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MedUnis – Eine Trennung, die (fast) niemand wollte

2002 zwang das Parlament die Medizinischen Fakultäten in die Selbstständigkeit der Medizinuniversitäten. Speziell in Innsbruck war der Widerstand damals groß und bis heute wird dem akademischen Leben an einer Volluniversität nachgetrauert. (Medical Tribune 26/18)

In Tirol hielt der Widerstand gegen die Ausgliederung der Medizinischen Fakultät besonders lange an – Unzufriedenheit ist heute noch vorhanden.

Es waren die Jahre der ersten schwarz-blauen Regierung Österreichs, in denen die Ausgliederung der Medizinischen Fakultäten der Universitäten Wien, Graz und Innsbruck beschlossen und schließlich 2003 vollzogen wurde. Im Zuge der Debatten um das Universitätsorganisationsgesetz 2002 (UOG 2002) tauchte von Regierungsseite und insbesondere durch die zuständige Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) die Idee selbstständiger Medizinuniversitäten auf. Umgehend formierte sich Widerstand, zunächst auf universitärer Ebene. Die Rektoren der betroffenen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck sprachen sich gegen die Trennung aus, ebenso eine Plattform ehemaliger Rektoren, die sich in Zeitungsinseraten gegen diesen Schritt wandten. Damit würden „die drei großen und traditionsreichen ‚klassischen‘ Universitäten zerstört“, hieß es darin, es würden „Rumpfuniversitäten“ geschaffen, die auf internationaler Ebene keine vollwertigen Partner sein könnten und in völligem Widerspruch zu den bildungspolitischen Trends in Europa stünden, hieß es in dem Inserat.

Univ.-Prof. Dr. Hans Moser, Rektor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (LFU), erklärte, im Fall einer Trennung hätte Österreich „keine Volluniversitäten im klassischen Sinne mehr“ und sprach von einem „Anschlag“ und einem „unwiederbringlichen Schaden“. Die Österreichische Ärztekammer wollte sich in dieser zugespitzten Situation nicht festlegen und sprach sich dafür aus, dass jede Universität im Rahmen ihrer Autonomie selbst entscheiden solle, welche Organisationsform sie bevorzuge. In der hitzigen Debatte mengten sich auch immer mehr Politiker ein, die sich gegen die Regierungspläne wandten, darunter nicht nur solche aus den Reihen der oppositionellen Parteien SPÖ und Grüne. Die wohl schärfste Kritik eines VP-Politikers kam in diesen Wochen und Monaten vom damaligen Innsbrucker Bürgermeister Herwig van Staa, selbst ein ehemaliger Lehrender an der LFU. Van Staa warnte vor einer Zerschlagung der Universitäten und in weiterer Folge dem Beginn einer „Auftragsforschung“ und kündigte „unerbitterlichen Widerstand“ an. Seiner Ansicht nach sei „dort, wo Macht, Geld und Einfluss entscheidend sind“, der Drang nach eigenen Gremien spürbar. Damit sprach van Staa wohl eines der mutmaßlichen Motive für die Ausgliederung und der dahinterstehenden Interessen an. Obwohl sich die Medizinischen Fakultäten in Wien, Graz und Innsbruck – zumindest anfangs – gegen die Ausgliederung aussprachen, gab es maßgebliche und einflussreiche Teile der Ärzteschaft, die sich von selbstständigen Medizinuniversitäten Vorteile erwarteten.

Dramatisch erhöhter Finanzbedarf

Tatsächlich hatte sich in den Jahren zuvor der Finanzbedarf der Medizinischen Fakultäten dramatisch stärker erhöht als bei den anderen Fakultäten. So gesehen könnte es eine Überlegung der Regierung gewesen sein, bei ausgegliederten Medizinuniversitäten leichter auf die Budgetbremse steigen zu können. Spekuliert wurde 2002 auch darüber, der Wunsch der Ausgliederung komme von der FPÖ, die sich erhoffe, über die neu zu schaffenden Gremien der Universitätsräte mehr Einfluss auf das Gesundheitswesen zu gewinnen. Bemerkenswert ist, dass eine klare Argumentation für die Trennung in den Dokumenten aus 2002 nicht erkennbar ist – ganz im Unterschied zu jener der Widersacher der Ausgliederung. Während in Wien und Graz der Widerstand nachließ, hielt er in Tirol/ Innsbruck über die Beschlussfassung des UOG 2002 im August 2002 an. Mit 1. Oktober 2003 sollten die drei neuen Medizinischen Universitäten ihre Tätigkeit aufnehmen. In Innsbruck war der Neubeginn von anhaltenden Protesten gegen die Ausgliederung und von schweren Konflikten gekennzeichnet.

Während der Gründungskonvent der neuen Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) den bisherigen Senatsvorsitzenden Univ.-Prof. Hans Grunicke favorisierte, legte sich der neu geschaffene Universitätsrat auf den deutschen Mediziner Univ.-Prof. Dr. Robert Nitsch fest. Als der Universitätsrat Nitsch gegen den Willen des Gründungskonvents designierte, gab es wütende Proteste von Ärzteschaft und lokaler Politik. Schließlich scheiterten die Gehaltsverhandlungen mit Nitsch und Ministerin Gehrer kündigte eine Neuausschreibung des Postens an – da hatte das Studienjahr 2003/04 längst begonnen. Es kam zum seltenen Ereignis, dass der inzwischen zum Landeshauptmann avancierte van Staa gemeinsam mit Hunderten Ärzten auf der Straße demonstrierte. Die nachdrückliche Forderung an Gehrer lautete, Hans Grunicke als ersten Rektor der MUI zu akzeptieren. Tatsächlich gab Gehrer Ende Oktober 2003 nach und stoppte die Neuausschreibung. Diese hätte aufgrund der „aufgeheizten Stimmung“ keine „tragfähige Lösung“ erwarten lassen, erklärte Gehrer und machte den Weg für die Bestellung Grunickes frei.

„Es wäre besser nicht passiert“

Inzwischen blickt die MUI auf eine 15-jährige komplizierte Geschichte zurück. Keiner der bisherigen vier Rektoren konnte das Amt so lange ausüben, wie es den eigenen Vorstellungen entsprochen hätte, wobei die Palette von spektakulären Rausschmissen bis zur Weigerung des Universitätsrats, einer Vertragsverlängerung zuzustimmen, reicht. Die Zahl derer, die mit der Eigenständigkeit der Medizinischen Universität Innsbruck glücklich sind, dürfte auch in der Gegenwart noch deutlich kleiner sein als jene der mehr oder weniger Unzufriedenen. Zwischenzeitlich hat sich eine Mehrheit mit dem Status quo abgefunden. „Es wäre besser nicht passiert und ich habe mich damals massiv gegen die Trennung eingesetzt. Aber wir können es jetzt nicht rückgängig machen. Das würde die Pflanze gefährden, die wir jetzt hochbringen und die da und dort schon wunderbar sprießt“, sagte etwa der fünfte Rektor der MUI, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, in seinem MT-Antrittsinterview im Juni 2017.

Deutlicher war 2011 die Kritik am Istzustand durch den damaligen Wissenschaftsminister und vormaligen Rektor der LFU Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle ausgefallen, indem er sich offen für eine Wiedervereinigung mit der Stammuniversität aussprach. „Große Teile der Politik stünden einer Wiedervereinigung vermutlich positiv gegenüber und auch an den beiden Universitäten gäbe es wohl viele Stimmen in diesem Sinne“, erklärte Töchterle damals in der MT und machte weitere Argumente geltend: Eine Million Euro Einsparung auf der Führungsebene, die Ermöglichung einer engeren Zusammenarbeit in den Naturwissenschaften und „eine wiedervereinigte Uni Innsbruck würde innerhalb von drei Jahren in den Rankings wie eine Rakete emporschnellen“. Es ist davon auszugehen, dass sich der Pragmatismus, aus dem Status quo das Beste zu machen, auch in Zukunft durchsetzen wird. Das ist nicht per se schlecht oder falsch, mutig ist es jedenfalls nicht.

Die bisherigen MUI-RektorInnen:

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