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Gute Stadtplanung hält schlank

Eine so große Aktivitätsstudie gab’s noch nie: Eine Smartphone-App, die die Daten der eingebauten Schrittzähler auswertete, ermöglichte erstmals, das Bewegungsverhalten von Populationen weltweit zu vergleichen. (Medical Tribune 30-34/2017)

In Los Angeles ist Zu-Fuß-Gehen fast ein Ding der Unmöglichkeit.
In Los Angeles ist Zu-Fuß-Gehen fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Bewegungsmangel gilt als eine der Hauptursachen für die weltweite Adipositas-Epidemie. In welchem Ausmaß körperliche Inaktivität jedoch zu den großen Unterschieden in der Häufigkeit von Fettleibigkeit zwischen verschiedenen Ländern beiträgt, ist nicht so klar: Große und vergleichbare Datensätze über das Bewegungsverhalten unterschiedlicher Populationen waren bisher Mangelware.
Forscher der kalifornischen Stanford University hatten nun die Idee, die in modernen Smartphones eingebauten Schrittzähler für eine weltweite vergleichende Studie zu nutzen.

Das Team um den Computerwissenschaftler Jure Leskovec und den Bioingenieur Scott Delp verwendete dafür die anonymisierten Daten von 717.527 Menschen aus 111 Ländern, die auf ihrem Handy die kostenlose Fitness-App Argus installiert hatten, die nicht nur die körperliche Aktivität, sondern auch andere gesundheitsrelevante Parameter (Alter, Geschlecht, BMI) erfasst. Um zufällige Schwankungen auszuschließen, wurden letztendlich aber nur die Datensätze aus den 46 Ländern ausgewertet, aus denen mindestens 1000 User-Daten vorlagen. Aus diesem Grund gibt es zwar Zahlen aus Österreich, aber keine genauere Auswertung des heimischen Bewegungsverhaltens.

Wer geht am meisten?

Laut App gingen die Menschen im Schnitt 4961 Schritte pro Tag. Dabei zeigten sich jedoch beträchtliche Länderunterschiede. Die höchste tägliche Schrittzahl fand sich bei den Bewohnern Hongkongs (6880). Ebenfalls im Spitzenfeld waren die Volksrepublik China (6189), Japan (6010) und die Ukraine (6107). Schlusslichter in diesem internationalen Vergleich waren Malaysia (3963), Saudi-Arabien (3807) und Indonesien (3513). Noch geringer war die durchschnittliche Schrittzahl allerdings in einigen Ländern, die nicht in die endgültige Auswertung kamen: Laut App werden in El Salvador (3370), Honduras (3382) und Pakistan (3413) nicht einmal halb so viele Wege zu Fuß zurückgelegt wie in Hongkong.

Österreich (5351) lag mit seinen Nachbarn Deutschland und Schweiz (5205 bzw. 5512 Schritte pro Tag) im vorderen Mittelfeld, also etwas über dem weltweiten Durchschnitt. Auch Briten, Franzosen und Italiener legten pro Tag mehr als 5000 Schritte zurück, während sich die US-Amerikaner mit durchschnittlich 4774 steps/day zufriedengaben. Ein bemerkenswerter Befund: Wie viel zu Fuß gegangen wird, ist weitgehend unabhängig vom Lebensstandard: Mit 4692 Schritten pro Tag unterscheiden sich Mexikaner kaum von ihren wesentlich wohlhabenderen nördlichen Nachbarn.

Aktivitätsungleichheit fatal

Ebenfalls interessant: In manchen Ländern gibt es relativ geringe Unterschiede zwischen Viel- und Weniggehern, während in anderen die Aktivität sehr ungleich verteilt ist. Besonders groß war die Aktivitätsungleichheit (d.h. manche Menschen bewegen sich sehr viel, andere sehr wenig) in Saudi-Arabien, knapp dahinter folgten Australien, die USA, Kanada und Ägypten. Am gleichmäßigsten war die Aktivität in Hongkong verteilt, gering waren die Unterschiede aber auch in China, Japan und Schweden. Zudem zeigte sich, dass Männer generell mehr gehen als Frauen. Je größer die Aktivitätsungleichheit, desto größer waren in der Regel auch die beobachteten Geschlechtsunterschiede. In Malaysia, Saudi-Arabien und Katar betrug die „Gender Activity Gap“ sogar über 30 Prozent.

Es ist nicht sehr verwunderlich, dass die Anzahl der täglichen Schritte auch mit der Adipositasrate korreliert. Dabei kommt es allerdings nicht so sehr auf die durchschnittliche Schrittzahl an, sondern auf die Aktivitätsungleichheit: Besonders hoch ist die Zahl der Fettleibigen in Ländern, in denen einige Menschen sehr viel und andere sehr wenig gehen. Ein Beispiel dafür sind die USA. Obwohl Mexikaner im Schnitt pro Tag sogar etwas kürzere Wegstrecken zu Fuß zurücklegen als US-Amerikaner, ist die Zahl der Adipösen deutlich geringer (27,7 % vs. 18,1 %). Eine Erklärung dafür ist die geringere Aktivitätsungleichheit. Offensichtlich ist es für die Vermeidung von Adipositas nicht so entscheidend, dass die durchschnittliche Schrittrate durch sportliche Aktivitäten eines Teils der Bevölkerung in die Höhe getrieben wird, sondern wichtiger, dass möglichst alle Teile der Bevölkerung ein zumindest mäßiges Aktivitätsniveau aufweisen. Ein Positivbeispiel ist Schweden: Das skandinavische Land zeichnet sich durch eine relativ hohe tägliche Schrittzahl, eine niedrige Aktivitätsungleichheit, den weltweit geringsten Geschlechtsunterschied und eine der niedrigsten Adipositasraten aus.

Einfluss der Infrastruktur

Wer einmal in Los Angeles versucht hat, größere Strecken zu Fuß zurückzulegen, weiß, dass das fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Forscher untersuchten daher auch die Frage, welchen Einfluss die Umgebung auf das Bewegungsverhalten der Menschen hat. Dafür wurden 69 amerikanische Städte in Bezug auf ihre Fußgängerfreundlichkeit analysiert. Die Hypothese war, dass Menschen dann auf das Auto verzichten, wenn es ausreichend Gehwege und Parks gibt, der öffentliche Verkehr gut ausgebaut ist und Restaurants und Geschäfte auch zu Fuß erreichbar sind. Aus diesen und ähnlichen Faktoren wurde für jede Stadt ein „Walk­ability Score“ errechnet. Als besonders fußgängerfreundliche Städte wurden unter anderem New York, San Francisco oder Boston klassifiziert, während in Nashville, Indianapolis und Las Vegas im täglichen Leben kaum auf ein Auto verzichtet werden kann. Wie wirkt sich diese Infrastruktur nun auf das Bewegungsverhalten der Menschen aus?

Das eindeutige Ergebnis: je fußgängerfreundlicher eine Stadt ist, desto geringer ist auch die Aktivitätsungleichheit der Bewohner. Ganz offensichtlich wurden diese Unterschiede beim Vergleich von San Francisco, San Jose und Fremont, drei nicht weit voneinander entfernten kalifornischen Städten mit ähnlicher Bevölkerungszusammensetzung, aber deutlich unterschiedlichen Walkability-Scores. Tatsächlich fanden die Forscher im fußgängerfreundlichen San Francisco nicht nur eine deutlich geringere Aktivitätsungleichheit, sondern auch eine niedrigere Adipositas­rate (13,4 % vs. 18,7 % bzw. 18,2 %). „In fußgängerfreundlichen Städten neigen alle dazu, mehr Schritte pro Tag zu machen, egal, ob sie männlich oder weiblich sind, jung oder alt, normalgewichtig oder übergewichtig“, erklärte die Studien-Koautorin Jennifer Hicks. Mit anderen Worten: Für das Bewegungsverhalten einer Population – und damit letztendlich für die Gesundheit der Bevölkerung – ist auch die Stadtplanung in einem hohen Maße mitverantwortlich.

Althoff T et al., Nature 2017 Jul 20; 547(7663): 336–339, doi: 10.1038/nature23018

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