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50 Jahre Medical Tribune

„Der Kreisky war beim komischen Tilscher“

Er eröffnete seine Praxis im Jahr 1969, behandelte Bruno Kreisky, Herbert von Karajan und Oskar Werner und ist immer noch aktiv. Nicht nur deshalb ist Prof. Dr. Hans Tilscher ein ganz besonderer Arzt. Chefredakteur Bruckberger besuchte ihn in seiner Praxis in Wien-Floridsdorf. (Medical Tribune 26/18)

Das Wartezimmer in Tilschers Praxis hat seinen eigenen Charme und es zeugt von glorreicher Vergangenheit, Karajan-Widmung inklusive.

Herr Professor, Sie haben Ihre Praxis 1969 gegründet, in dem Jahr, in dem die Medical Tribune als eigenständige Österreich-Ausgabe auf den Markt gekommen ist. Wieso gerade hier in Floridsdorf?

Dr. Hans Tilscher: Ich habe mich unter der Devise ,Wer als junger Mensch kein Marxist ist, hat kein Herz‘ hier in einem Arbeiterbezirk niedergelassen und versucht, Kassenverträge zu bekommen, was mir dann auch gelungen ist.

Was hat sich in all den Jahren am stärksten gewandelt?

Tilscher: Das Leben ist pausenlos Mutation und Selektion. Alles wandelt sich, auch die Medizin. Und es wandeln sich auch die Krankheitsbilder. Als ich im Jahr 1965 mit der Orthopädie begonnen habe, wurden viele Rachitis-Kranke, Hüftdysplasien und Zustände nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt. In den letzten Jahrzehnten hat sich indes eine Problematik entwickelt, nämlich die Störungen des Stütz- und Bewegungsapparates als häufigste Schmerzursache des Menschen überhaupt. Und hier spielt die Wirbelsäule eine zentrale Rolle. Das Problem ist, dass etwa 85 Prozent aller Wirbelsäulenbeschwerden keine morphologischen Ursachen erkennen lassen. Und da begab ich mich auf die Suche nach Antworten und bin auf die manuelle Medizin gekommen. Deren Faszination ist die Diagnostik, denn nur wer einen Menschen angreift, der begreift ihn. Die Röntgendiagnose ist oft zu wenig.

Inwiefern? Und hört man da auch Kritik durch?

Tilscher: Wir missbrauchen zivilisationsbedingt den Bewegungsapparat statisch, dynamisch und psychisch und diese drei Faktoren machen Probleme, lange bevor Sie im Röntgen etwas sehen. Ich habe dann 1971 eine Abteilung im Orthopädischen Spital gegründet und 31 Jahre geführt und eine Schule für konservative Orthopädie gegründet. Das gibt es ja fast nicht in Österreich, hier wird fast nur operiert. Nur mit der Chirurgie, so erfolgreich sie auch sein kann, kommt man da auf die Dauer nicht weit. Ich habe über die Jahrzehnte etwa 30.000 Kollegen und Kolleginnen ausgebildet. Das mache ich noch immer.

Dennoch sind Orthopäden, wie Sie es ja auch ansprechen, bis heute verschrien, dass sie allzu gerne operieren. Wieso ist dem so?

Tilscher: Das ist ein Entwicklungsproblem. Spitäler machen Operationen, das hat auch finanzielle Gründe. Dadurch werden die Ärzte in Spitälern ausgebildet an Hand von Menschen mit morphologischen Veränderungen. Dann gehen sie aber in die Praxis und behandeln Frauen mit Nacken-Schulter- Schmerzen. Oder Menschen mit Knieschmerzen. Es gibt eine unglaublich große Zahl an Therapieformen fürs Knie. Aber das haben sie nicht gelernt, sie sind zum Chirurgen ausgebildet worden. Wenn sich die Ärzte niederlassen, treten sie einem Patienten-Kollektiv gegenüber, auf das sie nicht vorbereitet wurden.

Sie haben im Laufe der Jahre wohl bestimmt des Öfteren angeeckt, wenn Sie gängige Methoden herausgefordert haben …

Tilscher: Ja schauen Sie, eines dürfen Sie nicht haben: Erfolg! Im Ernst, es war schon schwierig für mich, dass ich nirgends dabei war. Nach meinem Turnus im Wilhelminenspital wurde ich da und dort vorständig und die Frage war immer: „Wer schickt Sie?“ Die geistlichen Damen im Orthopädischen Spital gaben mir dann eine Chance und ich denke, sie haben es nicht bereut, weil ich später auch ein finanzieller Faktor war in diesem Spital.

Wie ging es weiter und wie stellte sich schließlich der Erfolg ein?

Im Alter noch topfit: Hans Tilscher schwört auf Bewegung.

Tilscher: Ich bin mit meiner konservativen Orthopädie im Untergrund gelandet. Man hat mir gesagt, dass das nicht angeht, und das sei keine Medizin. Ich habe im Orthopädischen Spital Menschen behandelt ohne Honorar, nur damit ich es mache, und mir dadurch doch einen Namen gemacht. Und eines Tages kam in dieses Spital der damalige Außenminister außer Dienst Dr. Bruno Kreisky und verlangte explizit nach mir. Der hatte gewisse Beschwerden und ich konnte ihm helfen. Danach haben sich doch Türen und Tore für mich geöffnet. Die Leute haben gesehen, der Kreisky war bei dem komischen Tilscher, und haben das „Komische“ dann doch zurückgezogen. Somit verdanke ich Dr. Kreisky sehr viel.

Sie habe einige Prominente behandelt, wie man auch an den Bildern im Wartezimmer sehen kann …

Tilscher: Man soll als Arzt ja nicht sagen, wen man behandelt hat, aber es waren schon sehr viele sogenannte Prominente, einige ganz große Namen. Ich habe Kaiser behandelt, Fürsten, große Sänger und zwei Bundeskanzler. Das ist schon schön, aber ich bin kein Promi-Arzt, meine Patienten sind Durchschnittsbürger und die sind mir besonders lieb.

Was hat sich über die Jahrzehnte im wirtschaftlichen beziehungsweise bürokratischen Bereich verändert in der Praxisführung?

Tilscher: Am Anfang gab es nur den Patienten und den Arzt. Und dann kamen, mit Recht, die Sozialversicherungen – mit ihrem Apparat, der natürlich auch etwas kostet. Das System wurde komplexer und teurer. Die medizinische Betreuung in Österreich ist super, aber wie alles könnte es auch noch besser sein. Wenn man berechnet, was ein niedergelassener praktischer Arzt im Quartal an Geld bekommt, würde man es nicht glauben, so wenig ist das. Durch eine gewisse Honorierung kann aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus nur eine gewisse Leistung erbracht werden.

Sind Sie deshalb Wahlarzt geworden?

Tilscher: Ich habe die Kassenverträge aufgeben müssen. Denn die Menschen, die zu mir kommen, sind meistens Fälle, die schon dort und dort waren und von mir meine Diagnose und Therapie wünschen, und das kann man nicht in zehn Minuten machen. Ich käme finanziell nicht durch. Die erste Kasse habe ich zurückgegeben, nachdem man mich vorgeladen hatte. Weil ich eine gewisse Sonderleistung erbracht und auch verrechnet hatte, musste ich einem Kollegen von der Kasse erklären, was ich eigentlich tu. Und da hab ich diesen Kollegen gefragt, was für ein Facharzt er ist, und er hat gesagt, er sei Lungenarzt. Darauf habe ich gesagt: „Mit Ihnen rede ich nicht“, und habe den Vertrag von dieser Kasse aufgegeben. Das war etwa 1990. Das habe ich damals doch als unangenehm empfunden.

Sie sind, man darf das sagen, über 80. Wieso arbeiten Sie überhaupt noch?

Tilscher: Es ist eine Gnade, arbeiten zu können und zu dürfen und noch gebraucht zu werden. Das gibt dem Leben doch einen gewissen Sinn. Ich bin sehr glücklich, dass ich Menschen immer noch helfen kann. Ich schreibe übrigens auch Bücher – das letzte ist altersbedingt schon auf dem Weg zur Antiquität (lacht). Aber eines wünsche ich mir vom Herrgott: dass ich eines Tages bemerke, jetzt sollte ich besser aufhören.

Das hat noch Zeit, Sie erscheinen topfit und in Form. Was ist Ihr Geheimnis?

Tilscher: Auch menschlich gesehen war das Jahr 1971 für mich sehr wichtig. Ich hatte mir zuvor einen Bauch zugelegt, sodass ich ein Gewicht von 104 Kilo akquiriert hatte. Als ich dann 1971 Primar wurde, habe ich gesehen, das wird mit diesem Bauch nicht gehen. Also bin ich aktiv geworden und seit dem Jahr 1971 laufe ich, war erst gestern wieder Power-Walken. Das ist eine der wichtigsten Grundlagen, das sag ich auch den jungen Medizinern, die ich ausbilde: Man muss auf die Kondition schauen – das ist die Grundlage!

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