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Lebensgefährlicher Herstellungsfehler bei Vitamin-D-Präparat

Nach regelmäßiger Einnahme eines Vitamin-D-Präparats aus der Online-Apotheke landete ein knapp Zweijähriger auf der Intensivstation. Schuld war offenbar ein Irrtum bei der Produktion. (Medical Tribune 50-52/19)

Statt der angegebenen 1.000 IE betrug die Konzentration des Präparats aus dem Online-Handel das 43-Fache.

Die zuerst diagnostizierte protrahierte Gastroenteritis war es wohl nicht, was das Kleinkind nachhaltig quälte. Als der 22-monatige Bub auf die Station der lokalen Kinderklinik kam, erbrach er sich bereits seit 14 Tagen bis zu achtmal am Tag und zeigte sich zunehmend lethargisch. Im Labor fiel eine ausgeprägte Hyperkalzämie (Gesamtkalzium 4,5 mmol/l) auf. Das EKG ergab eine unspezifische QRS-Verbreiterung sowie Erregungsrückbildungsstörungen. Die Nierensonographie ließ auf eine beginnende Nephrokalzinose schließen. Unter der eingeleiteten Hyperkalzämie-Therapie (Volumengabe, forcierte Diurese mit Furosemid, Kortison und Kalzitonin i.v.) trübte der Junge weiter ein, weshalb man ihn auf die Intensivstation des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin in Freiburg verlegte. Erst die von Dr. Jan Berger und seinen Kollegen zusätzlich angesetzten Bisphosphonate senkten das Gesamtkalzium und stabilisierten den klinischen Zustand. Nach sieben Tagen konnte der kleine Patient das Krankenhaus wieder verlassen.

Neben dem verordneten noch weitere Mittel gegeben

Ursache der Hyperkalzämie war laut Labor eine chronische Vitamin-D-Intoxikation. Weil die Eltern ihren Sohn als blässlich und infektanfällig empfanden, gaben sie ihm seit mehreren Monaten regelmäßig neben den vom Kinderarzt verordneten handelsüblichen Vitamin-D3-Tabletten (500 IE) noch online erworbene Vitamin-D3-Nahrungsergänzungsmittel (1.000 IE/Tropfen) und, um die Aufnahme zu steigern, eine Vitamin-K2-Kur. Selbst eine regelmäßige Einnahme von 1.500 IE Vitamin D3 erklärte aber noch lange nicht die Intoxikation. Die daraufhin veranlasste toxikologische Untersuchung des Nahrungsergänzungsmittels brachte Licht ins Dunkel: Die Online-Apotheke hatte bei der Herstellung des Präparats gepfuscht. Statt der auf dem Beipackzettel angegebenen 1.000 IE betrug die Konzentration das 43-Fache(!) – nämlich 43.000 IE/Tropfen.

Chronische Vitamin-D-Intoxikationen sind aufgrund der großen therapeutischen Breite von Vitamin D selten und in den meisten Fällen Folge eines Herstellungsfehlers, falscher Dosierung oder vorsätzlicher Überdosierung. Neben der Rachitisprophylaxe in den ersten 12–18 Lebensmonaten profitieren insbesondere im Winter auch ältere Kinder aus Risikogruppen (Migrationshintergrund, chronische Erkrankung) von einer Supplementierung. Allerdings warnt der Kinderarzt vor einem allzu freizügigen Umgang mit dem in der Laienpresse propagierten „Wunderhormon“ und rät im Fall einer Hyperkalzämie, die chronische Vitamin-D-Vergiftung als potenzielle Ursache im Hinterkopf zu haben. Meist reicht neben einer ausführlichen Anamnese bereits das einfache Basislabor, um mögliche Differenzialdiagnosen ausschließen zu können.
ADB

Berger J et al. internistische praxis 2019; 61: 433–439

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