Jede Woche eine neue Challenge
Der Pharmakologe und Chemiker Prof. Dr. Martin Schmid analysiert Drogenproben unter anderem für Drug-Checking-Programme in der Steiermark und Kärnten. Im Zuge seines Vortrags beim ÖGABS-Forum gab er einen Überblick über aktuelle Entwicklungen bei neuen psychoaktiven Substanzen.

„Das war einmal“, sagt Prof. Dr. Martin Schmid, der am Institut für pharmazeutische Chemie der Universität Graz forscht, mit Blick auf die Zeit, „vor 10, 15 Jahren“, als klassische Drogen anhand von Aussehen, Geruch oder Konsistenz noch vergleichsweise leicht zu identifizieren waren.
Heute schätzt er die Situation als deutlich komplexer ein. Besonders relevant sind für seine Arbeit neue psychoaktive Substanzen (NPS), die zunehmend den Markt verändern – und die Analytik sowie die Suchthilfe vor immer neue Herausforderungen stellen.
NPS: „Ein anderer sammelt Briefmarken“
Um die Funktionsweise von Designerdrogen zu erklären, greift Schmid zu einem anschaulichen Bild: den „Lego-Baukasten“. Hersteller würden verbotene Wirkstoffe chemisch leicht verändern, um eine „Lego-Figur zu erzielen, die gerade so unterschiedlich ist, dass sie nicht mehr verboten ist“. Gleichzeitig entstehe dadurch eine enorme Vielfalt neuer Substanzen, die analytisch oft kaum erforscht seien.
In Österreich werden NPS seit 2012 zu einem großen Teil durch ein eigenes Gesetz erfasst. Der Eigenkonsum ist jedoch nicht strafbar – was Kontrolle und Überwachung zusätzlich erschwert. „Ungefähr jede Woche kommt eine neue Substanz auf den Markt“, berichtet der Experte. Viele davon seien preislich vergleichsweise günstig, würden online bestellt und per Post verschickt. Ein Kontakt zum Dealer sei oft gar nicht mehr nötig; viele dieser Substanzen seien zum Zeitpunkt des Erwerbs nicht verboten.
Laut Schmid habe die europäische Drogenagentur (EUDA) mittlerweile tausend neue psychoaktive Substanzen registriert. „Mein Labor und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben heute alle Hände voll zu tun, damit wir da überhaupt noch mitkommen“, berichtet er. Taucht irgendwo eine neue Substanz auf, bestellt er sie nach Möglichkeit selbst, um Referenzmaterial für die Analytik zu haben. „Ein anderer sammelt Briefmarken, wir sammeln neue psychoaktive Substanzen.“ Gelegentlich entspreche die gelieferte Substanz allerdings nicht dem, was im Onlineshop angegeben war, ergänzt er lachend.
Taucht später beim Drug Checking eine unbekannte Probe auf, kann Schmid sie mit diesen Referenzsubstanzen abgleichen. Hat er eine Verbindung bereits selbst untersucht, kennt er ihr analytisches Signal und kann sie entsprechend zuordnen.
Gut aufgestellt beim Drug Checking
Beim Drug Checking sei Österreich mittlerweile vergleichsweise breit aufgestellt, betont Schmid. Neben Wien und Innsbruck gebe es inzwischen auch Angebote in Graz, Vorarlberg und Klagenfurt.
Das Grazer Projekt „triptalks“ funktioniere bewusst niederschwellig und anonym: Konsumierende könnten eine kleine Probenmenge abgeben, die anschließend im Labor analysiert wird. Dabei wird bestimmt, welche Wirkstoffe enthalten sind und in welcher Konzentration. Das Ergebnis wird an die Beratungsstelle zurückgemeldet und mit den Konsumierenden besprochen. Bei gefährlichen oder neuartigen Substanzen kann aus einem einzelnen Fund zudem unmittelbar eine öffentliche Warnmeldung entstehen.
Besonders wichtig sei dabei auch der internationale Austausch. Die Untersuchungsstellen sind mittlerweile europaweit vernetzt, und gerade mit Slowenien arbeite man in Graz eng zusammen. So können Informationen über neue oder ungewöhnliche Funde auch über Landesgrenzen rasch ausgetauscht werden.
Was beim Drug Checking zum Vorschein kommt
Ein großes Thema bleibt laut Schmid weiterhin Kokain. Europa habe derzeit ein „veritables Kokainproblem“. Durch das große Angebot sei der Markt auch deutlich reiner geworden. „Vor 15 Jahren habe ich noch viele Zusatzstoffe und Streckmittel gesehen. Heute haben die meisten unserer getesteten Proben über 90% Reinheitsgehalt.“ Die hohen Reinheitsgehalte könnten nach Einschätzung Schmids auch gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Auch falsch deklarierte Proben sind keine Seltenheit. Schmid berichtet von vermeintlichen Kokainproben, hinter denen teilweise völlig andere Substanzen steckten.
Weitere problematische Entwicklungen sieht Schmid bei Amphetaminen, die rund 20 Prozent der getesteten Substanzen ausmachen. Besonders kritisch sieht er die sogenannten Speed-Pasten, die mit stark riechenden Aminen versetzt würden. „Diese Pasten riechen wie ein Bahnhofsklo“, summiert er. Trotzdem würden Konsumierende die Substanz auf die Mundschleimhaut applizieren. Auch die enorme Schwankungsbreite der Wirkstoffkonzentrationen sei bedenklich. Bei Amphetamin messe man regelmäßig Proben mit Konzentrationen von 0,5 bis 99 Prozent. Teilweise werde überhaupt kein Amphetamin mehr gefunden, sondern andere legal erhältliche Substanzen.
Fentanyl: „hat einem Kärntner das Leben gekostet“
Besonders eindringlich warnt Schmid vor neuen Opioiden wie Fentanyl oder Nitazenen. Noch sei die Situation in Österreich nicht mit jener in Nordamerika vergleichbar. Fentanyl werde in österreichischen Heroinproben bislang „sehr selten, Gott sei Dank“, gefunden.
Auffällig sei allerdings, was sich in den bisherigen Funden zeigte: Schmid habe bislang keine Proben gesehen, in denen Heroin lediglich mit Fentanyl versetzt gewesen sei. Stattdessen habe er nur Proben gesehen, wo Fentanyl das Heroin vollständig ersetzte. Einer dieser Fälle kostete in Kärnten einen Konsumenten das Leben. Wenige Wochen später sei auch in Slowenien eine vergleichbare Probe aufgetaucht – für Schmid wieder ein Beispiel dafür, wie wichtig der länderübergreifende Austausch beim Drug Checking ist.
Auch Nitazene werden zunehmend wichtiger. Vor 15 Jahren habe er noch keine Ahnung gehabt, dass diese überhaupt existieren, räumt er ein. Über viele Angehörige der Substanzklasse wisse man noch sehr wenig; einige dürften sogar potenter sein als Fentanyl.
Ein weiteres Problem seien synthetische Cannabinoide. Manche dieser Substanzen seien laut Schmid 20- bis 100-mal stärker als THC und würden mitunter auf Papier aufgebracht und anschließend mitgeraucht. In seiner Tätigkeit kommen sie Schmid immer wieder unter – unter anderem bei Proben aus Gefängnissen. „Die Substanzen werden auf Papier aufgebracht und als Liebesbriefe getarnt geschmuggelt“, so der Experte. Ein einziges A4-Blatt sei dort 300 Euro wert.
- Substitutionsforum der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS), 9. – 10. Mai 2026, Mondsee
