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Primärversorgung Oberösterreich

Schwere Vorwürfe gegen Primärversorgungszentrum Enns

Kündigungen, Patientenvorwürfe, ausgestiegene Ärzte: In bestimmten Primärversorgungseinheiten (PVE) in Oberösterreich rumort es schon länger. Jüngster Vorfall: In der PVE Enns soll eine schwerkranke Patientin abgewiesen worden sein. Entwarnung jedoch in der PVE Neuzeug-Sierning: die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den PV-Manager wurden eingestellt. (Medical Tribune online)

Anfangsschwierigkeiten gibt es überall. Auffällig viele dürften es jedoch im Primärversorgungszentrum (PVZ) Enns gewesen sein, das im Jänner 2017 seine Pforten öffnete: Ein Drittel – sechs bis sieben Personen – der anfangs hochmotivierten Ennser PV-Belegschaft aus mehreren Gesundheitsberufen verließ schon in den ersten sieben bis acht Monaten den neuen Arbeitsplatz. Viele sollten noch folgen, angebliche Gründe: „chaotische“ Organisation im PVZ inklusive Vorwürfe gegen das PV-Management – geduldet von (fast) allen Ärzten.

Nur die Patienten konnten und können schwer ausweichen, da alle Ennser Hausärzte ins neu gebaute Gesundheitszentrum (GHZ) mit dem PVZ im Erdgeschoß einzogen. Viele verloren auch ihren Hausarzt: Denn einer von mittlerweile zwei aus dem PVZ ausgestiegenen Ärzte – ein Gründerarzt, der nach wie vor an der „Ennser GHZ GmbH“ beteiligt ist – arbeitet laut Homepage seit wenigen Wochen als Wahlarzt im GHZ.

Keine personellen Konsequenzen

Die hohe Personalfluktuation, auf die sich die Ennser Patienten selbst im dritten Jahr noch geduldig einstellen müssen, (siehe Foto vom 10. Juli 2019) rief auch die OÖGKK auf den Plan: Sie führte im Herbst 2017 eine umfassende Evaluation durch. Die Ergebnisse waren alarmierend – schriftlich festgehalten sind sogar mutmaßlich fahrlässige Patientengefährdungen, wie gemeinsame Recherchen der Medical Tribune und der „OÖNachrichten“ ergaben (siehe unten). Personelle Konsequenzen gab es keine: Neben den positiven habe man auch die „kritischen Ergebnisse der ersten Evaluation“ thematisiert, heißt es seitens der OÖGKK, eine Reihe von Maßnahmen seien vereinbart worden, „unter anderem Verbesserung der Zusammenarbeit durch Teamentwicklung und regelmäßige Besprechungen sowie klare Aufgabenteilungen“. Die berufsrechtlichen Befugnisse der verschiedenen Gesundheitsberufe innerhalb der PVE seien „jedenfalls“ einzuhalten. Die OÖGKK begleite das PVZ in Enns „kontinuierlich“.

Doch diese Maßnahmen könnten möglicherweise zu wenig weitreichend gewesen sein, auch was Kompetenzüberschreitungen betrifft, wie erst jüngst wieder dramatische Szenen offenbarten.

Eine schwerkranke Patientin (Name der Redaktion bekannt) mit stenosierendem M. Crohn und drohendem Ileus wurde am 22.7.2019 ohne medikamentöse und medizinische Therapie vom PVZ Enns abgewiesen. Die Situation sei eskaliert, berichtet die Patientin der Medical Tribune und den „OÖNachrichten“, als ihr die Vertretungsärztin bestimmte Medikamente nicht verschreiben wollte und ihr auch sonst jegliche Therapie verweigert habe. Zuvor schon sei im Vorfeld bei einer Stuhlprobe anstatt des Calprotectin-Werts ein Test auf „Würmer und Maden“ gemacht worden – eigenmächtig entschieden von einer Ordinationsassistentin, denn der andere Test wäre zu teuer gewesen.

Zugang zu Krankenakt verweigert

Die Patientin habe ihren Krankenakt verlangt, was den Auftritt des PV-Managers (Wolfgang Gruber, Anm.) gefördert habe: „Dieser baute sich bedrohlich und arrogant vor mir auf und verweigerte mir den Zugang zu meinem Krankenakt.“ Er würde den Akt per Post innerhalb von 30 Tagen zusenden lassen, allerdings bestimme er, wann die 30 Tage zu enden haben. Mehrere Zeugen hätten dies mitbekommen.

Beschwerden noch am selben Tag bei der OÖGKK und der Ärztekammer hätten vorerst nichts gefruchtet. Erst als die Patientin die Medien um Hilfe bat, u.a. auch die Ombudsfrau der „Kronen Zeitung“, kam Bewegung in die Sache: Die OÖGKK-Chefärztin habe ihren Kollegen im PVZ aufgefordert, sich umgehend bei der Patientin noch vor dem Wochenende zu melden. Doch dies sei nicht geschehen: die Patientin war auf sich gestellt, es ging ihr schlechter. Erst nach mehreren Urgenzen durch die OÖGKK meldete sich schließlich die am Montag wieder aus dem Urlaub zurückgekehrte Hausärztin – am Mittwochnachmittag.

Sofortlösung und Aussprache

Trotz dieser belastenden Erfahrungen schlug die Patientin von sich aus ein Gespräch mit allen Beteiligten vor. Nach kurzem Beratschlagen im PVZ-Team und einem neuerlichen Anruf war sie erleichtert: Sie bekomme endlich ihre Medikamente rezeptiert. Und nächste Woche, ab dem 5.8.2019, soll es dann mit ihr und dem PVZ-Team sowie einem Mediator der OÖGKK eine Aussprache geben. „Wir konnten zwischen dem GHZ und unserer Versicherten vermitteln“, bestätigt die OÖGKK das bevorstehende Gespräch, „beide Seiten streben eine Klärung des Konflikts an.“

Ausführliche Stellungnahme des PV-Managers

Bleibt noch der kaufmännische Manager, Wolfgang Gruber. Was sagt er zu den schweren Vorwürfen, den aktuellen und zu jenen aus der Evaluierung? Ob es 2017 Patientengefährdungen gegeben habe, könne er nicht beurteilen, sagt er auf Anfrage: „Ich kann mich an keine Patientengefährdung erinnern, aber ich bin kein Arzt.“ Daher könne er auch keine ausschließen. Und: „Was die Ärzte delegieren, ist nicht meine Aufgabe, ich kann mich nicht in das Medizinische einmischen.“ Er sei nur für das Organisatorische zuständig. Daher könne er auch die Umstände in puncto Stuhlprobe nicht beurteilen.

Das ihm unterstellte Credo, dass jeder alles machen könne, sei nicht richtig: „Jeder soll in der EDV alles können“, konkretisiert Gruber. Es habe immer das große Problem gegeben, „dass manche geglaubt haben, sie müssen in der Dokumentation dieses oder jenes nicht machen – natürlich muss jeder alles dokumentieren.“

Zu den Vorwürfen der Patientin, die ihn als „bedrohlich und arrogant“ erlebt habe: „Die Patientin wollte alle ihre Patientendaten – und die sind sehr umfangreich – ausgedruckt haben, und das sofort.“ Laut DSGVO habe man dafür 30 Arbeitstage Zeit, „das habe ich der Patientin mitgeteilt, ihr Gatte stand daneben und mit ihm ist ein Termin ausgemacht worden, zu dem sie diese Daten jedenfalls haben wird.“ Wenige Tage später sei ein Schreiben des Anwalts der Patientin gekommen, dass sie die Daten laut § 51 Ärztegesetz unverzüglich haben möchte, „woraufhin sofort alle Daten ausgedruckt und wunschgemäß ihrem Anwalt übermittelt wurden“, berichtet Gruber und beschreibt die Szene aus seiner Sicht so: „ Man hat die Patientin von der Anmeldung bis hinten ins Labor, das sind 25 Meter, mit den Assistentinnen schreien gehört und erst durch einen Anruf wurde ich nach vorne gebeten. Ich habe mich zur Assistentin gestellt, mich weder vor der Patientin und ihrem Mann aufgebaut noch irgendwie mich gegenüber ihnen bedrohlich verhalten.“ Dafür gebe es Zeugen, sogar Mitschriften von Mitarbeitern, die dort anwesend waren.

Zudem hätte es mittlerweile ein Gespräch zwischen Ärztekammer, behandelnder Ärztin, eines weiteren Arztes und der Patientin gegeben. Dies konnte jedoch die Patientin auf neuerliche MT-Anfrage nicht bestätigen. Sie habe zu diesem Zeitpunkt nur mit ihrer behandelnden Ärztin gesprochen und mit OÖGKK-Mitarbeitern.

Auf die Frage, wer die Personalentscheidungen im PVE Enns trifft, sagt Gruber: „Die Personalentscheidungen wurden, weil mir das auch unterstellt wurde, nie von mir getroffen. Die Vorstellungsgespräche wurden in 90 Prozent in Anwesenheit eines Arztes von mir geführt und dann den Ärzten zur Entscheidung vorgelegt.“ Weil es sich um eine GmbH handle, sei es seine Aufgabe, dem neuen Mitarbeiter zu sagen: „Jawohl, du bekommst den Job“ oder „Es tut mir leid, du bekommst ihn nicht.“

Er sei nur das Sprachorgan, nicht der Entscheider, „auch bei Kündigungen bin ich nicht der Entscheider gewesen, war es noch nie“.

Ob er es schon bereue, sich den Knochenjob als PV-Managers angetan zu haben? „Nein, das bereue ich keineswegs, ganz im Gegenteil, ich bin stolz, an der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Österreich beteiligt sein zu können“, sagt Gruber.

Alarmierende Evaluierung Herbst 2017

Im Zuge einer Mitarbeiterbefragung inklusive mehrstündigen Telefonaten mit ehemaligen Mitarbeitern durch die OÖGKK im Herbst 2017 wurden mehrere mutmaßlich fahrlässige Patientengefährdungen und Beinah-Fehler schriftlich festgehalten: z.B. habe die Ordinationsassistenz geimpft, ein Medikament statt subkutan irrtümlich als Infusion intravenös verabreicht, einen diabetischen Fuß falsch verbunden, was eine Hospitalisierung zur Folge hatte, Rezepte ohne Arztkontakt unterschrieben, und Patienten-Triage gemacht. Aufgaben seien unabhängig von der Qualifikation „angeschafft“ worden, heißt es. Die Ärzte hätten keinen Nerv gehabt, sich um Kompetenzverteilungen zu kümmern.

Laut OÖGKK werden sämtliche PVE-Pilotmodelle „regelmäßig, mehrfach und umfassend evaluiert“ – mittels Patientenbefragung, Mitarbeiterbefragung, Datenanalysen und Beobachtungen. Eine neuerliche „umfassende Evaluation analog der ersten kommt spätestens zum Ende der Pilotphase“. Das ist 2021.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Steyr eingestellt

Auch im Primärversorgungsnetzwerk (PVN) in Neuzeug, Sierning und Waldneukirchen (Start 2.7.2018), das ebenfalls von Gruber gemanagt wird, gab es in den ersten zwei Monaten gleich zwei Kündigungen – ohne dass alle Ärzte davon wussten. Bereits im Dezember 2018 stiegen drei von mittlerweile sechs Ärzten wieder aus dem PVN aus, seither gibt es nur mehr zwei Standorte: Neuzeug und Waldneukirchen. Im Jänner 2019 wurden rechtliche Schritte vorbereitet und die Ärztekammer auch schriftlich über – aus Sicht der ausgestiegenen Ärzte – massive Probleme mit dem PV-Manager informiert. Die drei Ärzte zeigten ihn an. Die Staatsanwaltschaft Steyr ermittelte seit 12.4.2019 wegen „versuchten Betrugs“, „Bestechung“, „Geschenkannahme“. Am 1.8.2019 wurden die strafrechtlichen Ermittlungen eingestellt.

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