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Knigge ist tot

Letztens war ich bei meinem Patenkind und die Kleine (zweieinhalb) wollte etwas zu trinken, hat mich gefragt und dabei ganz höflich „bitte“ gesagt. Ich war begeistert, was ich auch ihrer Mutter umgehend mitgeteilt habe. Immerhin ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder so etwas lernen. „Das muss sein, das ist mir wichtig. Ich will, dass sie sich bedankt und auch höflich um etwas bittet. Ich will einfach einen respektvollen Umgang miteinander und dass mein Kind sich benehmen kann!“, antwortete die dazugehörige Mutter, Juristin mit viel Menschenkontakt und den damit verbundenen Erlebnissen. Und schon waren wir dabei, unsere Erfahrungen mit den Umgangsformen unserer Patienten beziehungsweise Klienten zu vergleichen.

„Was mich auf die Palme bringt, ist, wenn sie meinen Doktor weglassen und dann auch noch sagen: ,Das könnens mir auch gleich noch aufschreiben. Oder: Das nehm ich auch noch gleich mit‘“, gifte ich. Da würde ich mich gerne zurücklehnen und sagen: „Natürlich kann ich, aber warum sollte ich wollen?“ Bei ihr ist es offenbar um nichts besser. Da kommen massenhaft Leute in die Gratisberatung, die nicht einmal „Guten Tag“ sagen können, geschweige denn „bitte“ oder „danke“. „Das machens mir, das brauch ich auch noch und dann könnens das ja gleich faxen“, sind sehr beliebte Sätze im Umgang mit Frau Mag. Dr. K., die das natürlich alles machen kann und auch alles macht. Die es aber viel lieber machen würde, wenn das Gegenüber irgendsowas wie Freundlichkeit, Benehmen oder gar Dankbarkeit zeigen würde. Und je jünger die Klienten, desto schlimmer ist es, meint sie, deshalb muss der kleine Engel lernen, sich zu bedanken oder bitte zu sagen. Und das klappt hervorragend und tut offenbar auch überhaupt nicht weh, und beeinträchtigt auch nicht die Fröhlichkeit oder die Lebensqualität des quirligen Wesens.

V wie Verständnis

Sind wir schon so weit, dass es mir als ungewöhnlich positiv auffällt, wenn eigentlich nur die normalsten und banalsten Mindestumgangsformen des menschlichen Zusammenlebens gepflegt werden? Nach dem heutigen Arbeitstag bin ich so weit, diese Frage mit Ja zu beantworten. Im Kalender steht in aller Früh ein Ehepaar zur Vorsorgeuntersuchung. Eine Stunde vor der Ordinationszeit: Ich und mein Team sind natürlich extra dafür früher aufgestanden und harren der kommenden Patienten. Und harren vergeblich. Nach einer Viertelstunde greife ich zum Telefon und erreiche nur die Mailbox. Ich sage der Mailbox höflich und freundlich guten Morgen und dass wir sie beide im Kalender stehen hätten und hoffen, dass sie nicht auf uns vergessen hätten.

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