braucht. Weiters müssten Qualitätsstandards für Tageszentren etabliert und die Einrichtungen zu Demenz-Kompetenzzentren ausgebaut werden. Damit könnte das dort vorhandene Wissen auch an Angehörige weitergegeben und für die Betreuung zu Hause nutzbar gemacht werden.
Pressekonferenz der Diakonie „Welt-Alzheimertag: Tageszentren sind unverzichtbarer Teil guter Demenzbetreuung“, Wien, 21.9.2026
