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Seit wann genau ist helfen kriminell?

Am Straßenrand geht ein kleines Mädchen. Sie ist zirka sechs Jahre alt. Aber vielleicht ist sie ja auch schon acht oder zehn – genau weiß man das bei diesen unterernährten Kindern ja nie. Die sehen immer jünger aus. Auf dem Kopf balanciert sie einen Eimer. Damit wird sie heute noch mindestens zehn Kilometer weiter laufen müssen, um aus einem schmutzigen Schlammloch, das sich Brunnen schimpft, das Wasser für ihre Familie zu holen. Für jeden von ihnen gibt es weniger von dieser Brühe am ganzen Tag, als wir bei einer einzigen Toilettenspülung ver(sch)wenden. Trinkwasser. In unserem Fall. Natürlich gibt es Wasser in ihrem Land. Unweit vom Dorf laufen riesige Bewässerungsrohre vorbei. Bekommt das Dorf vielleicht doch einen Brunnen? Nein, sicher nicht. Denn die Bewässerungsrohre gehen zu den Plantagen. Da­rauf wachsen Kaffee oder Blumen. Sie sind schön, diese Blumen. Bunt. Und für Europa bestimmt. Genauso wie der Kaffee. Auf den Plantagen arbeiten Sklaven, nur dass sie heute nicht mehr so genannt werden. „Fair Trade“-Jobs sind selten.

Aber noch immer besser auf den Plantagen als in den Minen. Afrika ist reich an Bodenschätzen. Seit Jahrhunderten teilen wir uns Afrikas Gold und Diamanten. In der letzten Zeit benötigen wir auch seine ganzen seltenen Erden und bislang eher unbekannten Schätze. Immerhin wollen wir unsere umweltfreundlichen Hybridautos fahren und brauchen auf jeden Fall einen Laptop, ein Smartphone und wahrscheinlich auch ein Tablet. Und diese Dinge wiederum benötigen Akkus. In den Minen arbeiten andere Sklaven. Kinder hinunter bis zum Alter von sechs Jahren. Sie sind klein und wendig. Sicherheitsmaßnahmen oder Arbeitnehmerschutz gibt es nicht. Vielleicht hat es das kleine Mädchen am Straßenrand, das Wasser nach Hause trägt, im Verhältnis eh nicht so schlecht getroffen. Trotzdem, ihr Leben ist schon vorbei, bevor es richtig begonnen hat. Aber keine Angst, sie wird nicht als Wirtschaftsflüchtling nach Europa kommen. So weit würde sie es nie schaffen.

N wie Nachhaltigkeit

Was wir brauchen, ist ein Umdenken. Eine Nachhaltigkeit, die global gesehen wird. Ein langsamer Ausgleich. Und auch Verzicht in unseren Breiten. Das Eingeständnis, dass andere mit ihrem Leben für unseren Wohlstand bezahlen und dass sich das ändern muss. Aber ganz im Gegenteil: Statt auszugleichen shiften wir nur noch weiter und extremer. Die Reichtümer der Welt konzentrieren sich in den Händen einiger weniger, und wir werfen ihnen begeistert noch mehr Beute in den Rachen. Weil wir aus irgendeinem abstrusen Grund hoffen, dass uns das auch ein bisschen reicher und damit ein bisschen glücklicher macht. Kürzlich bin ich in einer Kirche gestanden und habe die Fresken bewundert. Und dabei ist mir aufgefallen: Diese wunderbaren und eindrücklichen Darstellungen von Neid, Habgier usw.: Leute, das sind nicht die christlich-abendländischen Tugenden, deren Verlorengehen ihr so laut bejammert. Es sind die sieben Todsünden!

Wer es schafft, vor Krieg oder Hunger zu flüchten, landet irgendwann in Libyen. In einem Konzentrationslager. Dort herrschen Hunger, Dreck und Elend. Dort wird fröhlich gefoltert und vergewaltigt. Aber glücklicherweise sehen wir davon nichts und sind froh, dass Libyen die Drecksarbeit für Europa macht. Wer die Hölle nicht mehr erträgt, zerbricht oder stirbt. Manche aber sind stark und wollen leben. Bei Nacht und Nebel geben sie sich in Gottes oder Allahs Hände und wagen es in einem überfüllten Schlauchboot ins Mittelmeer. Ein Kleinkind kann nicht aufhören vor Angst zu schreien. Der Schlepper wirft es ins Meer, um die Aktion nicht zu gefährden. Alle sind starr vor Entsetzen. Das Boot wird entweder kentern und alle werden ertrinken. Oder die libysche Küstenwache bringt es auf und zwingt es zur Rückkehr.

Oder – je nach Crew und Captain – hilft ihm beim Kentern. Sollten es diese Menschen jemals über das Meer schaffen, so wird ihnen tagelang das Anlegen verwehrt. Bis irgendein Hafen sie dann doch aufnimmt. Völlig traumatisierte Menschen, die neben sich stehen, verlassen das Schiff. Klammern sich an ihre letzten Wertsachen, die ihnen noch nicht abgenommen wurden, und an ihr Smartphone, weil sie hoffen, Kontakt mit ihrer Familie herstellen zu können. Die Schwester des kleinen ertränkten Mädchens klammert sich an dessen Puppe. Die Mutter spricht nicht mehr.

Aber in Zukunft wird das anders. Nordafrika soll Lager einrichten. Die haben seltsamerweise keine Lust dazu. Also dann etwas weiter südlich von Libyen. Eine wunderbare Idee! Die Sahelzone hat sicher die infrastrukturellen Möglichkeiten, die unser armes Europa nicht bieten kann. Und der IS ist auch nicht weit, um unter verzweifelten Menschen doch den einen oder anderen zu rekrutieren. Aber die Landruten sind geschlossen und das Versprechen lautet: Kein Flüchtling wird mehr über das Mittelmeer nach Europa kommen. Blöderweise versuchen die es weiter. Also muss man sie ertrinken lassen, wenn sie es irgendwie geschafft haben, den KZs zu entkommen. Und deshalb ist es wichtig, humanitäre Hilfe zu kriminalisieren. Bergungsschiffe nicht mehr auslaufen zu lassen und Beobachtungsflüge zu stoppen. Wenn keiner ein Flüchtlingsboot sehen oder bergen kann, ist auch keines da. Dann kann uns auch keiner davon berichten. Und wenn man uns einmal fragt, können wir mit wirklich gutem Gewissen sagen: „Wir haben von dem allen ja nichts gewusst.“ Unsere Groß- und Urgroßeltern wären stolz auf uns!

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