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Wissenschaftliche Modelle im Wiener Josephinum

Die schlafende Venus aus Wachs

Mit seinen mehr als 1.200 anatomischen Präparaten und über 100 geburtshilflichen Modellen verfügt das Wiener Josephinum über eine der größten und spektakulärsten Sammlungen von wissenschaftlichen Wachsmodellen. (CliniCum 11/18)

Nur wenige Passanten, die am eleganten weißen Gebäude namens Josephinum in der Währinger Straße 25 vorbeigehen oder -fahren, kennen die wunderbare Venus, die dort wie „Schneewittchen im gläsernen Sarg“ schläft. Sie schläft in einer Vitrine aus Rosenholz und mundgeblasenem venezianischem Glas in einem hellen Raum. Das Gebäude steht in einem Garten, von der lauten Währinger Straße durch einen ehrwürdigen Eisenzaun mit hohen Pfeilern, bekränzt mit großen Vasen, getrennt. Und sie schläft dort jung und schön schon seit fast 250 Jahren, seit sie aus Florenz nach Wien gekommen ist. Die Reise war mühsam, zuerst auf dem Rücken von Maultieren bis zur Donau in Linz, dann mit Schiffen bis nach Wien. Hier hat sie Revolutionen und Kriege überdauert und ist so schön wie zuvor.

Wie „Schneewittchen“ schläft die Wachs-Venus seit fast 250 Jahren in ihrer Vitrine aus Rosenholz und mundgeblasenem venezianischem Glas. An einer Stelle des Uterus, wo das Wachs fast durchsichtig ist, scheint ein winziger Fötus durch – sie ist schwanger.

Die Venus ist aus mit Harz gehärtetem Wachs gemacht und zur Gänze zerlegbar. Sie liegt mit eröffnetem Oberkörper in ihrer Vitrine. Wenn man sie genau betrachtet, sieht man an einer Stelle des Uterus, wo das Wachs fast durchsichtig ist, einen winzigen Fötus durchscheinen – sie ist schwanger. Man kann sich vorstellen, wie revolutionär und gewagt eine derartige Darstellung vor mehr als 200 Jahren war! Unsere Venus, blond mit einer zweireihigen Perlenkette um den schönen Hals, war nur ein Teil einer großen Bestellung, die Kaiser Joseph II. in Florenz aufgegeben hatte. Mit der Venus kamen noch mehr als 1.200 einzelne anatomische Wachspräparate, darunter weitere 15 Großplastiken, nach Wien. Aber nicht nur anatomische Wachsmodelle kamen nach Wien, sondern auch 102 Objekte von geburtshilflichen Wachsmodellen in 42 Kassetten. Dies ist eine der weltweit bedeutendsten und größten noch wunderbar erhaltenen Sammlungen von wissenschaftlichen Wachsmodellen.

Joseph II. und das Josephinum

Joseph II., der große Reformer unter den Habsburgern, hatte Visionen. Visionen darüber, wie er das Gesundheitswesen in den Erblanden verbessern kann, und vor allem, wie er die Ausbildung der Chirurgen, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bloße Handwerker, aber keine vollwertigen Ärzte waren, zum Wohle der Patienten gestalten konnte, was besonders in Kriegszeiten wichtig war. Eine gute Ausbildung der Chirurgen war sein Wunsch und bildete die Basis für die Gründung des Josephinums, ein Jahr, nachdem das Allgemeine Krankenhaus erbaut worden war: Joseph II. fasste den Plan, „in der Nähe des Allgemeinen Krankenhauses ein eigenes akademisches Lehrgebäude nebst einem großen Militärspital erbauen zu lassen“. Hier im Josephinum und dem Garnisonspital, das in seiner Größe an das AKH heranreichte, erhielten die Chirurgen eine moderne und umfassende Ausbildung. Für diese Ausbildung konnte Joseph II. bedeutende Gelehrte als Professoren gewinnen und zudem außerordentliche Lehrmittel erwerben, darunter die anatomischen Wachspräparate aus Florenz. Außergewöhnlich für die damalige Zeit war auch, dass im Josephinum von Anfang an auf Deutsch – und nicht auf Latein – gelehrt wurde.

Zu jedem Wachsmodell wurden kolorierte Zeichnungen mit Darstellungen des jeweiligen anatomischen Präparates angefertigt. Zur Erklärung der Anatomie wurden mit Zahlen, die in einem Raster angeordnet waren, einzelne Beschreibungen in deutscher und italienischer Sprache verfasst.

Die anatomischen Wachsmodelle aus Florenz

Joseph II. war der erste Habsburger, der umfangreiche Reisen – meist inkognito unter dem Pseudonym eines Grafen Falkenstein – unternommen hatte. Er bereiste unter anderem Frankreich, das russische Reich, aber auch Italien. In Italien besuchte er seinen Bruder Peter Leopold, Großherzog der Toskana, der später als Leopold II. Nachfolger Josephs wurde. Peter Leopold war ein ebenso aufgeklärter Herrscher, und er war vor allem an den Naturwissenschaften interessiert. Er eröffnete 1775 das weltweit erste Museum für Naturwissenschaften, das „Imperiale e Regio Museo di Fisica e di Storia Naturale“ in der Sternwarte, der „Specola“ in Florenz, das für Volk und Adel öffentlich zugänglich war. Dieses Museum enthielt auch eine große Anzahl an anatomischen Wachsmodellen, die aus der Tradition der etwa ein Jahrhundert lang bestehenden Werkstatt „Officina di ceroplastica“ entstanden war.

Bedeutende Anatomen, Wissenschaftler und Künstler gestalteten die Wachsmodelle. Die wichtigsten Urheber der Modelle für das Josephinum waren Felice Fontana und Paolo Mascagni. Joseph, der mit seinem Leibarzt Giovanni Brambilla reiste, sah diese Wachsmodelle und war offensichtlich so sehr beeindruckt, dass er sie für seine neu gegründete Akademie in Wien haben wollte und dafür einen auch damals schon sehr hohen Preis, 30.000 Gulden, aus seiner Privatschatulle bezahlte. Vorbild für die Wachsmodelle war eine naturgetreue Abbildung des menschlichen Körpers. Männer und Frauen, die in Florenz im Spital von Santa Maria Nuova starben, wurden in der Officina di ceroplastica in der „Specola“ seziert und dienten als Vorbild für die Modelle. Da es damals keine Konservierungsmöglichkeiten gab, benötigten die Handwerker bis zu 200 Leichname, um eine Figur detailgetreu herzustellen! All die Informationen zu diesen Leichnamen wurden in einem Register an der Eingangstür der Werkstatt vermerkt und sind heute noch in den Archiven nachzulesen!

Paolo Mascagni, Professor für Anatomie, Physiologie und Chemie an der Universität Siena, hatte eine große Bedeutung für die Herstellung der Wiener Wachsmodelle. Durch seine Forschungsarbeit auf dem Gebiet des auch heute wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückten Lymphsystems waren die Wiener Modelle „updated versions“ der florentinischen und besonders akkurat in der Darstellung der Lymphgefäße. Der „Lymphgefäßmann“, ein prachtvolles Ganzkörpermodell in der Sammlung, gibt ein hervorragendes Zeugnis dazu ab! Die Geburtshilfe war damals auch ein wichtiger Teil der Chirurgie: Die Familien der Soldaten, die ja in den entlegensten Gebieten der Monarchie Dienst verrichteten, hatten meist weder geschulte Geburtshelfer noch Hebammen zur Unterstützung bei den Entbindungen, daher waren die geburtshilflichen Modelle ein wichtiger Teil einer verbesserten Ausbildung zum Wohle der Frauen und der Kinder.

Die Wiener Modelle waren ihren florentinischen Vorlagen vor allem in der akkuraten Darstellung der Lymphgefäße noch einmal weit voraus. Ein besonders prachtvolles Beispiel dafür ist das Ganzkörpermodell des „Lymphgefäßmannes“.

Kolorierte Zeichnungen als erläuternde Ergänzungen

Die Wachsmodelle werden zum besseren Verständnis durch kolorierte Zeichnungen mit Darstellungen des jeweiligen anatomischen Präparates und einer Erklärung komplettiert. Diese Blätter entstanden gemeinsam mit den dazugehörigen Wachsmodellen. Für jedes einzelne der ca. 1.200 florentinischen Wachsmodelle, die Kaiser Joseph II. in Florenz in Auftrag gab, um seine neu gegründete militärisch-chirurgische Akademie damit auszustatten, gibt es eine korrespondierende Zeichnung, die den jeweiligen Körperteil darstellt. Zur Erklärung der Anatomie wurden mit Zahlen, die in einem Raster angeordnet waren, einzelne Beschreibungen in deutscher und italienischer Sprache verfasst. Diese Beschreibungen waren in den Schubladen unter den dazugehörigen Vitrinen der Wachspräparate untergebracht und gaben den Zöglingen der Akademie und Besuchern Orientierung, vergleichbar mit einer heutigen Darstellung in 3D.

Diese Präsentation war die Idee Felice Fontanas (1730–1805), eines Anatomen, Physikers, Physiologen und Professors für Logik an der Universität Pisa. Fontana war die treibende Kraft bei der Herstellung der Wachsmodelle in der Officina di ceroplastica in Florenz. Wachsmodelle und Bilder beeindrucken vor allem durch ihre detaillierte Darstellung der anatomischen Verhältnisse. Der Betrachter wird dabei auf eine Reise ins Innere des Körpers geführt und sieht, was damals wie heute dem Auge verborgen ist. Mit den Techniken der modernen Radiologie scheinen diese Bilder überholt. Was uns erfreut, ist ihre expressive Ausdruckskraft und Schönheit. Was wir bewundern, ist die Kühnheit, mit der uns aus vergangenen Zeiten die Kenntnis über den menschlichen Körper in idealer Verbindung von Wissenschaft und Kunst überliefert ist.

Dr. Christiane Druml, UNESCO Lehrstuhl für Bioethik, Direktorin Josephinum – Medizinische Sammlungen der MedUni Wien

Besichtigung der Wachsmodelle-Sammlung

Öffnungszeiten des Josephinums:
• Mittwoch, 16.00–20.00 Uhr
• Freitag, 10.00–18.00 Uhr
• Samstag, 10.00–18.00 Uhr

An den Öffnungstagen werden auch Fixführungen angeboten: Mittwoch um 18.00 Uhr, Freitag um 11.00 Uhr, Samstag um 13.00 Uhr.

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josephinum.ac.at/spende

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