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MedUni Wien Rektor Müller: „Mehr Medizin-Plätze falscher Ansatz“

Die von Politikern geforderte Verdoppelung der Medizin-Studienplätze ist für den Rektor der MedUni Wien, Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, „der falsche Ansatz“. Österreich sei jetzt schon Netto-Produzent von Ärzten für die Welt, ein Ausbau der Studienplätze „würde das nur weiter befeuern und wir würden mit österreichischem Steuergeld noch mehr Ärzte für andere Länder ausbilden“, sagte Müller gegenüber der APA.

In den vergangenen Tagen haben Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz eine Verdoppelung der Medizin-Studienplätze gefordert. Als Grund gaben sie einen drohenden Ärztemangel an. Derzeit werden an den drei Medizin-Unis in Wien, Graz und Innsbruck und an der Uni Linz jährlich 1.680 Studenten neu aufgenommen.

Müller verwies dagegen auf die „sehr hohe Ärzte-Dichte und die extrem hohe Absolventen-Dichte“ in Österreich. Als man vor Jahren eine „Ärzteschwemme“ beklagte, habe es 20.000 Ärzte gegeben, heute umfasse die Ärzte-Liste 45.000 Personen, sagte der Rektor. Und die Medizinische Universität Wien nehme jährlich so viele Studenten neu auf (740) wie die Harvard Medical School insgesamt habe.

„System ist wie ein Drogensüchtiger“

Einen Ärztemangel gebe es nicht überall, Probleme bestünden vor allem am Land und in bestimmten Fächern, die Frage sei also die regionale Versorgung. Zudem gebe es in Österreich ein extrem krankenhauslastiges System mit sehr hoher Betten- und Krankenhausdichte, solche Strukturen würden viel Personal benötigen. „Meine These ist, dass das System wie ein Drogensüchtiger ist, das von der Droge Arzt nicht weg kommt und immer höhere Dosen braucht“, so Müller. Zudem habe man ein „ineffizentes System, das junge Leute abschreckt“, sagte er etwa unter Verweis auf Wartezeiten für Ausbildungsplätze nach dem Studium, zum Beispiel in Wien.
Dies sei mit ein Grund, warum ein hoher Prozentsatz an Medizin-Absolventen Österreich verlasse und „wir Leute in die Schweiz, nach Deutschland und die angelsächsischen Länder verlieren“. Das habe vor einigen Jahren auch eine IHS-Studie gezeigt, wonach sich 30 bis 40 Prozent der Absolventen nicht in der österreichischen Ärzteliste wiederfinde.

Zuerst Abflussproblem klären

Müller verwies auch auf eine OECD-Studie, wonach in der Schweiz 35 Prozent aller Ärzte nicht dort studiert haben. In Deutschland seien es über zehn Prozent, in Österreich dagegen nur vier Prozent. „Österreich schafft es nicht, seine Absolventen im Land zu halten, weil das System nicht attraktiv genug ist, und auch nicht Deutsche oder Schweizer nach Österreich zu holen. Die Stärke eines Standorts hängt ja auch davon ab, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuziehen und das gelingt nicht“, kritisierte der Rektor.
Bevor man über eine Erhöhung der Studienplätze nachdenke, müsste man das Abflussproblem klären. Sowohl die Krankenkassen als Träger im niedergelassenen Bereich als auch die Länder als Spitalsträger seien gefordert, diese Defizite in der Bindung der Absolventen zu beseitigen. „Da würde mir einiges einfallen, etwa das Tarifsystem der Kassen, das man durchforsten müsste“, sagte Müller etwa unter Verweis auf eine Hausbesuchs-Remunerierung von 20 bis 30 Euro brutto.

Mehr Absolventen, schlechtere Unis

Für die Unis würde eine Verdoppelung der Plätze ein Abgehen von der in den vergangenen Jahren erkämpften Strategie bedeuten, ihre Position im internationalen Bereich zu verbessern. „Das würde unser Betreuungsverhältnis dramatisch verschlechtern, uns in den Rankings massiv nach unten treiben und hätte einen Forschungsstopp zur Folge“, sagte Müller und appellierte, „die Unis nicht zu schwächen“.

Ähnlich wie der Rektor der Medizinischen Universität Wien argumentierten Experten im Ö1-Mittagsjournal: Bei einer Verdoppelung der Studienplätze würde Österreich lediglich dafür zahlen, dass die Absolventen ins Ausland gehen, warnte Ärztekammer-Präsident Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD. „Wir haben in Österreich relativ viele Studienplätze und wir haben das Problem, dass von zehn Absolventen nur sechs in Österreich zu arbeiten beginnen.“ Umgerechnet auf die Bevölkerung habe Österreich im europäischen Vergleich schon heute die meisten Absolventen, mit einer Verdoppelung der Studienplätze käme man auf das Dreifache des EU-Schnitts, rechnet Gesundheitsökonom Dr. Ernest Pichlbauer vor. „Warum man glaubt, dass man mit mehr Produktion ein Problem lösen kann, das ganz woanders liegt, verstehe ich gar nicht. Auch für Gesundheitsökonomin MMag. Maria Hofmarcher braucht es andere Maßnahmen, um den Hausärztemangel zu beheben. Sie fordert stattdessen bessere Arbeitsbedingungen und vor allem andere Praxisformen und andere Kulturen der Zusammenarbeit zwischen den Ebenen der ambulanten Versorgung.

Quelle

APAMED vom 02.09.2019

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