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Zankapfel PVE: Probleme häufen sich

Im PVN Neuzeug-Sierning ging es nicht gerade harmonisch zu.

Der Aufbau eines Netzwerkes an Primärversorgungseinheiten läuft schleppend. Und die wenigen Einheiten, die es bereits gibt, erregen mehr mit internen Querelen als mit ihren Dienstleistungen Aufsehen. (Medical Tribune 20/19)

75 Primärversorgungseinheiten (PVE) soll es in Österreich bis 2021 geben. Experten bezweifeln, dass das noch gelingt. Aktuell gibt es erst 14 aktive PVEs, 15 weitere befinden sich in Umsetzung. Bleibt eine Lücke von 46 Einheiten, die in 31 Monaten zu füllen ist. Nicht nur hohe Mietpreise schrecken Ärzte ab. Zu bestehenden Zentren häufen sich negative Meldungen, die zeigen, wie schwierig eine derartige Form der Zusammenarbeit ist. Im PHC Donaustadt kam es wie berichtet schon kurz nach Eröffnung zu Streitereien unter den beteiligten Ärztinnen, sodass Dr. Regina Ewald seit Monaten allein agiert und dringend neue Partner braucht. Jetzt blättert auch noch von einem regelrechten Leuchtturm der Primärversorgung Lack ab: den einst gefeierten PVEs in Oberösterreich. Wolfgang Gruber, kaufmännischer Manager mehrerer dieser Einheiten, ist ins Visier der Staatsanwaltschaft Steyr geraten. Diese bestätigte gegenüber Medical Tribune einen entsprechenden Bericht der Kronen Zeitung und der OÖ Nachrichten.

Schwere Vorwürfe

Konkret geht es um das PVN Neuzeug-Sierning. Sechs Ärzte haben das bundesweit erste PVN im Juli 2018 ins Leben gerufen. Neun Monate später sind drei Gründer schon wieder Geschichte. Sie haben sich mit Geschäftsführer Gruber überworfen. Er soll den Ärzten, so der Vorwurf, Software zu teuer verkauft und zu viel an Provision kassiert haben. Der Streit beschäftigt die Staatsanwaltschaft, die wegen „versuchten Betruges“, „Bestechung“ und „Geschenkannahme“ gegen Gruber ermittelt.

Für Gruber gilt die Unschuldsvermutung. Doch allein die Tatsache, dass auch hier wieder gestritten wird, ist kein Stimmungsmacher in Sachen PVE. Grubers zahlreiche Funktionen und Beteiligungen sind jedenfalls bemerkenswert. Der Ex-VP-Wirtschaftsstadtrat von Enns ist ein viel beschäftigter Mann: Laut Firmenbuch ist er derzeit bei acht Unternehmen Geschäftsführer, darunter das PVN Neuzeug-Sierning, das GHZ & PVZ Enns, die PVZ Ecker Mayer Trockenbacher Allgemeinmediziner GmbH in Marchtrenk. Weiters ist Gruber Geschäftsführer einer EDV-Firma und einer gewissen Gruber UW GmbH. Diese beiden Unternehmen gehören einer Gruber Holding, die auch an einer Enzenhofer Mineralöl GmbH 50 Prozent hält. Und dann ist da noch die JTP Liegenschafts GmbH.

Auch hier ist Gruber Geschäftsführer. Gesellschafter sind zwei Ärzte, die auch Anteile am PVN Neuzeug-Sierning halten. Mehrheitseigentümerin ist aber Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer und Chefin der ans Gesundheitsnetzwerk Sierning angeschlossenen Steyrtalapotheke. Die JTP Liegenschafts GmbH wiederum ist Anteilseigentümerin des Immobilienkomplexes, der unter anderem das PVN beherbergt, am Josef-Teufel-Platz. Was sagt Mursch-Edlmayr zu den Ermittlungen gegen Gruber? Sie könne zu den laufenden Ermittlungen keine Stellungnahme abgeben, zumal sie „auch nicht Teil der Ärzte-GmbH ist“. Prinzipiell würden mit der Errichtung von PVEs wichtige Versorgungsstrukturen geschaffen. Und: Gruber habe mit Ärzten schon ein erstes großes PVZ und danach weitere entwickelt. „Zahlreiche Ärzte stehen hinter ihm und bestätigen seine Kompetenz“, so Mursch-Edlmayr.

„Racheaktion“

Tatsächlich vermutet Dr. Ronald Ecker, Hausherr im PVZ Marchtrenk, eine „gezielte Aktion“: Der Ehemann einer der Ex-Ärzte in Sierning wollte selbst Geschäftsführer werden, sagt Ecker. Er ist sich sicher, dass bei den Ermittlungen nichts herauskommen werde. Ebenso Dr. Wolfgang Hockl vom PVZ Enns: Die Vorwürfe seien „völlig haltlos“ und eine „Racheaktion“. Unterdessen läuft aber auch im PVZ Enns nicht alles rund: Es gibt eine hohe Fluktuation des Personals. Auch hier stieg ein Gründerarzt aus, zudem warfen zahlreiche Mitarbeiter aus verschiedenen Berufsgruppen das Handtuch, derzeit ist laut Website keine einzige diplomierte Pflegekraft im PVZ tätig.

Darauf angesprochen meint Hockl, es seien eben nicht alle „kompatibel“ mit dem Team. Es befänden sich aber zwei neue DGKS im „Probemonat“. Mehrere Ex-Mitarbeiter (Namen sind der Redaktion bekannt) sehen das anders: GF Grubers „sehr stark ausgeprägte Form des monetären Fokus“ habe sich in der Qualität der Zusammenarbeit niedergeschlagen, heißt es. Und: Ärzte heischten Verständnis, schienen aber von Gruber abhängig zu sein. Die OÖGKK wusste ebenfalls von massiven Problemen. Auch im PVN Neuzeug-Sierning gab es laut einem der drei Ex-Ärzte, die Gruber angezeigt haben, eine „hohe Fluktuation“, vor allem des diplomierten Personals. Zum Ehemann, der angeblich auf die Geschäftsführung spitzte: Um „Nepotismus“ zu vermeiden, wäre nie ein naher Angehöriger damit betraut worden.

Gründe für hohe Fluktuation

Und was sagt Gruber selbst? „Ich habe eine ausführliche Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft übermittelt, in welcher ich dargelegt habe, warum der Vorwurf haltlos ist.“ Zur Fluktuation seien indes bereits „Gegenmaßnahmen“ mit Teambuilding-Seminaren und internen Schulungen unternommen worden. Der überwiegende Teil sei aber in zwei Punkten zu begründen: „Der Druck und die Anzahl der Patienten ist gerade in Enns unglaublich groß.“ Eine weitere Ursache sei, dass „unser Personal leider auch abgeworben wird und mehr Geld bei weniger Stress angeboten bekommt“, sagt Gruber und betont: „Ab Juli ist unser Kontingent an DGKP-Stunden wieder voll besetzt.“ Für die Financiers und damit den Steuerzahler ist jedenfalls kein Schaden entstanden: Es sei kein Vorwurf im Raum stehen geblieben, der auf eine Verschwendung öffentlicher Mittel hinweist, heißt es seitens der OÖGKK.

 


[27.5.2019] Zu diesem Artikel erreichten uns zwei Stellungnahmen von direkt Betroffenen:

„Man lässt sich doch nicht einfach abwerben, wenn man zufrieden ist“
Als Mitarbeiter der ersten Stunde des PVZ Enns kann man über die Aussagen Grubers (PVZ-GF Wolfgang Gruber, Anm. d. Red.) und Hockls (PVZ-Gründerarzt Dr. Wolfgang Hockl, Anm. d. Red.) nur milde schmunzeln.
Man lässt sich doch nicht einfach abwerben, wenn man zufrieden ist. Genau genommen wurde keine einzige DGKP abgeworben, alle sind freiwillig gegangen. Und das, obwohl man in Zukunft einige Kilometer mehr Fahrtzeit zur Arbeitsstelle in Anspruch nehmen musste und entgegen Grubers Aussage genauso „nur“ laut Kollektivvertrag bezahlt wurde.
Alle DGKP, die im PVZ angestellt waren, waren höchstqualifizierte Fachkräfte aus Spezialbereichen, die es gewohnt waren, unter Druck und Stress zu arbeiten. Keine war mit der Arbeit an sich überfordert.
Es lag vielmehr an der absolut chao­tischen Organisation, dem Jeder-muss-alles-machen(-können)-Credo von Gruber und dem offensichtlich fehlenden Wissen eines Organigramms einer multiprofessionellen Gesundheitseinrichtung. So kommt es, dass man als DGKP einer medizinisch und personaltechnisch unausgebildeten Person weisungsgebunden ist, welche von Gruber aus unerfindlichen Gründen zur Assistenz der Geschäftsführung ernannt wurde. Dass das nicht lange gutgehen kann (eben schon gar nicht im Sinne des Patientenwohls), weiß jeder, der sich auch nur marginal mit dem medizinischen/pflegerischen Personalmanagement auseinandergesetzt hat. Das hat nichts mit „Kompetenzge­rangel“ zu tun – wie man uns unterstellt hatte –, sondern vielmehr damit, dass es gesetzlich ganz gut und genau geregelt ist, wer welche Tätigkeiten durchführen darf und soll. Sonst wäre es ja komplett irrelevant, welche Berufe und Ausbildungen die jeweiligen Mitarbeiter eines PVZ haben.
Dies, der fehlende Rückhalt seitens der Ärzteschaft und natürlich die Tatsache, dass man als DGKP nicht unbedingt angewiesen ist auf eine unbefriedigende Arbeitsstelle, führten schließlich zu dem sehr raschen Austritt.
Ehemalige Mitarbeiter des PVZ Enns, ­Namen der Redaktion bekannt

„Es geht um Ressourcen, die der Steuerzahler bereitstellt“
In der Reportage „Zankapfel PVE: Probleme häufen sich“ äußern sich die namentlich genannten Mediziner in unsachlicher Art und Weise, indem sie meine Person viel eher mit postfaktischen Gerüchten in Verbindung bringen, als dass sie mit Fakten aufhorchen lassen. Ich hatte weder Interesse an der Geschäftsführung in der Primärversorgungseinheit Neuzeug-Sierning, noch existiert ein Bewerbungsschreiben. Der Versuch, den die beiden Ärzte anstellen, ist leicht zu durchschauen: Sie versuchen zaghaft, eine Täter-Opfer-­Umkehr zu erzielen. Vielmehr ist zu hinterfragen, warum sie hier offensichtlich mit Unwahrheiten Partei ergreifen, obwohl sie die Hintergründe der PVE Neuzeug-Sierning nicht mal ansatzweise kennen. Die Fragen, worum es hier im Kontext wirklich geht, sind weitreichend. Und um diese Fragen sollten sich alle beteiligten Personen und Institutionen (Ärztekammer, OÖGKK, Ärzte der Gesellschaften etc.) kümmern. Als verantwortungsbewusster Staatsbürger beschäftigen mich u.a. folgende Fragen:
▶ Wer überprüft wie die finanziellen Abläufe einer Primärversorgungseinheit?
▶ Wer kontrolliert die wirtschaftliche Gebarung?
▶ Wer überprüft Auftragsvergaben?
▶ Wer sorgt sich um die Mitar­beiterinnen, wenn Konflikte auftreten?
▶ Wer garantiert, dass sich daran keine Personen bereichern?
▶ Wer bewerkstelligt wie die ­Transparenz- und Rechenschaftspflicht?
Und jene eben formulierten Fragen sind es auch, die hier zu behandeln sind. Es ist gut, dass nun ein Ermittlungsverfahren seitens der Staatsanwaltschaft eingeschaltet wurde, weil es ja auch einer Prüfung dient. Neben der rechtsstaatlichen Instanz gilt es nun aber auch, die politisch und institutionell Verantwortlichen damit zu konfrontieren, denn schließlich geht es um gemeinwohlökonomische Ressourcen, die letztendlich der Steuerzahler bereitstellt.
Christian Gsöllradl-Samhaber, Sierning

 

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