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Österreich hat (k)einen Ärztemangel

Ärztemangel in Österreich? Nein, wir haben nur ein Verteilungsproblem, sagen Rektoren bei einem runden Tisch in Kärnten. Das sieht Niedergelassenen-Chef Dr. Johannes Steinhart anders – gerade, was Kärnten betrifft. (Medical Tribune 47/18)

Hat unser Land genügend Nachwuchs, um die in Pension gehenden Ärzte zu ersetzen? An diesem Thema scheiden sich die Geister.

Österreich habe keinen Ärztemangel, „sondern vielmehr ein Verteilungsproblem. Immer weniger Ärzte werden direkt beim Patienten wirksam.“ Das sagten keine Geringeren als vier Spitzenkräfte der Universitäten und der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG): Univ.-Prof. Dr. Oliver Vitouch, Rektor der Uni Klagenfurt und Vizepräsident der Universitätenkonferenz, Dr. Doris Lang-Loidolt, Vizerektorin der Med Uni Graz, Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder, Vizerektorin der MedUni Wien, und GÖG-Geschäftsführer Dr. Herwig Ostermann. Sie alle konnte die Kärntner Gesundheitsreferentin Dr. Beate Prettner (SP) vergangene Woche zu einem runden Tisch begrüßen, zu dem sie geladen hatte. Die Vorgeschichte: Da das Medizinstudium der „Dreh- und Angelpunkt für das künftige Ärzteangebot“ sei, stehe Prettner mit Universitätsrektoren „im regen Austausch“. Nach persönlichen Gesprächen arrangierte sie nunmehr dieses Tête-à-Tête.

Mehr Ärzte am Patienten

Um die Probleme zu lösen, wurde betont: Wesentlich sei, bereits während des Studiums auf die Stärkung der Allgemeinmedizin zu fokussieren. Die Experten sehen aber nicht nur im Studium selbst, sondern auch rund um das Studium „Entwicklungspotenzial“ hinsichtlich der Allgemeinmedizin – ein Potenzial, das von den Med-Unis und der Medizinischen Fakultät gemeinsam mit dem Wissenschaftsministerium formuliert worden sei. Jungmediziner sollten außerdem nach ihrer universitären Ausbildung „schnellstmöglich patientenwirksam“ tätig werden können. „Wir haben das Zugangssystem zu optimieren. Es ist so umzugestalten, dass mehr Ärzte beispielsweise als Allgemeinmediziner oder Psychiater vor Ort am Patienten ihr Wissen anwenden“, schlug Prettner vor. Für sie war der runde Tisch „ein wichtiger Schritt, um eine Brücke zu bauen zwischen Politik, Planungsebene mit der Gesundheit Österreich und Ausbildungsebene mit den Med-Unis und der Medizinischen Fakultät und um Schwachpunkte ebenso wie Chancen zu diskutieren“. Allen müsse es letztlich darum gehen, die medizinische Versorgung in Österreich auf Top-Niveau für die Zukunft abzusichern.

„Die Situation könnte kippen“

Wie ist die Situation in Kärnten? Das südlichste Bundesland verfüge aktuell mit 643 Allgemeinmedizinern, 258 davon mit Kassenvertrag, über eine flächendeckende hausärztliche Versorgung, informierte Prettner. Derzeit sei nur eine Kassenstelle, nämlich in Kötschach-Mauthen im Bezirk Hermagor, vakant. „Alle anderen Hausärzte-Planstellen sind besetzt. Damit weist Kärnten ein so dichtes Allgemeinmediziner-Netz auf wie nie zuvor“, erklärte sie. Doch die Situation könnte in den nächsten Jahren „sehr wohl kippen“ – einerseits wegen bevorstehender Pensionierungen, andererseits wegen neuer Lebens-Berufs-Modelle von Ärzten. „Wir müssen daher rechtzeitig gegensteuern“, sagte Prettner und erinnerte bei der Gelegenheit an das Landärztepaket, das Kärnten bereits im Februar gemeinsam mit Gebietskrankenkasse und Ärztekammer geschnürt habe.

Es beinhalte u.a. eine Sonderunterstützung für Landärzte von bis zu 2.000 Euro pro Quartal. Doch wie sehen das Ärzte-Vertreter? Hat nun Österreich tatsächlich ein Verteilungsproblem? Und wenn ja, wie könnte dieses gelöst werden? „Es mag sein, dass es aktuell ein Verteilungsproblem gibt, aber man kann nun einmal keinen Arzt zwingen, eine Kassenstelle anzunehmen. Auch für Ärzte gibt es immer noch eine freie Berufswahl“, betont Niedergelassenen-Bundeskurienobmann Dr. Johannes Steinhart. „Dass es aber keinen Ärztemangel gibt, wäre eine sehr kurzfristige Sichtweise der Situation, vor allem in Kärnten“, setzt der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer nach. Denn das durchschnittliche Alter der Kärntner Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag beträgt laut Ärztekostenstatistik 58 Jahre.

„39 Prozent dieser Ärzte sind über 60 Jahre alt – und nur acht Prozent unter 45. Wohin diese Kurve führt, kann sich jeder ausrechnen“, gibt Steinhart zu bedenken. Schon heute seien 12,2 Prozent der Kärntner Kassenärzte in der Allgemeinmedizin über 65 Jahre alt, könnten also jederzeit ihren Ruhestand antreten. Sein Lösungsweg: den Beruf des Allgemeinmediziners wieder attraktiver zu machen und den Nachwuchs zu motivieren, „sich wieder für eine Tätigkeit als Hausarzt zu begeistern“. Dass die Allgemeinmedizin schon im Studium gestärkt werden soll – etwa durch die Etablierung von Lehrstühlen für Allgemein- und Familienmedizin an allen Unis –, stehe ja etwa auch im kürzlich veröffentlichten Masterplan Allgemeinmedizin, den die Ärztekammer mitgestaltet hat.

Hoffnung auf Kassenfusion

Nach dem Studium brauche es weitere wichtige Impulse wie den FA für Allgemeinmedizin oder auch das Kärntner Landärztepaket. „Dazu setzen wir große Hoffnungen in attraktivere Kassenverträge auch in Hinblick auf die neu organisierte Österreichische Gesundheitskasse. All diese Maßnahmen zusammen sind unsere beste Chance, dem Ärztemangel, der sich in den kommenden Jahren noch deutlich verschärfen wird, nachhaltig abzuwenden“, ist Steinhart überzeugt.

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