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Wenn Schmerzen tödlich werden

In fast neun Prozent der 2003–2014 verzeichneten Suizidfälle in den USA spielten chronische Schmerzen eine ursächliche Rolle. Dies konnte eine Studie der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) nun zeigen. (Medical Tribune 39/18)

In fast 11.000 von mehr als 123.000 untersuchten Suizidfällen konnten vorangegangene chronische Schmerzen nachgewiesen werden.

Eine Forschergruppe um Prof. Emiko Petrosky von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, Georgia, untersuchte in einer Studie den Zusammenhang zwischen Suizid und chronischen Schmerzen. Dabei zeigte sich drastisch, welche Auswirkungen chronische Schmerzen auf Lebensqualität und Lebenslust haben können.

Schmerzhafte Geschichten

Für die retrospektive Studie wurden Daten aus 18 Staaten entnommen, die 2003–2014 am National Violent Death Reporting System (NVDRS), einem System zur Aufzeichnung gewaltsamer Todesfälle in den USA, mitgewirkt hatten. Zu den so gefundenen 123.181 Todesfällen durch Suizid wurden Aufzeichnungen von Gesprächen mit nahen Angehörigen der verstorbenen Personen, Berichte von Untersuchungsbeamten oder Gerichtsmedizinern sowie Abschiedsbriefe der Verstorbenen gesichtet und auf Hinweise auf chronischen Schmerz (> 3 Monate) in der Vorgeschichte durchkämmt. Das Fazit: Im Beobachtungszeitraum konnten in 10.789 (8,8 %) der verzeichneten 123.181 Suizidfälle vorangegangene chronische Schmerzen nachgewiesen werden. Auffallend war, dass der Prozentsatz der durch Suizid Verstorbenen mit chronischen Schmerzen von 2003 bis 2014 eine deutliche Zunahme von 7,4 auf 10,2 % erfahren hatte.

Eine ähnliche Zunahme konnte in der Zahl chronisch schmerzkranker Patienten in der Gesamtbevölkerung verzeichnet werden – eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung. Insgesamt begehen mehr Männer als Frauen Suizid. Dieses Verhältnis ist bei schmerzassoziierten Suizidfällen ausgewogener: In der Schmerz- Gruppe war eine von drei Personen weiblich, während es in der Vergleichsgruppe nur etwa jede fünfte war. Auch in Bezug auf das Alter zeigten sich klare Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen: Vertreter der Schmerzgruppe sind im Durchschnitt zehn Jahre älter als Personen, die nicht unter chronischen Schmerzen litten (Altersdurchschnitt 55 versus 45 Jahre). Auch bleibt die Suizidrate der Schmerz-Gruppe mit steigendem Alter hoch, während sie in der Vergleichsgruppe etwa ab dem 60. Lebensjahr rasch abfiel. In der Schmerzgruppe sind immerhin gut 10 % zum Zeitpunkt ihres Suizids 80 Jahre alt oder älter – in der Vergleichsgruppe sind es in dieser Altersklasse nur 4 %.

Schmerzursachen

Die häufigsten Beschwerden in der Schmerz-Gruppe waren:

  • Rückenschmerzen 22,6 %
  • Verletzungen 13,1 %
  • Tumorschmerzen 12,5 %
  • Arthritis 7,9 %
  • Migräne 5,2 %
  • Fibromyalgie 5,1 %
  • Diabetische Neuropathie 4,9 %

Bei schmerzassoziierten Suiziden waren andere Risikofaktoren, wie etwa zwischenmenschliche Probleme und sonstige äußere Stressoren, weniger häufig genannt worden. Allerdings zeigte sich bei mehr als der Hälfte (51,7 %) der Suizid-Verstorbenen mit Schmerzen – verglichen zu 44,1 % aus der Vergleichsgruppe – eine bekannte psychische Erkrankung, wobei die Depression an erster Stelle stand. Schmerz und Depression stehen bekanntlich in enger Wechselwirkung miteinander. Ein Screening auf Depression und Suizidgedanken ist dieser Logik folgend durchwegs als sinnvoll zu erachten.

Opioide als (letzter) Ausweg

Der Großteil der in dieser Studie analysierten Suizide bei Schmerzpatienten erfolgte mittels Feuerwaffen (53,6 %). Erst an zweiter Stelle fanden sich mit etwa 16 % Suizide durch Opioid-Überdosierungen – im Vergleich zu ca. 4 % bei Nicht-Schmerzpatienten. Die Rate an Opioid-bedingten Suiziden ist trotz zunehmender Verschreibungen im Zeitraum 2003– 2014 konstant geblieben. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine vermehrte Verfügbarkeit von Opioiden nicht zwangsläufig mit einem erhöhten Risiko für Suizide mittels Opioid-Überdosen einhergeht. Die „VA/DoD Clinical Practice Guideline for Opioid Therapy for Chronic Pain“ empfiehlt in diesem Zusammenhang ein Stufenmodell bestehend aus Maßnahmen aufseiten des Patienten, des Hausarztes sowie von Spezialisten, da bei zunehmender Komplexität der Beschwerden z.B. Fachärzte für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Neurologen, Psychiater und Psychologen hinzugezogen werden sollten.

Warnsignale

Ein großer Teil aller 123.181 analysierten Suizid-Fälle hatte eine präsuizidale Vorgeschichte, die aber in der Schmerzgruppe noch deutlicher zum Ausdruck kam. So konnten bei rund 40 % der Verstorbenen aus der Schmerz-Gruppe und etwa 31 % in der Vergleichsgruppe suizidale Gedanken oder konkrete Pläne nachgewiesen werden. Eine beachtliche Gruppe (33,0 % bzw. 27,4 %) hatte den Wunsch zum Suizid explizit geäußert und bei einem weiteren Fünftel (21,1 % bzw. 19,8 %) waren sogar Suizidversuche verzeichnet worden. Laut den Autoren der amerikanischen Studie boten sich bei Schmerzpatienten somit vermehrt Interventionsgelegenheiten.

* www.healthquality.va.gov/guidelines/Pain/cot/VADoDOTCPG022717.pdf

Petrosky E et al., Ann Intern Med 2018; doi: 10.7326/M18-0830

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