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Es gibt ein Leben jenseits der Fünfzig!

Es ist Sonntagmittag und wir kommen gerade vom „Wegrandstochern“ heim, wie mein Göttergatte das Nordic Walking bezeichnet. Er macht das nur mir zuliebe, das weiß ich. Aber ich finde, da er auch schon fünfzig ist, tut ihm der „Alte-Leute-Sport“ gut. Wir sind brav einen schönen, ebenen Rundkurs entlang gestochert, nur ja nicht bergab. Wäre doch schlecht für unsere alten Knie. Morgen Montag weiß ich jetzt schon, dass ich zu viel zu tun haben werde, um zu irgendeiner sinnvollen Bewegung zu kommen.

Da ich aber mittlerweile auch etwas gelassener bin, denke ich mir: Was soll’s, die Welt wird von einem Tag ohne Bewegung auch nicht untergehen. Am Dienstagabend ist dann Qi Gong angesagt plus all diese physiotherapeutischen Übungen, die mir in letzter Zeit aufgetragen wurden. Danach Stretching und Kräutertee. Dafür darf ich dann am Mittwoch wieder mal ins Karate.

G wie Generationswechsel

Bewegung war mir immer schon wichtig. Deshalb versuche ich sie auch meinen Patient/innen näherzubringen. Ich mache viele Vorsorgeuntersuchungen und gerade bei den Jungen fällt mir auf, dass da so viele über Muskelverspannungen und Kreuzweh jammern. Wenn ich sie dann ansehe, frage ich mich zwar manchmal, wie sich etwas verspannen kann, was gar nicht da ist, aber bitte. Jedenfalls merke ich immer öfter, dass die nicht nur keinen Bock auf Bewegung haben, sondern dass die gar nicht wissen, wie bewegen geht! Und dann erzähle ich begeistert von Ballspielen, Kampfsport, Wandern, Radfahren, Tanzen und nichts rührt sich bei meinem Gegenüber.

Danach versuche ich es mit meinem letzten Trumpf: „Sie müssen etwas tun, denn wenn Sie einmal fünfzig sind, so wie ich, dann wollen Sie das Leben auch noch genießen und schmerzfrei sein und Ihr Dasein lebenswert finden.“ Und dann kommt es: Dieser völlig verständnislose Blick, dieses absolute Unvermögen, sich in irgendeinster Weise vorstellen zu können, dass sie selber einmal fünfzig werden könnten. Geschweige denn, dass es jemanden gibt, der in diesem Alter noch leben möchte.

Wir möchten. Und auch auf Urlaub fahren. Wenn ich danach Rezensionen über Quartiere schreibe, fragt mich das System immer „Junges Paar?“ oder „Älteres Paar?“. Langsam deucht mich, dass wir nimmer so ganz als junges Paar durchgehen, aber älteres Paar? Da habe ich Angst, dass mir nur mehr Unterkünfte vorgeschlagen werden, die über einen Aufzug verfügen, eine Rezeptionistin, die schön laut und verständlich schreien kann, und ein Restaurant, das salzarme Schonkost serviert. Und dann sitzen wir da, umgeben von netten Herrschaften in beigen Bundfaltenhosen, die Köpfe zieren diese leicht lilafarbenen Dauerwellen und in der Ecke lauert der Rollator. Da geht Leben und Urlaub mit fünfzig hoffentlich noch anders.

Aber es ist schwer, vor allem als Frau. In Film und Fernsehen sind wir entweder nicht existent oder die freundlichen Omi-Typen. Wenn ich in die Zeitschriften in meinem Wartezimmer schaue, dann gibt’s da Asterixhefte, Jahresberichte von „Ärzte ohne Grenzen“, Populärmedizinisches, eine bekannte österreichische Frauenzeitschrift für Frauen bis dreißig, danach nur mehr das Handbuch des Gerontopsychiatrischen Zentrums.

Ich verwende gerne Facebook. Hauptsächlich, um mit meinen weit weg lebenden Freunden in Kontakt zu bleiben. Und Facebook hat mir tatsächlich zum Fünfziger gratuliert! Und dann sofort bei den Werbeanzeigen gleich mal eine für Inkontinenzeinlagen eingeblendet. Reizend. Seit Tagen krieg ich Werbung über Bewegung für „Best Agers“. Wenn ich die lese, bekomme ich Angst, alleine in den zweiten Stock zu gehen. Und nein, ich will keinen Fitnesstrainer, keinen Kardiologen und auch keine motivierte Sportgruppe. Ich bin fünfzig, ich darf mich jetzt bewegen, so wie ich das will und wie es mir Spaß macht! Seit ein paar Wochen bekomme ich von Facebook immer wieder als vorgeschlagenen Beitrag, wie man sein Testament richtig verfasst. Was soll ich davon jetzt halten?

Unser Katertier war krank. Wie alt er wäre, fragte mich Freundin M. „Acht, das ist in Menschenjahren fünfzig, so wie wir halt: noch nicht zum Einschläfern“, erwiderte ich. Und er hat sich glücklicherweise schnell erholt. Beim Futter wollte ihm der Tierarzt kein „Young male“ mehr geben. Gut, meinte ich. Nehmen wir halt „Adult“. „Adult“ gibt es aber nicht, nur „Senior“. Das Vieh weigert sich, das zu fressen. (Versteh ich, ich mag auch kein Grießkoch.)

Beim Treffen mit Freunden muss man auch aufpassen, dass man nicht gleich nach dem „Hi, wie geht’s?“ in Krankengeschichten verfällt. Denn das hört jenseits der Fünfzig nie mehr auf. Zumal, wie M. treffend bemerkte: „In unserem Alter kannst ja auch zu keiner Vorsorge mehr gehen, denn jede Untersuchung zieht drei weitere hinten nach!“

Das ganze Jahr habe ich mich gefragt: Gibt es ein Leben jenseits der Fünfzig? Heuer im Sommer hab ich die Gewissheit bekommen. Bei Freunden in Winchelsea, einem südenglischen Kaff, in dem man erwartet, an jeder Ecke Miss Marple zu begegnen. Da waren wir bei lebensfrohen pensionierten Freunden und um vier Uhr gab’s: nicht Tee. Nein. Four o’clock Champagne! Und ich war glücklich und zufrieden. Zumal angeblich schon die alten Chinesen sagten: Ein wirklich guter Arzt ist man erst mit fünfzig. Aber natürlich darf man es vorher schon versuchen.

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