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Rosenkrieg in der Primärversorgung Donaustadt

Mahnmal statt Leuchtturmprojekt? In der Primärversorgung Donaustadt sind zwei von drei Ärztinnen am Absprung. Der Fall zeigt, dass der Betrieb von Versorgungszentren in der Praxis schwierig ist – und für Ärzte mitunter ein riskantes Unterfangen. (Medical Tribune 50-52/18)

Der Dienstplan ist verdächtig: Schon seit Mitte Juni 2018 lassen sich Dr. Kubik und Dr. Pichler-Neu vertreten.

Groß wurde es angekündigt und mit viel Prominenz eröffnet (dabei gaben sich die damalige Gesundheitsministerin Dr. Pamela Rendi-Wagner, Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger, Ärztekammer-Präsident Dr. Thomas Szekeres und WGKK-Chefin Ingrid Reischl die Klinke in die Hand). Seither hört man aber wenig vom „PHC Donaustadt“ – vor allem wenig Aufbauendes. Rund um das Primärversorgungszentrum ranken sich – wie berichtet – Gerüchte über schwache Auslastung und Streitereien zwischen den Betreibern. Medical Tribune wollte es genau wissen und fragte nach bei Dr. Regina Ewald, der Hauptgesellschafterin des Zentrums.

Danach waren allerdings fast noch mehr Fragen offen als zuvor. Und unsere Neugier entfacht. „Gerne bestätigen wir, dass unter den ÄrztInnen allseitiges Einvernehmen besteht“, betont Ewald in einem schriftlichen Statement. „Unser erstes Jahr Primärversorgung Donaustadt ist eine einzige Erfolgsgeschichte für uns, unsere PatientInnen und unsere niedergelassenen KollegInnen.“ Zusätzlich zur Ambulanzentlastung des Donauspitals habe man eine deutlich versorgungswirksame Patientenfrequenz. Aufgrund des schnellen Wachstums sei 2019 eine Reorganisation geplant. Dann wird Ewald etwas kryptisch: „Wir möchten gerne entweder eine vierte GesellschafterInnenstelle anbieten oder eine oder zwei Beteiligungen neu ausschreiben lassen, um KollegInnen mit Zeitkapazitäten für volles Engagement in unserer Primärversorgung Donaustadt Einstiegsmöglichkeiten anzubieten.“

Dank „unserer sehr guten Auslastung“ würden, wie Ewald betont, „zeitweise“ auch Vertretungsärzte in ihrer Primärversorgung arbeiten. Das klingt beinahe schon zu gut, um wahr zu sein. Dies, zumal die Spekulationen über interne Streitereien doch mehr als nur Gerüchte sind. Selbst höchste Funktionäre der Ärztekammer hatten der Medical Tribune bereits Anfang Dezember bestätigt, dass es in der Donaustadt zumindest anfangs „erhebliche Probleme“ gegeben habe und die Situation „sehr schwierig“ gewesen sei. Ärztekammer-Präsident Szekeres weist in dem Zusammenhang auf generelle Risiken hin, die Ärzte eingehen, wenn sie sich über eine Ausschreibung zu einem PHC zusammenschließen. Das sei wie ein „Blind Date“ und in der Folge dann schlimmer als in einer Ehe, weil man sich nicht so einfach trennen könne und sogar die Existenz gefährdet sei.

Gruppenpraxis ohne Gruppe?

Dass Ewald kein Wort über interne Querelen oder gewisse Anlaufschwierigkeiten verliert, ist dann doch überraschend. Noch etwas passt nicht so recht in das von ihr gemalte rosige Bild: Schon seit Längerem (seit 11. Juni 2018) ist bei den Ordinationszeiten nur Dr. Ewald selbst als reguläre Ärztin eingetragen, bei den Namen ihrer Partnerinnen, Dr. Ursula Pichler-Neu und Dr. Ida Kubik, steht stets das Wort „Vertretung“ (siehe Screenshot im Bild). Dies übrigens durchgehend bis Juni 2019! Was ist danach? Und vor allem: Sind die beiden Ärztinnen gar nicht mehr aktiv tätig? Trotz erneuter Nachfrage blieb Ewald eine Antwort schuldig. Das PHC firmiert laut Firmenbuch als „Dr. Regina Ewald & Partner Gruppenpraxis für Allgemeinmedizin OG“. Ewald hält 70 Prozent der Anteile, ihre beiden Geschäftspartnerinnen je 15 Prozent. Die WGKK, die das Projekt gemeinsam mit der Stadt Wien fördert (mit 270.000 Euro pro Jahr, davon 195.000 von der Stadt), gibt sich auf Anfrage recht zugeknöpft: „Die Gestaltung der täglichen Zusammenarbeit ist Sache der Gesellschafterinnen, als WGKK maßen wir uns hier auch keine Beurteilung an“, heißt es.

Stille Teilhaberinnen

Eine interessante Aussage stach der Medical Tribune dann aber doch ins Auge: „Es ist korrekt, dass es zu einem Gesellschafterwechsel in der Gruppenpraxis kommen wird“, so die WGKK. Ein solcher sei mit den Gesellschafterinnen und der Ärztekammer für Wien vereinbart. Die Ausschreibung der Stellen erfolge für vier Monate. „Wichtig ist für uns, dass in der Zeit zwischen dem Übergang die Versorgung uneingeschränkt weitergeführt wird, dies ist aus jetziger Sicht gewährleistet. Aktuell sind für Dr.in Kubik und Dr.in Pichler- Neu Vertretungen gemeldet.“ Gesellschafterwechsel. Übergangszeit. Vertretungen gemeldet. Also doch nicht alles eitel Wonne? Kubik und Pichler-Neu waren zu keiner Stellungnahme bereit, was auch nicht unbedingt als Beleg der eingangs geschilderten Harmonie zu werten ist.

Für ein PHC ungewöhnlich: Ewald schupft(e) die Gruppenpraxis über weite Strecken alleine, wie auf www.phc-donaustadt.at zu sehen ist. Sie hat seit Juni 2018 sogar drei Wochen alleine ordiniert und vier Wochen jeweils 45 bzw. 49 von 50 Stunden. Auch sonst waren Vertretungen relativ spärlich, ebenso ordinierten zwei Ärztinnen selten gleichzeitig. Was bedeutet das für die Fördergelder? Ewald braucht jedenfalls dringend neue Partner, sollten Kubik und Pichler-Neu tatsächlich abspringen. Denn an einem PHC müssen laut Auskunft der Ärztekammer mindestens drei Ärzte beteiligt sein. Der KAV bestätigt indes artig die Entlastung des Donauspitals durch die Gruppenpraxis: „Im Schnitt übernimmt das PHC Donaustadt 100 Patientinnen und Patienten im Monat, Tendenz steigend“, antwortet der Spitalsbetreiber auf Anfrage. Die Zusammenarbeit funktioniere „sehr gut“. 100 Patienten pro Monat bedeuten rein rechnerisch drei Patienten pro Tag bzw. fünf ohne Wochenenden.

Die Entlastung der Ambulanz hält sich somit in Grenzen, wenn man bedenkt, dass die Erstversorgung des Donauspitals 2018 im Schnitt 5.350 ambulante Patientenkontakte (Frequenz) monatlich verzeichnet hat. Das sind knapp 180 Patientenkontakte täglich. Für die Entlastung des Donauspitals zahlt die Stadt Wien 120.000 Euro jährlich an das PHC, schlüsselt die WGKK die Fördergelder auf. Dazu fließen je 75.000 Euro (Stadt und WGKK) als pauschale Abgeltung der Mehrleistungen. Wie eine so hohe Fördersumme – gegenüber Einzelpraxen – zu argumentieren sei, wollte Hauptförderer Gesundheitsstadtrat Peter Hacker nicht beantworten. Er spielt den Ball an die WGKK zurück, diese sei „in erster Linie“ für den ambulanten Bereich zuständig.

Sein oder Nichtsein: Keine exzellente Lehrpraxis der MedUni Wien

Neben Rüffel für „Die Presse“, die Ende Mai schon über Streitereien im PHC Donaustadt berichtet hatte, rührt Dr. Ewald zu oben zitierten „Klarstellungen“ an die Medical Tribune auch kräftig die Werbetrommel für ihre Primärversorgung: „[…] Insbesondere bieten wir ein ansprechendes und anspruchsvolles Arbeitsumfeld und die Möglichkeit der Zusammenarbeit in einem sehr harmonischen und freundschaftlichen Team. Dies alles ohne Wochenend- und Nachtdienste und mit familienfreundlichen und individuell zu vereinbarenden Arbeitszeiten innerhalb unserer 50-Wochenstunden-Öffnungszeiten. Trotzdem sehen wir als sehr große Herausforderung insbesondere den Mangel an DGKP. Für alle, die sich für eine Mitarbeit in unserer Primärversorgung Donaustadt interessieren, bieten wir ein kostenloses und unverbindliches 12-wöchiges Arbeitstraining an. […]

Dieses Angebot mit dem Ziel der Übernahme in ein Dienstverhältnis gilt gleichermaßen für alle medizinischen Berufsgruppen, somit insbesondere für PraktikantInnen, Sprechstundenhilfen, OrdinationsassistentInnen nach dem MAB-G und für DGKP. Für weitere bei uns tätige Berufsgruppen, insbesondere für DiätologInnen und PsychotherapeutInnen, gelten spezielle Aus- und Fortbildungsregelungen. Unsere Primärversorgung Donaustadt wird auch als anerkannte Lehrpraxis geführt, sodass wir auch TurnusärztInnen, ÄrztInnen im KPJ und FamulantInnen ausbilden. Unsere Primärversorgung Donaustadt ist weiters auch im – nur wenigen Ordinationen vorbehaltenen – Exzellenzprogramm der Med- Uni Wien gelistet (https://allgmed.meduniwien.ac.at/lehre/kpj/informationen-zum-exzellenzprogramm-kpj-allgemeinmedizin-wien-fuer-studierende/). Allen interessierten ÄrztInnen bieten wir flexible Möglichkeiten des Kennenlernens und der Mitarbeit an.

Mit jus practicandi und wenn sich schließlich alle Puzzlesteine perfekt zusammenfügen, kann in der Folge auch die Möglichkeit der Übernahme von Gesellschaftsanteilen und der Einstieg als GesellschafterIn angedacht werden.“ Jedoch: Laut Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Abt. für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, MedUni Wien, ist das PHC Donaustadt weder im KPJ-Exzellenzprogramm (finanziert von Stadt & WGKK) noch in der normalen KPJ-Liste (Voraussetzung für das Exzellenzprogramm), sondern nur in der Famulaturliste der MedUni. Zudem sei der Zugang zum Exzellenzprogramm nicht schwierig, man müsse sich einfach anmelden (derzeit im Programm: PHC Medizin Mariahilf, sechs Einzelordis, zwei Gruppenpraxen). Sönnichsen zu Ewalds offenbar unrichtigen Angaben: „Dazu sage ich nichts.“

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