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Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser

„Wir wollen Schrittmacher in der Krebsforschung sein“

Mit 1. November ist der Generationenwechsel auf der Onkologie am Wiener AKH endgültig vollzogen. Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser hat nach der Professur für internistische Onkologie auch die Abteilungsleitung übernommen. Die krebs:hilfe! sprach mit dem Zielinski-Nachfolger über seine Ziele und Visionen für die nächsten Jahre. (krebs:hilfe! 11/18)  

krebs:hilfe! Seit mehr als einem Jahr gibt es schon eine interimistische Leitung. Warum hat die Nachbesetzung so lange gedauert?

Preusser: Ich war Kandidat in dem Verfahren, die Hintergründe kenne ich nicht. Aber Berufungsverfahren dauern oftmals etwas länger. Der gesamte Prozess von der Ausschreibung über die Hearings bis zur Entscheidung hat fast genau ein Jahr gedauert. Das ist eine durchaus übliche Länge.

Sie gehören zu den neuen jungen Führungskräften, sind mehr als 20 Jahre jünger als Ihr Vorgänger. Wo denken und handeln Sie anders als die Generation vor Ihnen?

Wenn man jünger ist, hat man eine lange Perspektive und kann Projekte umsetzen, die lange laufen. Die Onkologie ist in einem Umbruch aufgrund der Immunonkologie und all der aktuellen Entwicklungen. Ich finde das eine schöne und spannende Herausforderung, hier aktiv mitzuwirken und mitgestalten zu können.

Welche langfristigen Ziele haben Sie für die klinische Abteilung für Onkologie?

Unsere Abteilung soll noch stärker ein Referenzzentrum für die Behandlung von Patienten mit Krebserkrankungen sein. Wir als akademische Institution haben zudem den Auftrag und den Anspruch, uns um den zukünftigen Patienten zu kümmern. Das ist der Grund, warum wir der Forschung einen so großen Stellenwert einräumen. Unsere Abteilung soll eine Schrittmacherfunktion in der Krebsforschung einnehmen. Und den klinischen Bereich möchte ich zu einem europäischen Top-6-Zentrum für Phase-I-Studien aufbauen.

Welche Forschungsschwerpunkte werden Sie setzen – Sie sind ja einer der Experten für Hirntumore?

Wir haben in der Neuro-Onkologie international ein sehr gutes Standing mit einer Arbeitsgruppe, die sowohl translationale als auch klinische Forschung betreibt. Und natürlich wird das ein Bereich sein, der weiter betrieben und gestärkt werden soll, so wie andere Arbeitsgruppen auch. Wir haben neben den großen Tumorentitäten, die wir betreuen, auch einen Schwerpunkt auf seltenen Tumorarten, wie etwa Hirntumore, Sarkome oder MALT-Lymphome. Inhaltlich möchte ich vor allem im Bereich Immuntherapie und Präzisionsmedizin vermehrt klinische Studien der frühen Phasen aufsetzen bzw. durchführen.

Hängt das mit der EXACT-Studie zusammen, die am CCC gelaufen ist?

Die EXACT-Studie ist ein schönes Beispiel für ein erfolgreiches Projekt in der Präzisionsmedizin. Hier sind wir gerade dabei, Folgeprojekte zu initiieren, also EXACT 2.0.

Was kommt in der Phase II?

Einerseits geht es darum, die molekulare Tumoraufarbeitung in deutlich frühere Therapielinien zu integrieren, andererseits das Spektrum der Tumorentitäten und das genetische Panel zu verbreitern. Ziel ist, noch mehr Biomarker, die für eine Immuntherapie relevant sind, zu untersuchen.

Welche Rolle spielt dabei die Epigenetik? Hier waren Sie ja auch an mehreren Studien beteiligt …

Epigenetik und Methylierung werden ein Schwerpunkt für die nächsten Jahre sein, auch durch das Bekenntnis des Rektorats zu Investitionen in dem Bereich. Wir bekommen etwa demnächst ein neues zusätzliches Gerät zur Untersuchung von Gen-Methylierungen. Damit können wir in einem Schritt den Methylierungsstatus mehrerer Gene abfragen.

Was versprechen Sie sich von diesen translationalen Studien?

Wir haben in mehreren internationalen Arbeiten gezeigt, dass man durch Methylisierungsprofile Tumore besser klassifizieren und diagnostizieren kann als mit herkömmlichen Methoden, wie der Histologie. Wir haben etwa neue Tumorarten entdeckt und konnten so Diagnosen, die bisher unklar waren, präzisieren. Das ist uns etwa bei primitiven neuroektodermalen Tumoren gelungen, die in Wirklichkeit unterschiedliche Tumorgruppen sind. Das ist wichtig, weil eine exakte Diagnostik eine exaktere Vorhersage erlaubt, welche Patienten am meisten von welcher Therapie profitieren. Derzeit haben wir das Problem, dass wir über weite Strecken keine geeigneten Biomarker identifiziert haben, die uns diese Vorhersage erlauben. Hier setzen wir gerade ein Programm zur personalisierten Immuntherapie auf, um die Entwicklung dieser Biomarker voranzutreiben.

Ich habe immer wieder gehört, dass es schwierig ist, junge Menschen für die Forschung zu begeistern. Wie sieht die Situation hier an der Onkologie an der Wiener Universitätsklinik aus?

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es nicht schwer ist, Menschen für Forschung zu begeistern. Man muss allerdings Zeit investieren, sich mit den jungen Menschen auseinandersetzen, sie an der Hand nehmen und anleiten. Ein gutes Ausbildungs- und Entwicklungsprogramm ist das Um und Auf, damit wir auch in Zukunft eine Kaderschmiede für Onkologen sind.

Was muss ein gutes Ausbildungsprogramm leisten?

Ich habe mithilfe der Hochschülerschaft eine Umfrage unter Studierenden gemacht, um genau darauf eine Antwort zu finden. Eine der Fragen war, wie attraktiv die Onkologie erlebt wird. Im Schnitt haben die Studierenden die Onkologie mit 7,5 von 10 möglichen Punkten bewertet, was ganz gut ist, aber natürlich noch Raum für Verbesserung bietet. Im Detail sind es vor allem die Innovation und die starke Forschungslastigkeit, die die Onkologie attraktiv machen. Was negativ bewertet wird, ist die hohe Arbeitsbelastung.

Ist die Arbeitslast wirklich so hoch oder hat das Arbeitszeitgesetz schon gegriffen?

Das Arbeitszeitgesetz ist ganz klar, und daran halten wir uns auch. Es bringt mehr Freizeit, bedeutet aber auch eine intensive Verdichtung der Arbeitszeit, wenn man im Dienst ist. Die Forschung kommt dann im Zweifel immer zu kurz, wie auch die Lehre. Der klinische Aufwand ist einfach so hoch, dass daneben wenig Platz bleibt. Aber es ist eben auch unsere Aufgabe als Universität zu forschen. Das möchte ich gleichwertig erfüllen.

Weitere Punkte, damit ein Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv ist, sind Teamklima und Karrierechancen. Welche Pläne haben Sie hier?

Ich möchte die Abteilungsstruktur professionalisieren, indem ich eine mittlere Managementebene einziehe. Das hatten wir bisher nicht. Ich verspreche mir davon, eine klarere Definition von Zuständigkeiten und Aufgabenverteilungen zu erreichen, eine höhere Effizienz, aber auch ein harmonisches Miteinander. Außerdem müssen die Karrierepfade klarer definiert sein, und zwar sowohl national als auch international. Alle Mitarbeiter, die in unsere Abteilung eintreten, müssen wissen, welche Entwicklungsmöglichkeiten sie haben, und darauf vertrauen können, in ihrer individuellen Entwicklung gefördert zu werden.

Das klingt nach einem vollen Programm. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Abteilung. Und dass ich meine Konzepte und Ideen umsetzen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser

Matthias Preusser ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie. Per 1. Oktober übernahm er die Professur der internistischen Onkologie an der MedUni Wien, mit 1. November erfolgte die Bestellung zum Abteilungsleiter durch das AKH. Damit ist nach der Emeritierung von Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski und der interimistischen Leitung durch zunächst Univ.-Prof. Dr. Christoph Wiltschke, dann Univ.-Prof. Dr. Christine Marosi der Chefsessel wieder fix besetzt.

Preusser kennt das AKH seit seiner Ausbildung zum Facharzt, die er 2003 – unmittelbar nach seinem Medizinstudium an der MedUni Wien – auf der Abteilung für Innere Medizin startete. 2009 habilitierte sich Preusser auf dem Gebiet der experimentellen Onkologie, 2016 in Innerer Medizin. 2011 und 2013 absolvierte er zwei Auslandsaufenthalte, den ersten am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, den zweiten am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York. Zurück in Wien leitete Preusser das ZNS-Metastasen-Programm, war Koordinator des Immuntherapie-Tumorboards und der Central Nervous System Tumours Unit (CCC-CNS). Preusser ist Autor zahlreicher Studien und Fachartikel, Co-Autor der „World Health Organization (WHO) Classification of Tumours of the Central Nervous System”, stv. Chefredakteur der internationalen Fachzeitschrift „ESMO Open“ und Herausgeber eines Lehrbuchs für Innere Medizin. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Matthias Preusser ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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