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Bilanz Intensivstation

Intensivmediziner warnen vor „Chamäleon“ Corona

Sie haben es mit den schwer erkrankten Covid-19-Patienten zu tun, darunter auch viele jüngere: Intensivmediziner und Infektiologen berichten auf Einladung des Gesundheitsministers von ihren Erfahrungen und auch so manch bösen Überraschungen. Der SARS-CoV-2 sei ein Chamäleon, das mittlerweile sogar Disziplinen wie Neurologie und Dermatologie beschäftigt. Dank der „sehr guten Infrastruktur“ sei man in Österreich auch auf hoher See nie in eine Triage-Situation geraten. Doch noch befinde man sich nicht im sicheren Hafen, erst auf der Rückfahrt, so der Appell der Ärzte, das Corona-Schiff nicht zu schnell zu schippern, um eine zweite Welle und auch „Second Victims“ zu verhindern.

Das dachten sich wohl viele: Eigentlich wollte er sich das Virus möglichst rasch selbst einfangen, gesund sei er ja, dann hätte er es gleich hinter sich gehabt. Mittlerweile sei er „froh“, dass es anders gekommen ist, bekennt Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer von der Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni Wien, bisher Coronavirus-frei. „Wir haben ein Chamäleon vor uns“, nicht irgendeinen Schnupfen, betont er auf einer Pressekonferenz am 20.05.2020 zur Situation von Corona-Patienten in österreichischen Intensivstationen (siehe unten). Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte drei Mediziner gebeten, aus ihrem Alltag zu erzählen, denn „da seid’s ihr an der Front“.

Von verdickten Riechnerven bis hin zu Frostbeulen

Neben überwiegend älteren Menschen seien auch jüngere betroffen, erinnert Thalhammer, seines Zeichens auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektiologie und Tropenmedizin (ÖGIM), an das mit Covid-19 assoziierte „Kawasaki-like-Syndrom“, das in Amerika und Europa bereits mehreren Kindern das Leben gekostet hat.

Das Chamäleon zeigt sich neuerdings in Frostbeulen-ähnlichen Schwellungen an den Zehen, wie Dermatologen berichten. Auch die Geruchs- und Geschmacksstörungen, die anfangs laut Thalhammer noch eine „Rarität“ waren, kommen mittlerweile bei 20-30 Prozent der Fälle vor. Der Virus dürfte auch neurotrop sein, Schädel-MRTs würden einen „etwas verdickten Riechnerv“ zeigen, berichtet Thalhammer von neueren Erkenntnissen. Was die Ärzte gelernt hätten: „Wir müssen uns mit den Patienten unterhalten“, appelliert er an die wichtigsten „ärztlichen Tugenden“, Fiebermessen alleine reiche nicht. Eine wichtige Lektion sei auch, dass mit einer Therapie „möglichst frühzeitig“ begonnen werden sollte, um das Outcome zu verbessern. „Wir werden es schaffen“, ist der ÖGIM-Präsident überzeugt, aber: Im Herbst werde es zwei Viren geben, daher „bitte gegen Grippe impfen lassen“.

„Wir waren nie in einer Triage-Situation“

Univ.-Prof. Dr. Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie an der MedUni Wien, und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), vergleicht seine Erfahrungen mit einem Schiff, das in ein Gewässer fährt, „wo andere Schiffe in Seenot oder am Kentern waren“. Schon frühzeitig habe er von Kollegen aus Italien, wo übrigens entgegen mancher Behauptungen „exzellente Medizin“ betrieben werde, von dem Virus erfahren.

Markstaller möchte sich auch bei allen Mitarbeitern im Gesundheitswesen bedanken, vor allem auch für die hohe Flexibilität: „Wir sind letztlich nicht in diesen Strom, nie in eine Seenot gekommen“, zeichnet er das Bild weiter. Stets konnte Individualmedizin betrieben werden. „Wir waren nie in einer Triage-Situation“, konkretisiert Markstaller den Vergleich, „die sehr gute Infrastruktur hat uns davor geschützt“. Die ÖGARI habe aber für den Fall des Falles Empfehlungen für eine Triage ausgearbeitet (Punkte-Score mit Cut-off, siehe anaesthesie.news).

Derzeit befinde man sich auf der „Rückfahrt in den sicheren Hafen, aber wir haben ihn noch nicht erreicht“. Auf das bisher Erreichte könne man aber schon auch stolz sein, man sollte nicht allzu kritisch mit dem Investment im Gesundheitssystem umgehen, dieses sei sehr gut gewesen. Man habe auch immer geschaut, die nicht an Covid-19 erkrankten Patienten bestmöglich zu behandeln. 80–85 Prozent aller Betten seien mit Nicht-Covid-19-Patienten belegt gewesen, informiert Markstaller, dem es auch wichtig ist, die sogenannten „Second Victims“ der Corona-Pandemie zu verhindern.

Nicht-invasive Beatmung vorrangig

Der Dritte im Bunde der Mediziner, Univ.-Prof. Dr. Günter Weiss, Internist und geschäftsführender Direktor der Medizinischen Universität Innsbruck, bei der Pressekonferenz zugeschaltet, berichtet ebenfalls von sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern. Einerseits gebe es viele milde Verläufe, andererseits aber auch sehr schwere, besonders wenn die Patienten „schlecht schnaufen“, sei eine frühzeitige Hospitalisierung wichtig. In Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten habe man es in Tirol geschafft, dafür einen Algorithmus zu entwickeln.

Vorrangig sei eine nicht-invasive Beatmung auf der Normalstation bzw. Intermediate Care, damit die Patienten erst gar nicht auf die Intensivstation kämen. Denn selbst jüngere Patienten seien durch den Aufenthalt auf der Intensivstation „massiv gezeichnet“. In einer frühzeitigen Phase könnten auch noch antivirale Therapien eingesetzt werden, eventuell auch Rekonvaleszentenplasma, im späteren Verlauf komme es zu massiven Entzündungsreaktionen, hier seien immunmodulierende Therapien das Mittel der Wahl. Eine zweite Welle zu verhindern findet Weiss auch wegen der vielen offenen Fragen notwendig. So wisse man z.B. noch zu wenig über die Langzeitfolgen von Covid-19.

Wer (nicht) in Schweden leben möchte

Thalhammer ging ebenfalls auf die Triage-Frage ein und verwies dabei explizit auf Schweden (3.831 Tote, 1.886 in Intensivpflege, 4.971 Genesene, 31.523 bestätigte Fälle, 44.000 verschobene elektive Operationen, Stand 20.05.2020). In dem „schönen Land“ möchte er derzeit nicht leben, da Menschen, die älter als 80 seien, gar nicht mehr auf Intensivstationen kämen. Im Gegensatz zu Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhart Waneck, wie medonline auf Nachfrage erfuhr. Der ehemalige Gesundheitsstaatssekretär (FP) von 2000 bis 2004 kennt das Land, aus dem seine Gattin stammt, sehr gut – auch noch von seiner Turnusärzteausbildung in Lund her. Trotz der hohen Todeszahlen in Schweden – im Monat April 2020 die höchsten seit April 1993 (alle Todesursachen)  – wartet das Ehepaar schon sehnsüchtig darauf, nach Schweden zu reisen.

Aber schönreden möchte auch Waneck nichts: Auch wenn er jetzt gerne in Schweden wäre, würde er bei einer Krankheit sofort nach Österreich zurückkommen und sich hier behandeln lassen. Auch in einem schwedischen Altersheim möchte er nicht sein, die Älteren würden zwar „nicht vernachlässigt“, aber sie hätten auch „keine Priorität“, wie er es diplomatisch ausdrückte. Die Schweden hätten eine „fatalistische Einstellung zu Mangelerscheinungen“: Denn auch wenn es seit vielen Jahren eine Unterversorgung an Ärzten und Gesundheitspersonal gebe, habe man dies einfach hingenommen, ohne etwas zu ändern.

Grundsätzlich hält Waneck, derzeit Universitätsrat der MedUni Wien, den Lockdown in Österreich für geschickt, jedoch nicht die „Panik- und Angstmache“. Seiner Meinung nach könnte man auch die Lockerungen schneller durchführen. Und das „Strafen“ und „Vernadern“ bei vermeintlichen oder tatsächlichen Übertretungen von Covid-19-Maßnahmen dürften offenbar zum „Nationalcharakter“ Österreichs gehören.

Prognose-Modell für Österreich

Sein Nachfolger Anschober bezeichnet die Verhinderung einer zweiten Covid-19-Welle bzw. einer Überlastung der Gesundheitssystems als „Schlüssel unserer Handlungen“ und geht damit auf Kritiker ein, denen die 14-tägigen Schritte bei den Lockerungen zu langsam erscheinen: International gesehen sei man bei den Öffnungen „ganz vorne“ und „sehr mutig“, aber „lieber einmal vorsichtig sein und zwei Wochen später“ lockern, als eine zweite Welle riskieren. Zumal die WHO schon aufgerufen habe, Europa solle sich auf eine solche vorbereiten. Laut Anschober gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder eine zweite Welle oder eine „Sinuskurve“ mit aufpoppenden Covid-19-Clustern, die man aber im Griff haben könne. Diese Herausforderung werde mehrere Monate dauern. Seit März würden Prognosen zu Neuerkrankungen und Bettenbelag – auch auf Intensivstationen – erstellt. Sie beruhen auf drei unterschiedlichen Prognose-Modellen der Gesundheit Österreich GmbH, der TU Wien und des Complexity Science Hub. Derzeit sei die Lage auf den Intensivstationen stabil, sagt Anschober, der sich ebenfalls bei allen Mitarbeitern im Gesundheitswesen bedankt. Die Prognose bis nächste Woche lasse keine großen Veränderungen erwarten.

Anschober gegen Impfpflicht

Für eine Impfpflicht, wie sie unter anderem Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery zuletzt gefordert hatte, ist Österreichs Gesundheitsminister nicht. Auch bei einer Impfpflicht würden sich nicht alle impfen lassen, „meine Hoffnung und Erwartung“ sei eine Bewusstseinsbildung durch die Krise, sodass sich möglichst viele freiwillig impfen lassen. Auch Thalhammer, dessen Vater als Kinderarzt noch gegen Pocken geimpft habe, sei zwar ein Befürworter von Impfungen, aber gegen Zwang, weil dies juristisch problematisch sei. Früher sei man „dankbar“ für jede Impfung gewesen, weil man die Krankheiten im Gegensatz zu heute noch „gesehen“ habe.

Intensivstationen: Zahlen und Entwicklungen der letzten Wochen

  • Erste COVID-19-Fälle in Österreich Ende Februar 2020
  • Erste Berichte von Patienten auf Intensivstationen (ICUs) Mitte März 2020
  • Gipfel der Neuerkrankungen war am 26.03.2020 mit 1.062 Patienten erreicht
  • Der Gipfel an aktiv Erkrankten war am 02.04.2020 mit 9.133 Personen erreicht
  • Der höchste Belagsstand auf Intensivstationen war am 08.04.2020 mit 267 Personen
  • 20.05.2020: 37 Personen sind auf ICUs in Österreich gemeldet; bisher 380.000 Testungen, davon 16.277 positiv; 838 aktiv Erkrankte, 633 an oder mit Covid-19 verstorben (siehe auch tägliches Corona-Update auf medonline)
  • Der Rückgang des ICU-Belags fällt flacher ab als der Rückgang der aktiv Erkrankten, da die PatientInnen relativ lange auf Intensivstationen bleiben, im Schnitt zirka 20 Tage

 

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