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Hausärztlicher Notdienst (HÄND)

Die Gallier aus dem Inneren Ennstal

Das Land ob der Enns droht seine Vormachtstellung zu verlieren. In Vöcklabruck etwa kommen zwei Visitenärzte (HÄND, 141) auf 135.000 Einwohner. Solche Sorgen kennen die HÄND-Verwehrer im Inneren Ennstal nicht. (Medical Tribune 18/19)

Der südlichste Sprengel des Bezirks Steyr-Land, der die vier Gemeinden Weyer, Gaflenz, Maria Neustift und Großraming mit 10.200 Einwohnern umfasst, beteiligt sich nicht am HÄND. Und das, obwohl er mit 950 Euro Pauschale für zwölf Stunden „sehr gut“ bezahlt sei, konstatiert Dr. Christian Tischberger, Allgemein- und Sportmediziner in der Laussa. HÄND ist die Abkürzung für „Hausärztlicher Notdienst“ (141) und steht für ein System, das Politiker und Standesvertreter gerne als Aushängeschild für andere Bundesländer herzeigen.

Damit könnte bald Schluss sein, denn die Steirer geben nun ihrerseits ordentlich Gas – und zwar mit der neuen Gesundheitshotline 1450, über die auch gleich der neue Bereitschaftsdienst (141) disponiert wird, samt Entsendung eines Visitenarztes. Fehlt dieser oder braucht er länger als eineinhalb Stunden, übernimmt das Rote Kreuz. In der zweiten Aprilwoche gab es laut Gesundheitsfonds Steiermark bereits 2.236 Anrufe, davon nur 460 Anrufe auf 141 und 1.776 Anrufe auf 1450, heißt es auf Anfrage. Freilich haben die Steirer auch Probleme: Die Hotline ist so überhitzt (Karwoche: 2.500 Anrufe), dass viele in der Warteschleife hängen bleiben.

HÄND à la carte

In Oberösterreich, hier startete die Hotline 1450 am 18. März, gingen in der ersten Woche lediglich 260 Anrufe auf 1450 ein. Wird zum HÄND vermittelt, entscheidet nur dieser über einen persönlichen Arztkontakt – der ist jedoch in riesigen HÄND-Bezirken trotz größten Bemühens nicht immer machbar. Die Ärzte sind oft aus logistischen Gründen zu Telefonvisiten gezwungen. Der Grund: Anders als in der Steiermark kochte jeder Bezirk sein eigenes Süppchen, teilweise im Druckkochtopf und ohne Chef de Cuisine. Die Bandbreite reicht nun von einem HÄND-Arzt auf 10.700 Einwohner* (Gmunden Süd II) über 18.700 Einwohner auf 84 km2 (Urfahr-Umgebung Ost I) bis hin zu zwei HÄND-Ärzten für 135.000 Einwohner (Vöcklabruck West und Ost). Obwohl es zusätzlich zur HÄND-Pauschale noch Zuckerln gab wie Fahrdienst durch das Rote Kreuz (RK) samt Auto mit Notfallmedikamenten, Defi, EGK, Harnkatheter etc., lehnten die Ennstaler ab.

„Wir waren uns alle einig, auch die Jungen“, berichtete Tischberger, „weil der Sprengel für unsere Begriffe zu groß und zu unwegsam ist.“ Die regionalen Ärztevertreter setzten sich dafür bei der Ärztekammer erfolgreich ein. Auch die HÄND-Kollegen hätten nichts gegen die Weiterführung des bisherigen Dienstsprengels gehabt. Sonst wäre der neue Sprengel fast 1.000 km2 groß gewesen. Mit der ihnen daraufhin zugeschanzten Bezeichnung „Gallier“ oder etwas despektierlicher „Appendix“ könne man schon leben, meint Tischberger. Er sieht die Bereitschaft, für die Patienten eine praktikable Lösung anzubieten, durchaus als „Vorbild“ für ähnliche Regionen. Sechs Ärzte teilen sich im 415 km2 großen Einzugsgebiet der RK-Ortsstelle Weyer die Bereitschaften: ein Dienst wochentags von 19 bis 7 Uhr für knapp 200 Euro, jedes sechste Wochenende Rufbereitschaft von 7 bis 7 Uhr für rund 300 Euro plus Einzelleistungen.

Lange Anfahrtswege

Warum Weyer & Co nicht beim HÄND sind, erklärt Tischberger just mit jenen „regionalen Besonderheiten“, die anderen HÄND-Kollegen zu schaffen machen: Steyr-Land sei sehr weit verzweigt, die Bevölkerung im Inneren Ennstal verstreut. Gerade im Herbst, Winter und Frühjahr wären die langen Anfahrtszeiten von einem auswärtigen HÄND-Stützpunkt bzw. vom NEF (Notarzteinsatzfahrzeug) Steyr oder NEF Waidhofen (NÖ) wetterbedingt noch länger gewesen, zumal es ja von den vier Ortschaften aus erst in Richtung Bauernhöfe gehe. Der Hubschrauber könne auch nicht immer fliegen. Und die oft geforderte Trennung von HÄND und Notarzt sei in der Praxis nicht immer durchführbar. Die Gallier verdienen zwar deutlich weniger, die Herausforderungen des größeren Nachbarbezirks Kirchdorf an der Krems ersparen sie sich aber. Dort ist ein in der Bezirkshauptstadt stationierter HÄND-Arzt für 50.200 Einwohner auf 1.170 km2 (zwei Gemeinden sind beim HÄND Steyr-Land, Anm.) zuständig.

„Da wär’ ich am Gardasee“

Im ehemals südlichsten und größten Sprengel (530 km2) mit rund 10.000 Einwohnern und einem Bezirksaltenheim, das eher selten einen HÄND-Arzt zu Gesicht bekommt, fingen sieben Hausärzte viele Fälle im Bereitschaftsdienst-Rad ab, die jetzt mit der „Rettung“ oder privat in die Ambulanz nach Kirchdorf fahren, Selbst-Triage inklusive. Überdies übernahmen die Ärzte, fast alle mit Notarztdiplom, die notärztliche Erstversorgung, bis der "echte" Notarzt kam. Zu tun gab es genug. Früher habe er an manchen Wochenend-Diensten 500 bis 600 km zurückgelegt, erinnert sich Dr. Holger Grassner, Gemeindearzt von Hinterstoder (Bild). Legendär sein Ausspruch: „Da wär’ ich schon am Gardasee.“ Grassner übernimmt jetzt jede Woche einen HÄND-Dienst. Die Mission Impossible, wo man bei einer Nord-Süd-Ausdehnung von 60 km zuerst hinfahren soll, versucht er mit einer „g’scheiten Triage“ zu lösen. Zudem macht er mit zwei anderen Ärzten der Region eine „Notfallbereitschaft“ für das Rote Kreuz – unbezahlt und unstrukturiert. Dass die ärztliche Versorgung vom unbezahlten Engagement einzelner Ärzte und vom Zufall abhängt, „finde ich nicht richtig, aber ich mache das, um Lücken im System abzufedern“.

Patienten „abgeschasselt“

Ähnlich krass: Im Bezirk Vöcklabruck, HÄND West, kommen zur Nord-Süd-Ausdehnung von zirka 50 km der Attersee und der Mondsee, die teilweise zu umfahren sind. „Der HÄND ist für die Ärzte ein Riesen-Gewinn, aber für die Patienten eine Katastrophe“, sagt Dr. Stefan Haselbruner, Allgemeinmediziner in Frankenmarkt, unumwunden. Damit meint er nicht jene 70 bis 80 Prozent, die an den Wochenenden HÄND-Ordinationen „missbrauchen“, um sich wochentags lange Wartezeiten zu sparen. Er meint jene, die die doppelte Distanz (des Spitalsweges) in eine HÄND-Ordi fahren müssten – „das macht natürlich kein Mensch!“ Auch Altersheime würden manchmal telefonisch „abgeschasselt“. Erst neulich rief eine Pflegekraft eines seiner Heimpatienten dreimal wegen akuter Bauchschmerzen den HÄND an. Dreimal hieß es „Schmerzmittel geben“. In der Früh, der Patient schrie vor Schmerzen, rief das Heim in der Ordi an. Haselbruner fuhr hin, diagnostizierte einen Harnverhalt und katheterisierte umgehend. Der junge Arzt macht pro Monat ein bis drei HÄND-Wochenenddienste tagsüber. Er fährt dabei jeweils etwa zehn bis 20 Visiten. In der Einführungszeit des HÄND war die Frequenz um etwa die Hälfte höher, erinnert er sich. Einerseits dürfte mehr telefonisch beraten werden, andererseits fahren mehr Patienten notgedrungen ins Spital. „Die Leute sind nicht gesünder geworden“, vermutet Haselbruner, „sondern werden stattdessen in die Ambulanzen getrieben.“

Keine Dauerlösung

Dennoch: Der HÄND, der übrigens in Vöcklabruck ganz offiziell bei „dispositiver Rechtfertigung per Pager“ zu Notfällen geschickt wird, sei derzeit die „bestmögliche Versorgung“, aber in der jetzigen Gestalt keine Dauerlösung – weder für Ärzte noch für ihre Patienten. Seine Vorschläge: Geringere Pauschale plus Einzelleistungen, mehr HÄND-Dienststellen oder „ärztliche“ First-Responder-Systeme wie in Niederösterreich. Denn auch die ehrenamtlichen Sanitäter stöhnen, die Dienstbereitschaft ging zurück, weiß Haselbruner, stv. RK-Ortsstellenleiter von Frankenmarkt. Eine zentrale professionelle Triage wie in der Steiermark wäre in Vöcklabruck nicht denkbar: Es gäbe dann sicher 20 bis 25 Visiten pro Dienst, „das schaffen wir nicht“. Grassner aus Hinterstoder hält das jetzige System für das einzig mögliche (Landärztemangel, Generation Y etc.), es sei „der kleinste gemeinsame Nenner“. Eine Sofortlösung wäre, „wenn sich mehr Ärzte für eine unbezahlte Notrufbereitschaft melden“.

 

* Zahl wurde in der Online-Version korrigiert.

 

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