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Die Angst wird immer größer

„Und am Montag müss ma dann zum Kinderarzt“, jammert K. ins Telefon. „Wieso das denn?“, frage ich verwundert. „Wir brauchen ja die Bestätigung, dass die Schafblattern vorbei sind und die Maus wieder in die Krippe darf.“ „Und warum gehst du dafür zum Kinderarzt? Die Varizellen hast du diagnostiziert und ich hab sie behandelt. Glaubst net, dass ich fähig bin festzustellen, ob sie noch Punkte hat oder nicht?“, erwidere ich etwas verschnupft. „Was, das kannst du auch?“ „Ja, kann ich. Ich kann sehen und ich kann schreiben.“ „Ja, dann machen wir das natürlich bei dir, ich hatte nur gedacht, das darf nur der Kinderarzt machen.“ „Nein, das darf auch der praktische Arzt machen.“ Der darf nämlich tatsächlich Patienten behandeln und Entscheidungen treffen. Auch wenn man’s heutzutage nimmer glaubt.

Der ist nicht nur wie ich heute dazu da, Schreibkram für Spitäler und Fachärzte zu erledigen. Bei mir war heute eine Patientin, die für eine kardiologische Klinik die Befunde der anderen kardiologischen Klinik benötigt. Aber statt dass dort irgendein Arzt zum Telefon greift und seinen Kollegen vom anderen Krankenhaus anruft oder zumindest seine Sekretärin anweist, ein Mail oder Fax zu schreiben, kommt die Patientin mit diesem Anliegen zum Hausarzt. Und der sucht dann mühsam nach Faxnummern und Kontaktadressen und schreibt Faxe und versendet diese und bekommt irgendwann mal Befunde, die er wieder weiterversenden und weiterfaxen muss usw. Gleich darauf war ein älterer Herr da. An einer peripheren Internen wurde die Notwendigkeit einer Coronarangiographie festgestellt und um den Zettelkram zur Terminvereinbarung – Sie haben’s erraten – kümmert sich gerne der Hausarzt.

S wie Selbstsicherheit

Ich will ja nicht mit der alten Leier anfangen, dass früher alles besser war. Aber zwei Dinge schon. Erstens: weniger Bürokram, und zweitens: früher habe ich mich viel weniger gefürchtet. Mittlerweile ist meine Arbeit die Quelle einer generalisierten Angststörung. Und die Intensität meiner Symptome nimmt stetig zu. Ich habe jetzt fünfundzwanzig Jahre Erfahrung in dem Job gesammelt, bilde mich regelmäßig fort und habe ein sehr gutes Bauchgefühl. Auf das ich mich von Anfang an verlassen konnte. Mittlerweile würge ich es aber kategorisch ab. Und ersetze das Hören auf meinen Bauch durch seitenweise Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren. Auch wenn ich mir im Grunde sicher bin. Trotzdem. Ich könnte ja was übersehen haben und das Bauchgefühl könnte ja auch nur von Blähungen herrühren.

Glücklicherweise ist die Grippezeit jetzt zu Ende. Da ich nicht jedem Verschnupften sicherheitshalber ein Antibiotikum gebe, habe ich hunderte CRPs und Differenzialblutbilder abgenommen. Der Großteil hat meine klinische Annahme viral-bakteriell bestätigt. Und die paar, die viral ausgesehen hatten und dann doch bakteriell waren, hätten wahrscheinlich auch zwei Tage ohne Antibiotikum bis zur Kontrolle überlebt. Außerdem habe ich jeden etwas beleibteren Huster zum Lungenröntgen geschickt, ich könnte ja eine zentrale Pneumonie überhört haben. Selbst wenn er nicht besonders krank ausgesehen hat.

Panik und Schuldgefühle

Richtig schlimm ist es mittlerweile bei Kindern geworden. Ich habe inzwischen regelrecht Angst vor den Kleinen. Da hatte ich einen super Kinderturnus in Leoben, wo ich ganz viel lernen durfte, und danach zehn Jahre lang in der schönen Weststeiermark Hausärzte vertreten. Ich habe hunderte Kinder gesehen, behandelt, geimpft, zum Weinen oder zum Lachen gebracht. Habe Wunden genäht, Mutter-Kind- Pässe ausgefüllt und Eltern beraten. Und jetzt kriege ich einen Schweißausbruch, wenn ich nur eine kleine Rotznase sehe. Denn es könnte ja übermorgen eine mögliche Mittelohrentzündung, einen hypothetischen Pseudokrupp oder einen noch unwahrscheinlicheren Fieberkrampf bekommen. Panik! Und dann bin ich schuld!

Nein, bitte liebe Eltern. Geht damit unbedingt zum Kinderarzt und jetzt, wo der Kinderarzt geschlossen hat, bitte jederzeit ins Krankenhaus. Mich betrübt diese Entwicklung sehr. Vor allem, weil ich weiß, dass ich einmal anders war. Dass ich einmal Selbstbewusstsein hatte (und nicht nur jugendliche Sorglosigkeit) und dass ich einmal ohne Angst zu meinen diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen gestanden bin. Wenigstens meine eigenen Beschwerden kann ich noch gut einschätzen. Glaubte ich. Bis zu dem Zeitpunkt, als meine Bandscheibe L3/4 beschlossen hatte, einen kleinen Ausflug zu machen und mal über ihr angestammtes Gebiet hinauszugucken. Ich rief A. an, angehende Neurologin und eine meiner Freundinnen aus der medizinischen „next generation“.

Ich fühlte mich wie ein gestrandeter Wal. Ein hochschwangerer gestrandeter Wal. Aber ohne neurologische Ausfälle. Mit Aussicht auf Überleben. Aber dann kam: „Wir brauchen sofort ein MR, müssen deine Reflexe prüfen, eine Nervenleitgeschwindigkeit machen. Und Restharn bestimmen. Und ums Neurontin kommst du nicht herum. Und Infusionen. Am besten kommst stationär.“ Eigentlich dachte ich, ich hätte alles im Griff. Aber nun kriege ich echt Angst.

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